Mittwoch, 23. Juli 2014


Mayhem betritt WG,
Mayhem textet den WG-Häuptling planlos zu und hilft bei akutem Nikotinentzug dank großartiger Drehfähigkeiten aus.
Eins zu Null.

Zweiten WG-Kollegen, den schüchternen Asiaten, gesichtet,
Hallo gesagt,
verlegenes Handschütteln, der schüchterne Asiate flüchtet, weil er, wie ich erfahre, Angst vor Frauen hat.
Zwei zu Null.

Dritte WG-Kollegin am Telefon des Häuptlings.
"Waaaas, sie hat ne Katze? Sie MUSS bei uns einziehen!"
Drei zu Null.

Vierter WG-Kollege am Telefon des Häuptlings.
"Joa, macht ihr das mal. Klingt sympathisch, und wenn se ne Katze mitbringt und Metal hört, is das echt ziemlich cool."
Vier zu Null.

Dreißig Minuten Gespräch, zehn Minuten später, während ich auf meinen Bus warte, kommt der Anruf, wenn ich will, wollen sie auch. Und ich könnte notfalls auch jetzt schon rein.


Somit wohne ich ab spätestens 01.08. mit einem Asiaten, der Angst vor Frauen hat, zwei mir bis jetzt unbekannten, da ebenfalls erst neu eingezogenen Menschen und dem Hippiehäuptling in einem netten, kleinen, sanierten Bauernhaus in einem Vorort, gegen den das Auenland gnadenlos abstinkt.
So, wie die Treppen, Balken, Deckenvorsprünge und Türen (zumindest auf meinem Stockwerk) aussehen, wurde es auch für Hobbits gebaut.
Und es hat Blümchenlinoleumboden in der Küche!
Und alte Holztreppen!
Und einen Garten!
Und die Busverbindungen treiben mich in den Wahnsinn!

5km bis zum Bahnhof. Ich fühle mich wieder wie zuhause.
Aber ne Tanke gibts.
Und es fährt immerhin öfter als einmal am Tag ein Bus vorbei. Gelegentlich sogar Richtung Uni.

Morgen heißt es endgültig Abschied nehmen vom Mayhemmobil, und in einer Woche habe ich wieder das Vergnügen, live aus einem, nein, meinem, Dachbunker zu schreiben.



Well these times ain't always easy
And our money's running dry
These are probably going to be the best days of our lives

So here we go, back on the road again
And wish me well, I've got no soul left to sell
Although we may not have very much to show for it now
At least we have these stories to tell
Yeah we're definitely going to hell




Montag, 21. Juli 2014
Adios und alle Liebe, die sich in meinem immer noch nicht ganz zurückgekehrten Herz befindet, ans Mayhemmobil,

aller Hass dieser Welt an den Knastbruder, und aus Prinzip auch an die Vatersfreundin, und an ein paar andere Menschen,

alle Hoffnung, die ich noch habe, an die HippieNerdBanker-WG, die ich morgen besuche,

und ein "Ich lebe noch, die Welt geht unter, aber wenn ich das hier überstehe, wird alles besser" an die werte Leserschaft und so ein bisschen auch an mich selbst.

Auf dass nicht nur verloren gegangene Hoffnungen Wunschvorstellungen, sondern auch Superheldenleistungen, allgemeine Aufwärtstendenzen, und die ein oder andere nette Begegnung*, sowie ein paar gute Möbelfunde zum Ausgleich der wunderprächtigen Erb- und Schnorrstücke, die sich in die Abgründe des Verfalls gestürzt haben, meinen Weg säumen.


Der selbstverständlich nach wie vor begleitet wird von ganz viel Geschepper und Getöse (Wieso habe ich darüber eigentlich noch keinen Blog gestartet?), weltbewegenden Erkenntnissen, diversen seltsamen Auswüchsen meiner Psyche und einem alles bedeckenden Teppich aus Katzenhaar.








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*natürlich gerne langhaarig und bärtig, aber ich bin da ja flexibel und zur Zeit erstaunlich emotionstot, außer dieser eine langhaarige Bärtige,der mal meiner war, steht, samt neuem Anhang, vor mir, wie am Freitag. Aber auch das hat man überlebt. Ich habs drauf.




Sonntag, 13. Juli 2014
Die letzte WG liegt am Ende einer sehr, sehr langen Straßenbahnschienengerade, etwas abseits vom Gehsteig in einem schon etwas älteren Gebäude.
Drinnen riecht es wie im Rathaus in Mayhemsdorf, in dem ich meine halbe Kindheit verbracht habe, weil meine Mutter und der Rest der Theatergruppe (inklusive meinem mutmaßlichen Erzeuger) dort immer geprobt haben, und sogar die Treppe sieht so ähnlich aus.
Als ich den ersten Stock erreiche, stelle ich fest, dass selbst der Boden "passt".
Instant Heimatgefühl.
Nach ein paar Minuten verlässt ein anderer Kandidat die Wohnung und ich werde rein gebeten.

Mitbewohner2 ist Koch und gerade nicht da, Mitbewohner1 ist Journalist, um die 40 und, wie ich schnell feststelle, Metalmensch aus Leidenschaft.
Quasi subkultureller Heimvorteil für mich.
Die Tatsache, dass ich nicht nur halbwegs in der Szene verhaftet, sondern auch noch hochsympathisch und mit dem besten Humor der Welt ausgestattet bin (und kein bisschen pseudoarrogant) scheint irgendwie auch zu helfen, jedenfalls verquatscht man sich eine Dreiviertelstunde, bevor ich dann doch los muss, Tante Emma am Bahnhof einsammeln und weitertingeln Richtung Konzert.
Der Journalist sagt, am Dienstag fällt er eine Entscheidung, und ich weise nochmals darauf hin, dass ich eh die sympathischste Kandidatin bin.
Dreistigkeit siegt, und so.
Er meint, ich sei auf jeden Fall mit Abstand die Ehrlichste und Direkteste gewesen und die, die sich am Wenigsten verstellt hat, und es klingt, als ob das ganz gut ist.
Außerdem habe ich den Finsternis-Bonus, den bis jetzt kein einziger Bewerber mitgebracht hat.
Und kann legendäre Rumkekse backen.

Mit diesem Hinweis und einem absolut einnehmenden Grinsen verabschiede ich mich aus der eher kleinen, aber ganz netten Wohnung, in diesem wunderbaren Haus, am Ende der unendlichen Straßenbahngleise.
Renne noch fast einen Studenten über den Haufen, der gerade sein Fahrrad direkt vorm Hauseingang ankettet,
fahre zum Bahnhof, sammle Tante Emma ein, lasse uns vom Postboten einsammeln, um mich ein paar Stunden später mal wieder fast in den Haaren anderer Leute zu verheddern, mich ein bisschen feiern zu lassen und so, wie ich es von Mr.Gaunt gelernt habe, mit der SchreiSchwedin zu reden: Ohne jegliche Hemmungen, vielleicht zwischendurch etwas skurril, aber immer direkt.

Scheint auch ganz gut zu funktionieren, sie stellt sich als anhänglich, aber im angenehmen Maß heraus, bei "Ey, macht mal rum!"-Sprüchen vergräbt sie sich verschämt in meinen Haaren und alles ist ganz wunderbar, bis mich der Mischpultmann bei der letzten Band beiseite und Richtung Bar zieht und mir mitteilt, dass die gute Frau vergeben ist.
Kleiner Dämpfer.

Der Abend endet dort, wo Tante Emma und ich sowieso die meiste Zeit anzutreffen sind, nämlich auf dem Balkon des Mischpultmanns. Mit Mädchenbier, angenehmer Aussicht und sympathischer Gesellschaft.
Meine faszinierende Wirkung scheint ausgeprägter zu sein, als ich angenommen habe, denn, wie ich von seinem Kumpel Bon Jovi indirekt erfahre, hat der Exilsachse mich letztes Mal wohl nicht bewusst-ablehnend ignoriert und sich danach anscheinend sogar nach mir erkundigt.
"Aber der ist Nichtraucher. Und anscheinend normal im Kopf. Und sogar normalgewichtig! Und man sieht noch freie Stellen auf der Haut, die nicht zutätowiert sind!Sicher, dass du den attraktiv findest?" Tante Emma hat mein Standardbeuteschema wohl irgendwie durchschaut.
-"Hat lange Haare, nen Bart und konnte die letzten Male auch zu fortgeschrittener Stunde noch geradeaus laufen. Passt." Ich bin da nicht so anspruchsvoll.
Größer als ich ist er sogar auch. Luxus.
Ich beschließe, Bon Jovi weiter festzuquatschen, in der Hoffnung, nicht nur ihn, sondern vor Allem auch den Exilsachsen demnächst mal irgendwo mit hin schleifen zu können, um mir den Menschen mal näher anzusehen, und das möglichst, bevor ich (hoffentlich!) umziehe.

Man drücke mir also weiterhin die Daumen für alles Mögliche, und vielleicht schreibe ich schon in zwei Wochen aus der Unistadt.
Mit ansatzweise guter Laune (hey, ich habe einen Hoffnungsschimmer. Vielleicht komme ich hier doch heil raus) widme ich mich damit wieder der Metrik und dem ganzen Mist, den irgendwelche Menschen im Mittelalter so verzapft haben, in der Hoffnung (da, schon wieder Hoffnung. Ich werd noch zur Optimistin hier), meine letzte Klausur am Dienstag so gut zu überstehen wie die anderen davor; eventuell gelegentlich unterbrochen von ein paar Mal Aufregen über die SchreiSchwedin und ein, zwei Besuchen pro halbe Stunde des Profils des Exilsachsen. Also, einfach so. Der hat so eine wahnsinnig intensive Augenfarbe. Hach.




Mittwoch, 9. Juli 2014
Heute von der Kleinstadt zur Unistadt, einmal komplett ans andere Ende, in die nächste Ecke, einen Vorort, einen anderen Vorort und wieder zurück, mit freundlicher Unterstützung der allseits beliebten und stets zuverlässigen Deutschen Bahn.
Ich glaube, das, was mich das Semesterticket gekostet hat, hätte ich innerhalb der letzten paar Tage locker ausgegeben. (So sinds nur die Kosten bis ich im Gültigkeitsradius bin. Trotzdem, Meh).
Zum Bafögamt, zum Studentenwerk, zu Wohnungsbesichtigungen.
Und das alles, ohne sich einmal zu verlaufen oder in den falschen Bus/Zug/die falsche Straßenbahn einzusteigen.
Ich!
In der Großstadt!
Wenn das mal keine Leistung ist.

Beim Bafögamt schimpft man auf meinen Vater, füllt schon mal den Vorschussantrag aus, und wenn ich es schaffe, am Freitag um 10 Uhr mit den noch einzuholenden Unterlagen auf der Matte zu stehen, habe ich zum 01.08. wieder Geld.
"Und wenn dein Vadda dir nischt zahlt, Mäuschen, dann kümma ICH mich dadrum!" hat sich die nette Beamte (ja, sowas gibt es wirklich) lautstark durchs ganze Stockwerk empört. So halb habe ich damit gerechnet, dass sie mir noch ein paar selbstgebackene Kekse mit gibt.


Wohnung eins ist klein, aber nett und möbliert, leider aber auch so weit vom Schuss, dass selbst die Verbindungen in die deutlich weiter entfernte Kleinstadt besser wirken, vor Allem nach späten Seminaren.
Was tendenziell eher ungünstig ist, wenn man mit einrechnet, dass das Mayhemmobil wohl noch vor August den endgültigen Gnadenschuss bekommt.

WG1 hat gar nicht mit mir gerechnet und es stellt sich heraus, dass man mich mit einer anderen Frau Mayhem verwechselt hat, mein Vorname fliegt anscheinend relativ häufig hier in der Gegend rum.
Jedenfalls "Sorry, aber ich glaube auch nicht, dass du zu uns passt". Sagt das Klischee-American High School-Girl (angeblich aber schon länger am Studieren), das mir die Tür geöffnet (und mich eigentlich auch vorgeladen) hat, zu mir, ohne mich überhaupt hereingebeten oder mit mir geredet, beziehungsweise mich den anderen Mitbewohnern vorgestellt zu haben.
Gut, warte ich halt dreißig Minuten im Regen auf den Bus, der mich aus eurem Scheißkaff wieder rausbringt.

Wohnung2 hat neun Quadratmeter (und da soll noch eine Kochgelegenheit rein), keinen Anschluss (oder Platz) für ein Spül- oder Waschbecken, aber immerhin eine Dusche.
Der Vermieter erzählt, ganz früher war es der Hühnerstall, und bis vor Kurzem habe seine Frau den Kabuff als Verkaufsräumchen für ihre Handarbeiten und den Honig der Bienen, die gleich nebendran wohnen, genutzt.
Warmmiete? Dreihundertfünfzig. Telefonanschluss passt eh keiner rein, mit dem Internet solle ich mal schauen, ob das mit so einer Stick-Geschichte ginge, das und der Strom würden dann halt noch dazu kommen.
Hups.

Am Bahnhof nach Feuer gefragt und sehr angenehm festgequatscht worden.
18, wirre dunkelmagentafarbene Locken, obskure Bandjacke. Stellt sich als die SchreiSchwedin vor (auch, wenn sie, wie sie erklärt, nur zu einem Viertel Schwedin ist, das restliche Viertel ist deutsch und die fehlende Hälfte kommt aus dem Iran), ist Frontsau irgendeiner Band von hier, die ich eigentlich kennen sollte, und so viel Randale, Revolution und Leidenschaft, wie man eben auf einsfünfundfünfzig packen kann.
Fand ich eigentlich ganz sympathisch.

Noch zwei WGs am Samstag. Und meine kleine "Geburtstags"feier.
Sollte mir nicht vorher vom Knastbruder das Genick gebrochen werden, weil sie kornbedingt die Miete für diesen Monat jetztsofortaufderStelleduSchlampe brauchen, wird das vielleicht auch mal ganz nett.

Und sollte ich das alles irgendwie bis August überstehen, wird es vielleicht wirklich besser.




Auto-Liebeskummer hab ich trotzdem.