Sonntag, 31. Mai 2015

Prag-Soundtrack, Part 1. Einfach so.
Ich könnte Ihnen von meiner Sitzung bei der Therapeutin erzählen, die mir sagte, mir gehe es doch gar nicht schlecht und ich solle mich nicht so reinsteigern, nachdem sie aus unserem Gespräch (Rederversuche meinerseits und strategisch sehr ungünstig gewählte und sehr zahlreiche Unterbrechungen ihrerseits) gefolgert hatte, dass ich eigentlich nur leicht verstimmt bin und mich nicht so anstellen soll.
Und nicht so "salopp und hektisch" reden, denn: So "kann und will" sie mir nicht zuhören.
Die arme Frau.

Ich könnte davon erzählen, dass ich, aus Frust über diese Frau, den Abend mit dem Ziegenmann, der Amazone und dem Katzenmann in der Stammkneipe verbracht habe; dass der Katzenmann mich, vermutlich alkoholkatalysiert, sehr sehr toll fand, ich mal wieder ein paar obskure Knutschflecken hatte und, natürlich, am nächsten Tag per SMS und nach sehr viel beziehungsähnlichem Gehabe seinerseits die Frage kam, was das jetzt eigentlich gewesen sei, denn von seiner Seite aus habe das kein Beziehungspotential.
Aber Kumpelgeschichte mit gesteigertem Näheverhältnis wäre natürlich ok.

Ich könnte auch von dem Konzert erzählen, das ich mit Tante Emma und dem Ziegenmann besucht habe; auf dem ich Mr.Gaunt gesehen habe, der nicht mehr mit seiner eigentlich frisch Anverlobten zusammen ist, und davon, dass Legolas und ich vorher ausführlich erörtert haben, wie wir "in der Öffentlichkeit" miteinander umgehen könntensolltenwerden, und er mir erklärt hat, dass er gerade "nicht Mann genug" ist, um "damit umzugehen, wie es sich eigentlich gehört" und somit die Heimlichkeitsschiene klar präferiert.

Von Prag könnte ich auch schreiben, oder meinem Unistress/-desaster.
Oder vom Berserkerbär, den ich am Samstag kennen gelernt habe.

Aber das ist gerade nicht das Wichtigste.

Das Wichtigste und Irritierendste, Verunsichernste und Schönste ist, dass ich Menschen habe, die, glaube ich, da sind.
Wenn ich als wandelnde Seuche dauerhustend und rotzend im Schneckentempo durch Prag wandle und ihnen damit auf den Senkel gehe;
wenn ich von einer untersensiblen Therapeutin wiederkomme und mich wie ein sehr kleiner, sehr unsanft in eine Ecke gefegter Haufen Straßendreck fühle;
wenn ich meiner Wahrnehmung nicht mehr traue und deshalb in den alltäglichsten Momenten völlig verunsichert frage, was ihre dazu sagt;
wenn ich medikamentenverstrahlt einmal den kompletten Fear and Loathing in Las Vegas durchlebe;
und auch, wenn es mir gerade einfach neutral geht, ich nicht weiter leide, weil mir der Katzenmann nichts ausmacht, und ich, wie immer in solchen Situationen seit Mr.Gaunt, zwischen leichter Freude und mittelgroßem Fluchtreflex pendle, weil der Berserkerbär..naja, der Berserkerbär ist.
Mit denen ich mal mehr, mal weniger angetrunken durch die Stadt laufe/schwanke und viel zu schlechte Lieder mit viel zu großem Ohrwurmpotential gröhle.
Und für die ich zwei Stunden früher in die Uni fahre, damit sie ihre Freistunden nicht alleine absitzen müssen.

Das, oder die, sind wichtig. Wichtiger als die ganzen anderen Sachen.
Und mindestens diesen einen eigenen, angekitschten Eintrag aus der Versenkung wert.




Mittwoch, 13. Mai 2015
Mehr oder weniger gezieltes Zurückblättern hat ergeben, dass es bereits letztes Jahr im Oktober wieder angefangen hat.
Natürlich gibt es gute und schlechte Tage, aber der altbekannte Grauschleier fing an, wieder über allem zu schweben und sich langsam abzusenken.
Das große Namenlose ist aus seinem Sommerschlaf aufgewacht.
Die Weltuntergänge haben wieder begonnen, an meine Tür zu klopfen.


Inzwischen stehen sie quasi im Wohnzimmer.
Es sind nicht mehr schlechte Episoden an guten Tagen, sondern neutrale Phasen im Sumpf, während ich alles, was beobachteter Alltag ist, noch erstaunlich gut auf die Reihe kriege.
Was außerhalb der Uni, oder in Kursen, in denen ich alleine bin, stattfindet, steht (Achtung, pathetisch) irgendwo zwischen Verzweiflung,Unfähigkeit und Scham.


Es ist nicht mehr damit getan, dass mich Kleinigkeiten aus dem Konzept bringen und in endlose Abgründe zu stürzen drohen.
Das passiert inzwischen auch einfach so.
Mit wechselnder Häufigkeit steigen Blasen aus dem trüben Sumpf, den ich in mir züchte, nach oben und überqueren die Grenze zu meinem Bewusstsein.
Dann explodieren sie, und lösen einen unbeschreiblich intensiven Platzregen aus teilweise/oft erinnerungsinduzierter tiefster Überlastung, Verzweiflung und genereller Auswegslogikeit aus, um so schnell wieder zu verschwinden, wie sie aufgetaucht sind.
Alles in Sekundenbruchteilen.


Es kommt mir komisch vor, das in einem Moment, der sich vollkommen stabil und normal anfühlt, zu schreiben, aber ich beobachte mich schon lange genug, um zu wissen, wann ich absichernde Maßnahmen ergreifen sollte.
Noch ist es nicht völlig soweit, es ist noch nicht akut, aber ich habe Angst davor, dass es das wird.

Ende diesen Monats habe ich einen Termin, der mir eventuell einen Platz auf einer Warteliste bei einer Therapeutin, der ich zumindest theoretisch nicht wieder zu komplex sein sollte, einbringt.
Zwei Wochen später die vorletzte Sitzung bei der aktuellen, deren Arbeitsvertrag nur noch bis Juli geht und die somit noch weniger als ursprünglich gedacht in meinem Hirn wühlen kann.
Sie hat mir sehr nahe gelegt, mir wieder Antidepressiva verschreiben zu lassen.

Natürlich habe ich mich noch nicht getraut, mir hier einen Hausarzt zu suchen.
Oder überhaupt bei einem anzurufen und einen Termin auszumachen, an dessen Ende ich hoffentlich ein Rezept für irgendwas, was mich heil durch die Übergangsfrist bringt, in der Hand halte.

Aber ich habe den Ziegenmann vorgewarnt. Ansatzweise.
Was ich ihm noch erklären muss: Ich kann mich nicht mehr auf meine Wahrnehmung verlassen (zum Beispiel bin ich aktuell sehr davon überzeugt, dass die Amazone mich für einen blöden, oberflächlichen Jammerblobb hält; auch, wenn ich hier ganz rational aufschreiben und wissen kann, dass das wahrscheinlich Schwachsinn ist) und das ist ziemlich schrecklich.
Eigentlich ist das so ziemlich der Umstand, für den das Wort "schrecklich" erfunden wurde.
Meine Wahrnehmung sämtlicher zwischenmenschlicher Kontakte ist so verschoben, dass das Einholen einer zweiten Meinung nicht nur sinnvoll, sondern gefühlt manchmal obligatorisch ist.
Und manchmal geht die Welt halt einfach unter, und während das passiert, kann das auch niemand ändern. Man muss eben warten, bis es vorbei ist.

Das Bedürfnis, eine Kurzanleitung zu verfassen, die erklärt, wie man aktuell mit mir umgehen sollte, ist manchmal ziemlich akut.

Vor Allem, weil ich das einzig Vernünftige getan, die Mitbewohnerin, die Amazone und den Ziegenmann um mich geschart und mit dem Mut, den ich nicht habe, von dem Geld, das vom Studienkredit abgespart ist, eine Pragfahrt auf die Beine gestellt habe.
Man könnte sich jetzt darüber streiten, ob das so eine gute Idee ist (zumal nicht nur Depressionswahnsinn in meinem Kopf, sondern auch eine ganz banale, aber sehr fiese Erkältung in meinem Körper brütet), und ich bin aktuell eher ein Nerven- als ein Vorfreudebündel, aber so ist das halt, wenn keinerlei Schutzbarriere zwischen dem, was einen verletzen oder verunsichern könnte, und einem selbst mehr vorhanden ist.


Ich verabschiede mich also gen Tschechien, um in ein paar Tagen wohl weder besser, noch schlechter, aber immerhin mit einigen Stangen Zigaretten ausgestattet wieder zu kommen.
In meinem Gepäck befinden sich, neben Erkältungstee, meine verbliebenen Notfall-Tavor (5/6. Und die sind vom letzten Jahr. Da soll noch mal einer sagen, ich könne mich nicht beherrschen)und, elementar, die hochspannende Seminar-Pflichtlektüre Emilia Galotti.

Eigentlich bin ich also auf alles vorbereitet.




Sonntag, 26. April 2015

Am Wochenende war ich mit Tante Emma, ein paar ziemlich komischen Menschen, sowie dem Ziegen- und den Katzenmann unterwegs.
Ich bin ultimativ über mich selbst hinausgewachsen, habe eine fast leere Tanzfläche geentert, und das laut Tante Emma so effektiv und eindrucksvoll, dass ein verirrtes generisches Alternative-Mädchen mit Tendenz zum Hipstertum versucht hat, mein Tanzverhalten ("Stil" kann man dazu ja nicht sagen) zu imitieren, was aufgrund der Tatsache, dass man dazu eine solide Basis aus aufgestauten Negativemotionen, einen mindestens mittelschlechten Gleichgewichtssinn, und eine gewisse Menge an Haupthaar, mit der man sich auf volleren Tanzflächen sowas wie einen Mindestradius erschleudern und gleichzeitig gut von irritierten Blicken abschirmen kann, braucht, wohl eher schlecht als recht gelungen ist.
Triumph!

Außerdem habe ich den Katzenmann so nachhaltig angegraben, dass selbst Leuchtreklame mehr Interpretationsspielraum gelassen hätte.
Zumindest dachte ich, dass es so wäre, bis Tante Emma meinte, wenn ich mich weiter so blöd anstelle und nicht langsam mal ein bisschen aufdrehe, würde das in zehn Jahren nichts werden.
Da sich der Katzenmann tendenziell noch blöder anstellt, dämmerte mir gegen Ende des Abends, dass sie recht haben könnte.
Die Lage war also ernst.
Nachdem ich eine Weile über meinem Cuba Libre gebrütet und mental eine Pro/Contra-Liste erstellt hatte (Pro-Seite: Er spricht mit mir, und das sogar freiwillig; Tante Emma meint, er würde sich Mühe geben, mich in Gesprächen nicht auszuschließen; früher oder später folgt er mir auf die Tanzfläche, um dort mit einem gewissen Sicherheitsabstand neben mir zu stehen, noch schlimmer auszusehen, als ich, und immer mal zu gucken, was ich so mache; zwischendurch werde ich auch so aus dem Augenwinkel beobachtet;
Contra-Seite: Ich weiß nicht, ob das was zu sagen hat), entschloss ich mich zu dem radikalsten Schritt, den ich bisher bei derart schlechter Informations- und Faktenlage gegangen bin: Ich nahm mir vor, ihn nach seiner Handynummer zu fragen.(Denken Sie sich an dieser Stelle ein dramatisches Dam daam daaaaaam).

Es gab also theoretisch ein klares Missionsziel.
Praktisch ist Tante Emma um zwei gegangen, weil sie zu schüchtern zum Tanzen und zu müde, um sich das noch weiter anzuschauen, war; um vier lag ich im Wohnzimmer der Ziegenmann-WG, auf dem Gästebett, der Katzenmann lag im Wohnzimmer der Ziegenmann-WG, auf dem Sofa, und ich war keinen Schritt weiter.

Natürlich kam ich auch morgens/mittags, als wir uns am liebevoll vom Ziegenmann gedeckten Frühstückstisch gegenüber saßen, während unser Gastgeber, ganz der vorbildliche Hausmann, abwechselnd mit Kaffee kochen, Post reinholen, und Wäsche aufhängen beschäftigt war, nicht weiter.

Auch nicht, als wir im gleichen Bus saßen. Jeder Versuch, meinen generell zwar vorhandenen, aber unter Bergen an Unsicherheit begrabenen Mut zusammenzunehmen, scheitert. Es ist ein Trauerspiel.

Dann muss er aus- und ich umsteigen und ich bereite mich mental darauf vor, ihn in etwa drei Monaten und an der Seite des Metalgirlies (Moment, Hirn. Die hat er als seine beste Freundin bezeichnet, _nicht_ als seine feste) wieder zu sehen.

"Also dann..", meine ich und mache irgendeine komische Armbewegung zwischen Winken und Umarmung (man kann ja nie wissen).
-"Also dann", meint der Katzenmann macht irgendeine komische Armbewegung, die in eine Umarmung übergeht.
Dann müssten wir eigentlich in verschiedene Richtungen gehen.


"Ey, ich bin jetzt mal so dreist und frag, ob du mir deine Nummer geben willst."
Höre ich mich auf einmal sagen, als wäre es für mich das Einfachste und Selbstverständlichste auf Erden.
-"Ja", höre ich ihn antworten, als wäre das das Selbstverständlichste überhaupt.
Ein paar Sekunden später habe ich seine Nummer; nachdem ich ihn angeklingelt habe, hat er meine und ich die Bestätigung, dass ich keine falsche gekriegt habe.
Ich haue noch ein, zwei blöde Sätze zur Unsicherheitskompensation raus, dann geht jeder seiner Wege und ich dazu über, alles unwirklich zu finden, mir viel zu viele Gedanken zu machen, an der Gesamtsituation zu zweifeln und mit mir selbst zu wetten, ob er mir noch in diesem Monat schreibt.




Donnerstag, 2. April 2015
Legolas und ich stehen mit unseren Einkäufen (der Mann hat beschlossen, Abendessen zu kochen, und meinen Teil des Vorratsschranks als "trostlose Einöde" bezeichnet), zusammen mit ein paar anderen Menschen, vorm Supermarkt und warten auf den Bus, der schon seit 20 Minuten hätte da sein sollen.

Auch, wenn zwei Faktoren dieser Situation im ersten Moment vielleicht etwas irritierend wirken, eigentlich war alles in Ordnung:
Zum einen scheint Legolas extrem lernfähig und -willig zu sein, sodass er nach einem klärenden Gespräch tatsächlich zum generell recht fähigen Küsser und auch durchaus soliden ("Das ist doch eine Basis, mit der wir arbeiten können") Teilzeit-Bettwikinger mutiert ist, sodass ich beschlossen habe, dass er noch einen Tag hierbleiben darf.
Was Nahrungsaufnahme nötig macht, was dazu geführt hat, dass er kochen möchte.
Pluspunkt.
Zum Anderen kommen Busse prinzipiell immer zu spät, außer, man verlässt sich darauf. Dann fahren sie zwei Minuten zu früh ab und halten selbst dann nicht an, wenn man sich ihnen quasi vor die Reifen wirft.
Eigentlich also friedliche, harmonische und vollkommen normale Großstadtidylle.

Dann kam der Wutrentner.
Menschen, die hochmotiviert Selbstgespräche führen, sind ebenfalls nicht weiter seltsam; Wutrentner, die sich über das Wetter/"die Jugend"/Ausländer/ihre Kinder/ihre Enkelkinder/die Enkelkinder ihrer Kinder/usw. aufregen, auch nicht.
Beides in Kombination kann durchaus interessant werden.

"Unser" Wutrenter sieht in seinem versifften verblichen-roten, unförmigen Mantel und mit den dünnen, fettigen weißen Haaren, die sich unter seiner Mütze Modell "Wollkondom" auf seine Schultern ringeln, tendenziell etwas ungepflegt bis verwahrlost aus, seine beiden vollgestopften Einkaufstüten sprechen allerdings dafür, dass er wahlweise besser über die Runden kommt als ich, oder zumindest deutlich mehr Pfand abgeben konnte.
Als sich die Busverspätungszeit der 25-Minuten-Grenze nähert, kommt er ein paar Schritte auf uns zugelaufen und sein vorher unverständliches Gemurmel wird so laut, dass auch ich es verstehe.
"Jajajaja, der Verkehrsverbund. Alle ausrotten, alle ausrotten. Die haben alle keine Ahnung, und bauen nur so einen Mist. Jajajajaja. Die Straßen, die Straßen sinds! Die sind nicht ausgelegt für so viel Verkehr, die Stadt ist nicht ausgelegt für so viel Verkehr. Verstehnse? Die ist nicht ausgelegt für so viel Verkehr. Deshalb Stau, StauStauStau. Überall Stau. Da ist kein Durchkommen. Die Grünphasen, die sind viel zu kurz. Bei den Ampeln sind die Grünphasen viel zu kurz, und deshalb staut es sich. Und dann ist da kein Durchkommen mehr. Verstehnse?"
-"Äh, ja. Feierabendverkehr ist immer ziemlich anstrengend, da bin ich froh, dass ich nur Bus fahre und kein Auto", pflichte ich dem Wutrentner bei. Legolas beschränkt sich darauf, sich offensichtlich unwohl zu fühlen, was eventuell auch am Gestank des Wutrentners liegen könnte, der mit dem Geschimpfe fortfährt:
"Ich hätte ne andere Linie nehmen müssen. Eine andere. Verstehnse?" Er schlägt sich die Hand an die Stirn. "Aaaaber die ist genauso überfüllt, alles überfüllt. Die Leute, so viele Leute, die wollen alle irgendwo hin. Und dann braucht der Bus eine halbe Stunde für zwei Stationen. Fünfhundert Meter. Ne halbe Stunde. Verstehnse?"
"Weil bei dem ganzen Verkehr kein Durchkommen mehr ist?", startet Legolas doch noch einen Versuch der Kommunikation. Wir sind viel zu nett, alle beide.
"Neeee, wegen den Grünphasen!", korrigiert ihn der Wutrentner, "die Grünphasen! Die sind viel zu kurz! Dann staut sich das, und der Bus kommt zu spät. Weil die alle keine Ahnung haben. Keine Ahnung vom Streckenplanen. Keine Ahnung vom Fahren. Die können alle nicht fahren! Und fühlen sich wie die Könige, wenn sie uns in ihre Busse stopfen können oder wieder rauswerfen. Oder nicht reinlassen."
-"Die können bei euch echt nicht fahren", meint Legolas halblaut, "als wir hier her gefahren sind, habe ich nur darauf gewartet, dass es der schwangeren Frau das Baby aus dem Bauch schüttelt und du aufspringst, "Ich bin ehrenamtliche Rotkreuzlerin, lassen Sie mich durch!" schreist und ich dir bei einer spontanen Entbindung helfen muss."
"Kinder??", ruft der Wutrentner fassungslos, "Kinder könnense doch nicht in diese Welt lassen! Die armen Kinder. Die Grünphasen sind viel zu kurz, da staut sich alles!"
Wäre ich alleine, hätte ich wahlweise schon längst Angst bekommen, oder/und meine Kopfhörer aufgesetzt und möglichst laut Musik gehört. So fühle ich mich nicht ganz so schlimm bedroht, und auch seltsame Wutrentner sollten schließlich mal mit jemandem reden können.
Legolas scheint es ähnlich zu gehen, er will sich gerade eine weitere Unsicherheits-Tarnungs-Zigarette anzünden, als endlich der Bus um die Ecke biegt und im Schneckentempo unsere Haltestelle ansteuert.
"Jajaja, sehnse? Jetzt kommt er an, nicht ein Funken schlechtes Gewissen. Nicht ein Funken. Fühlt sich immer noch wie der König. Meint wahrscheinlich wieder nur "bitte nach hinten durchgehen", nach hinten durchgehen, auch, wenn die Leute sich da schon stapeln. Einfach nach hinten durchgehen, und zur Not können eben nicht alle mit und warten Tage auf den nächsten Bus, ist ja nicht sein Problem, er ist ja der König."
Wir lassen den Wutrentner vor, sodass er nach hinten durchgehen und sich einen der letzten Sitzplätze sichern kann. Zwei weitere Menschen lassen wir auch noch vor, dann steigen wir ebenfalls ein und bleiben etwas weiter vorne stehen.

"Bist du jetzt verstört?", frage ich Legolas, dessen total verdutzter Gesichtsausdruck schon fast ein Foto wert wäre.
-"Menschen", erklärt er. "Menschen. Eigentlich dachte ich, ich hätte schon alle gesehen, aber nur zwei Tage bei dir belehren mich eines Besseren."

Als wir uns mit gefühlt 20km/h ein paar Haltestellen weiter gequält haben und gerade aussteigen wollen, weil wir unsere Faulheit doch noch überwunden haben und es eindeutig schneller geht, den Rest zu laufen, wird das Gemecker des Wutrentners wieder lauter, offensichtlich will er auch aussteigen.

Wir überqueren mit ihm den Zebrastreifen, und bevor er in die andere Richtung seines Weges geht, wendet er sich wieder an uns.
"Sehnse? Sehnse, die Stadt ist nicht gemacht für so viel Verkehr. Aber die, die halten sich für die Könige, denen ist das egal."
Wir nicken und wollen uns umdrehen.
"Aber wenn Luzifer wieder aufsteht, ich sags Ihnen, wenn Luzifer kommt und alle richtet, dann bekommen die ihre Strafe. Dann bekommen die ihre gerechte Strafe."
Der Gedanke scheint ihm sehr viel Hoffnung zu machen, jedenfalls präsentiert er uns etwas, das mehr Mundfäule, Karies und Zahnlücken ist, als Grinsen, und winkt uns zu, während er rückwärts weggeht.
"Luzifer steht wieder auf, und dann sehen die schon, was sie davon haben! Sie verstehen mich, oder?"