Samstag, 8. November 2014
...brace yourselves.

Habe einen mutmaßlichen "Ich bin gerade auch noch nicht wieder beziehungsfähig und hab eigentlich eher Lust, mich durch die Gegend zu vögeln, aber dich find ich ja irgendwie schon interessant genug, um dich auch ein zweites Mal zu besuchen"-Volltreffer gelandet.
Wieder ein Wikinger, zur Zeit scheine ich da ein Händchen für zu haben.

Lange, blonde Haare, Fünftagebart, ungefähr 1,95m hoch, dreißig Jahre alt, masochistische Ader, gepierct und befremdlicherweise ziemlich fasziniert von mir.
Nach einem Abend in der Unistadt-Stammkneipe, an dem ich mich selbst frage, warum ich das mit dem ganzen Reden und mach-es-ihm-nicht-zu-einfach so gut hinkriege, werde ich nach meiner Handynummer gefragt und gebe sie sogar freiwillig raus.

Am nächsten Tag sitze ich in seiner WG im ehemaligen Studentenwohnheim, einer leerstehenden Kaserne, die von außen (und zum Großteil auch von innen) absolut zugesprayet und generell abrissbereit aussieht, und zähle leise mit, wie oft der Zimmernachbar meines potentiellen neuen Wikingers mit der Bong in der Hand reinplatzt, um uns nach Feuer zu fragen.
Die restliche Zeit verbringe ich damit, den Inhalt des Bücherregals (Ja, endlich mal einer, der liest!) zu studieren/hinterfragen, mich, wenn ich das Zimmer verlasse, von seinen Mitbewohnerinnen auf die klassische "Armes, kleines Mädchen, bist du etwa auf die Tricks des großen, bösen Wikingers reingefallen und sitzt jetzt hier, weil du dir ernsthafte Hoffnungen machst?"-Art und Weise anstarren zu lassen (Brennt in der Hölle, der einzige Grund, warum ich gerade noch hier sitze, ist die Tatsache, dass ich den Mann sicherlich nicht vor euren zugekifften Augen flachlegen werde), und abwechselnd eine der drei Katzen zu flauschen.
Der Wikinger selbst scheint eher gemäßigt vor sich hin zu konsumieren, trotzdem fühle ich mich zu sehr an meine alte WG erinnert, um mich wirklich wohl zu fühlen, und verziehe mich in Richtung des heruntergekommenen Innenhofs, auf den irgendjemand vor geschätzten 20 Jahren mal eine Schaukel gestellt hat, damit man den Wohnblock "familiengerecht" nennen kann.

"Spontanflucht?" Der Wikinger, samt Katze um die Schultern und zwei Tassen Tee in der Hand, lässt sich neben mir auf einer Holzbank mit Ausblick in Richtung des gegenüberliegenden Betonklotzes nieder und drückt mir Tee sowie eine Zigarette in die Hand.
-"Schon so ein bisschen. Fremde Menschen sind manchmal so ein Angstfaktor."
"Macht ja nichts." Wenn ich für jedes "Macht nichts", das sich später als Unverständnis oder Irritation entpuppt hat, einen Cent bekommen hätte..
"Du scheinst schließlich ziemlich souverän damit umzugehen."
-"Tue ich das?"
"Du schätzt die Lage ab, und wenn es dir zu viel wird, schaffst du dir eben Freiraum. Ich finde schon, dass das souverän ist. Ich mag das."
-"Hm."

Der Wikinger fährt damit fort, zumindest auf den ersten Blick die Macken, die einem eben am ehesten auffallen, für nicht weiter dramatisch zu halten und zwischen mal mehr, mal weniger anzüglichen Kommentaren bis Komplimenten (erwähnte ich schon, _wie_ überlastet ich bin, wenn mich jemand attraktiv und interessant findet? Es gibt keine effektivere Methode, mich aus dem Konzept zu bringen) und Diskussionen über Gott und die Welt anzudeuten, dass er gerne den Abend mit mir verbringen würde.
"Ich hab Tante Emma versprochen, mit ihr auf ein Konzert zu gehen."
-"Na, dann gehen wir da eben hin."

Und so kam es, dass ich mal wieder in der Industriestadt war, an meiner Seite nicht nur Tante Emma, sondern auch einer der attraktivsten Männer auf dem Konzert, mit ganz großen Augen vom Exilsachsen beobachtet (und dann noch auffälliger ignoriert.Selbst Schuld, Arschloch!), und von nicht wenigen anwesenden Frauen ziemlich neidisch angestarrt (Ja, der Mann ist wirklich sehr ansprechend).
Zwischendurch wird Tante Emma von einem früheren Kumpel abgeholt, weil der auch mal wieder in der Gegend ist, und der Wikinger geht dazu über, etwas eindeutigere Andeutungen zu machen, die gar nicht mal so sehr meinen Fluchtreflex auslösen, und überhaupt könnte man fast von einer angenehmen Gesamtsituation sprechen.

Dann werden wir angerufen und darum gebeten, Tante Emma einzusammeln, weil sie alkoholbedingt dauernd einschlafen würde und außerdem mit Schwung gegen eine Tür gelaufen und generell inzwischen eher nervig wäre.
Somit verbringe ich den Großteil der Nacht damit, einem stammelnden, zwischendurch einnickenden, vor- und zurück wippenden Alkoholzombie die Beule zu kühlen und Händchen zu halten, bis sie mich gnädigerweise um halb sechs in Ruhe lässt lässt und ich zum Wikinger, der circa eine Stunde früher schlafen gegangen ist, unter die Decke kriechen kann.

Den nächsten Tag verbringe ich damit, gelegentlich in Fluchtreflex und namenlose Panik abzudriften, schaffe es aber ganz gut, mich da wieder rauszuholen, und abends sitze ich in der Straßenbahn ans andere Ende der Stadt, um mich vom Wikinger bekochen zu lassen.
Als wir später mehr oder weniger angekuschelt nebeneinander liegen und rauchen, erfahre ich, dass er ebenfalls diverse Kindheitsgeschichten zu verarbeiten hat und deswegen in Therapie ist.
"Wenn das jetzt ein Minuspunkt ist, ist das auch in Ordnung. Aber ich will so gut wie möglich für meinen Sohn da sein, und das geht nur, wenn ich mit mir selbst zurecht komme."
-"Wieso sollte das ein Minuspunkt sein? Im Gegensatz zu anderen Personen, die hier grad in der Gegend rumliegen, hast du wenigstens ne Therapeutin.
Aber erzähl doch mal von deinem Kurzen. Wohnt der bei seiner Mutter, oder hab ich den vor lauter Menschen einfach übersehen?"
-"Nee, der wohnt bei seiner Mutter, ich hab ihn aber auch ein, zwei Mal die Woche. Sie macht halt gerade Stress, weil sie die Wohnung zu abgefuckt für ein Kind findet, und weil wir in der WG ja angeblich alle dauersaufen und -kiffen würden. Dabei trink ich wenn, dann eh nur auf Konzerten oder so, und rauch nicht mal Zigaretten, wenn der Kleine im gleichen Zimmer ist. Achja, zweieinhalb ist er jetzt."

Am nächsten Morgen werde ich zwar sehr nett geweckt, anschließend aber mit einer Tasse Tee und einem "warte bitte kurz, ich muss das noch schnell machen" aufs Sofa gepflanzt, während der Wikinger durch die Wohnung rotiert und im Eilverfahren sein Zimmer, das Bad, und ansatzweise auch die Küche vorzeig-, beziehungsweise im Fall der Räume, die auch die restliche WG nutzt, zumindest begehbar und kindersicher macht und dabei jede Hilfe ablehnt. "Du bist mein Gast, nicht meine Putzfrau. Wobei ich gegen so nen Mini und ne kurze Bluse auch nix einzuwenden hätte."
Tatsächlich ist innerhalb einer guten halben Stunde das Gröbste geschafft; zudem hat sich eine Freundin des Wikingers gemeldet und gefragt, ob er sie mit seinem Sohn besuchen möchte, wodurch eine nicht ganz so heruntergekommene Wohnung zur Kindsbespaßung bereit steht.
"So. Es tut mir ja im Herzen weh, das zu sagen, und ich verspreche auch, dass du das nicht oft von mir zu hören bekommst, aber ich fürchte, du müsstest dich jetzt fertig anziehen, damit ich dich zum Bus bringen kann. Ich hätte dich auch heim gefahren, aber du wohnst halt leider genau in der entgegengesetzten Richtung."
-"Ich kann auch mit der Straba zum Bus fahr-..."
"Nee, mindestens zum Bus fahr ich dich jetzt noch. Beziehungsweise, wenn du willst, kannst du fahren, ich seh doch, wie du die Karre immer anschaust. Sei froh, dass ich nicht eifersüchtig bin."


Kurz: Habe jemanden aufgegabelt, der, neben einer gewissen Grundkompatibilität und Grundanziehung der angenehmen, da für mich emotional sehr entspannten Sorte (Ich weiß noch, was ich mache, ich denke nicht mal ansatzweise darüber nach, ob man das Ganze zu einer Beziehung ausbauen könnte, und ich bin mir ziemlich sicher, dass das auf Gegenseitigkeit beruht) auch noch drei Katzen, einen ziemlich guten Literaturgeschmack und einer Liebe zu alten Autos, die sich in Form eines '87er Passat Kombis manifestiert hat, mitbringt.
Wenn das mal kein Treffer ist.




Mittwoch, 5. November 2014
Einer, zumindest nach Meinung des Dozenten, hoch spannenden Exkursion sei Dank ist es mir gelungen, systematisch weitere Kommilitonen in beinahe-Freunde umzuwandeln. Und das sogar im Nebenfach!
Da ist die Amazone, die einen beinahe so ausgeprägten Haartick hat wie ich, im Gegensatz zu mir aber einen hosentaschenlangen, dunkelpinken Zopf mit sich herumträgt.
Ich habe mich schon lange nicht mehr so kurzhaarig gefühlt.
Dann gibt es noch die Elfe von Nebenan, die so absurd klischeeperfekt (klassisch schön, immer freundlich, beliebt, und begabt in irgendwie Allem) ist, dass nicht nur ich mich frage, warum sie beständig und beharrlich meine Gesellschaft sucht.

Und eben der Ziegenmann, einer der Physiker.
Seit einer Kneipentour mit ihm, der Amazone, einer weiteren Kommilitonin und Tante Emma schreiben wir gelegentlich, und irgendwann fragt er, ob wir nicht mit zu seinem Kumpel wollen, den er noch aus seiner Heimatstadt kennt und der auch in der Unistadt wohnt.
Samstag Abend, sonst nichts los, kein Geld, und der Mann hat Met, Beamer, Leinwand, und Katzen.

Nach den Erzählungen des Ziegenmanns erwarte ich einen schlacksigen, schüchternen, unter Anderem Informatik studierenden Computernerd, der seit Jahren kein Sonnenlicht mehr außerhalb von Minecraft gesehen hat, und bin somit etwas überrascht, als uns eine in Lederjacke und Bundihose gehüllte, gar nicht mal so unattraktive Wikinger-Gestalt von der Bushhalte abholt und sich als ein weiterer Physiker, der Katzenmann, vorstellt.
Der Katzenmann zeigt sich begeistert von meinem Humor, und mit fortschreitender Zeit tendiere ich immer mehr dazu, eigentlich lieber mit ihm kuscheln zu wollen, als mit seinem drei Monate alten Kater Kafka, der sich zunächst mit Begeisterung von mir müde spielen lassen und sich anschließend auf mir zusammen gerollt hat, bis ich ihn dann doch mal für eine Raucherpause aufjagen muss.

Ein paar dezente Andeutungen meinerseits erweisen sich in der Rückschau als zu dezent, um von einem Normalsterblichen verstanden zu werden, was eventuell dazu beigetragen hat, dass der Katzenmann zwar immer wieder meinen Blick gesucht und auch über die bescheuertsten Sprüche gelacht, sich ansonsten aber absolut unauffällig verhalten hat.
Immerhin ist er einmal ein bisschen rot geworden, als ich seinen Blick aufgefangen habe.
Ansonsten ein paar Gespräche über Game of Thrones (Ja, ich habe wirklich nur eineinhalb Staffeln gesehen, die DVDs liegen bei Mr.Gaunt und gehören ihm dooferweise auch. Was, der Katzenmann hat alle Staffeln? Das ist ja praktisch. Oh, der Ziegenmann will die auch mal sehen? Da könnte man die ja mal zusammen gucken. Aber natürlich wäre das viel zu einfach), Doctor Who und seltsame Youtubevideos, und bevor er uns wieder zum Bus bringt, drehen wir noch eine Runde auf der Suche nach Franz (Ich habe gefühlt den halben Abend damit verbracht, mich darüber zu freuen, dass die beiden Kater Franz und Kafka heißen), seinem älteren Kater, der schon eine ganze Weile unterwegs ist und leider auch verschollen bleibt.

Sobald der Ziegenmann ausgestiegen ist, geht Tante Emma von grimmigem Schweigen zu absolut verknalltem Schwärmen über und erzählt mir nonstop, wie toll sie den Katzenmann doch finde.
Nach dem Mischpultmann, dem Rentier, und einem Kumpel Mr.Gaunts, die ja alle doof wären, habe sie jetzt das ultimative Ziel gefunden.
Heirat und Kinderkriegen quasi schon vorprogrammiert, und so.
Das Übliche eben.




Montag, 3. November 2014
Thema: von herzen
Tante Emma,

ich schreibe dir, weil du mich an die Grenzen meiner Kräfte bringst, immer wieder.
Weil ich dir das Leben gerettet habe, als er deinen Schädel eintreten wollte, und als er dich fast erwürgt hätte.
Weil du ihm trotzdem nicht böse sein kannst, egal, wie oft er dich geschlagen und beleidigt und verarscht hat;
weil es dir so wahnsinnig schwer fällt, ihn loszulassen.
Weil ich zumindest das selbst kenne.

Weil du mich so sehr anstrengst,
wenn du dich mit unmenschlicher Energie an mich klammerst,
oder an das, was dein Hirn sich so an seltsamen Dingen ausdenkt.
An deine verworrenen Pläne und verqueren, paranoiden Vorstellungen und Vorurteile.
Weil du so schnell ausrastest und verzweifelst und dich in die beschissensten Situationen bringst, aus denen ich dich wieder raussteuere, wenn ich dich schon nicht vor ihnen bewahren kann.
Weil du mich dann so sehr an mich erinnerst.

Ich habe dir versprochen, da zu sein. Dich nicht alleine zu lassen.
Und ich halte mich daran.
Weil die Angst, das Gefühl, von allen gehasst zu werden, die unendliche Unsicherheit und die vermeintliche Unfähigkeit, sich von jemandem zu lösen, der mehr als nur alles war, meine alten Bekannten sind.
Weil ich in der ganzen Angst, mit meiner ganzen Unsicherheit und Schwäche allein gelassen worden bin, von einem der vielleicht wichtigsten Menschen meines bisherige Lebens.
Als sie ans Tageslicht gekrochen sind, obwohl ich doch so sehr versucht hatte, sie wieder in ihre Ecke zu stopfen.

Ich lasse mich aber auch nicht in die Selbstaufgabe treiben. Nicht von dir (wobei du das ja gar nicht versuchst, zumindest nicht bewusst), und nicht von meinem Mutti-Komplex.
Du kostest mich viel Energie, und ja, manchmal stecke ich dir zuliebe zurück. Bis zu einem gewissen Grad und nicht weiter, egal, wie sehr du mich dann für ein paar Minuten hasst und dich in (d)einen Weltuntergang flüchtest.
Du wächst tatsächlich an mir, und vermutlich auch ich an dir.
Wahrscheinlich haben wir zusammen schon mehr Erfolge gefeiert, als deine Betreuerinnen und die Therapeutin bisher mit dir erreichen konnten, und vermutlich hatten wir mindestens genauso viele Fehlschläge.
Aber ich habe gesagt, ich lasse dich nicht alleine.
Ich gehe nicht weg.
Nicht, wenn du mich verfluchst, und nicht, wenn du mich fast erdrückst.
Und vor Allem nicht, ohne ein Wort zu sagen.

Irgendwann ist alles gut. Wenn die ganze Scheiße ausgeheult und ausgekotzt ist, oder man sich zumindest auf eine friedliche Coexistenz mit ihr einigen konnte, sodass sie nicht mehr ganz so sehr den Blick versperrt.

Bis es soweit ist, und auch danach, bin ich da, so gut ich kann.

Deine Gelegenheits-Mutti, irgendwie-vermutlich-beste-Freundin, und unter Garantie der kaputteste Mensch neben deiner Wenigkeit, den du kennst,

mayhem.




Donnerstag, 30. Oktober 2014
Mehr oder weniger heimlich, selten still, gelegentlich aber immerhin leise,
haben Just Listen und ich es heute bis zu unserem vierten Jahrestag geschafft.
Irgendwo zwischen Melancholie, Welt-fremdeln und -untergang, ein bisschen Nonsens und Katzenhaaren, und stets von guter Musik begleitet, hat das hier länger gehalten, als jede Beziehung und jede Haarfarbe.
Und der Blog und ich, wir sind noch nicht fertig miteinander.

Kurz habe ich überlegt, "Sex, Drugs and Blog'n'Roll" als Titel zu nehmen. Dann ist mir wieder eingefallen, dass ich weder regelmäßig genug Sex (und wenn, dann wars weder schlecht, noch gut genug, um mich dazu zu bewegen, Ihnen sowas zu erzählen), noch ein wirkliches Rockstarleben habe, und das Einzige, was ich regelmäßig verkonsumiere, Alkohol und Tabak sind. Immerhin zwischendurch Mentholkippen. Sind ja bald verboten. Zählen die somit auch?