Freitag, 29. Mai 2020
1. Ich bin immer noch fähig, die Hölle heraufzubeschwören

2. Wenn ich die Hölle heraufbeschwöre, klappt's auch mit den Nachbarn mit der netten Dame, die für meine Zeugnisfristen zuständig ist.




Montag, 11. Mai 2020
Die Vatersfreundin schreibt und schickt Sprachnachrichten. Das tut sie öfter, es ist ein Wechselbald der Gefühle.

Sie ist ein Wrack und ihre Psyche ein Minenfeld, und wie das unbetreute Minenfelder so an sich haben, fliegt einem zwischendurch mal was um die Ohren.
Aktuell ist sie wieder schwer besorgt um Papa Mayhem, der ganz eindeutig den Verstand verliere.

Das tut er, wenn man von ihrer Wahrnehmung ausgeht, eigentlich kontinuierlich, aber alle sechs bis zwölf Monate "endgültig".
Er sei nur am Arbeiten, sie müsse nur arbeiten, zu anderen sei er viel netter und ihr höre er nie zu, wenn sie ihm erklärt, dass er vollkommen bekloppt geworden ist und nicht mehr richtig tickt und das so nicht weiter geht.
Es sei alles so anstrengend, sie könne das nicht mehr aushalten und würde bald ihre Sachen zusammen packen und gehen, "egal, wie nett er dann ist".

Ich kann es mir nicht verkneifen, sie darauf hinzuweisen, dass wir das zum wiederholten Male durchexerzieren - so oft wiederholt, dass ich den Überblick verloren habe.
Erneut die Leier, es ist ja so schlimm, er ist ja vollkommen durchgeknallt.
Weil: er hört ihr nicht zu, wenn sie ihm sagt, dass er durchgeknallt ist, weil er anderen, die ihn nicht mögen, hilft und viel arbeitet. Darum ist er, und das muss nochmal betont werden, durchgeknallt, und dass er ihr nicht zuhört, wenn sie ihm erklärt, dass er durchgeknallt ist, zeigt, wie extrem durchgeknallt er ist.

Ich haue ihr distanzierte Konstruktivität in die Fresse, sie antwortet, wie sie eben antwortet.
- Konstruktive Kommunikation suchen, redet miteinander, ohne Vorwurfsmühle, sondern hört euch mal an, wie es der Andere wahrnimmt, wie sich das für ihn anfühlt, versucht, das ernst zu nehmen und gemeinsam eine Mitte zu finden -> Ja haha, das sagst du so einfach du weltfremdes Kind, ich hab hier zu tun, ich muss arbeiten, ich muss dekorieren und Wände streichen.

- du schreibst mir das nicht zum ersten Mal, ich hab das Gefühl, das ist ein wiederkehrendes Thema. Ebenso, dass du es nur schwer aushalten kannst und überlegst, zu gehen. Ich kann diese Entscheidung nicht für dich treffen. Es ist deine. Du entscheidest. Und entweder entscheidest du dich für das gemeinsame Arbeiten daran, oder dafür, dich damit zu arrangieren, oder dafür, zu gehen. Es gibt nur die drei Optionen, und welche passt, kann ich nicht entscheiden. Es ist deine Entscheidung. Und du hast die vergangenen Male jedes Mal erzählt, wie schwierig es ist, und dass du das nicht mehr kannst, und dass du jetzt für immer gehst. Es ist deine Entscheidung. Finde heraus, was davon für dich das richtige ist. Und dann lebe damit.
-> Ich hab dir doch oben geschrieben, dass ich gerade arbeiten muss, ja, wir telefonieren heute Abend, ja, ich muss gerade arbeiten, ja. Jetzt sei deswegen aber nicht wieder gleich angepisst, weil du immer so empfindlich bist.

- Ich schreibe dir jetzt zurück, weil ich jetzt Zeit habe. Du musst darauf nicht sofort antworten, kein Stress.

- Ja ich hab auch Stress, ich hab dir gesagt, wir telefonieren heute Abend!




Das Narrenschiff fährt wieder, mit dem immergleichen Narrativ:
Sie leidet ja so darunter, dass mein Vater total am Rad dreht, nur arbeitet und ganz offensichtlich den Verstand verliert, außerdem hört er ihr nie zu, wenn sie ihm das sagt und sie hält das ja alles nicht aus und wenn sie das nicht mehr aushält, geht sie, und dann ist eben jeder für sich und überhaupt.


Sie will mit mir telefonieren und planen, was zu tun ist, wenn Papa Mayhem plöztlich an Überarbeitung oder Wahnsinn stirbt, das könne nämlich quasi jede Sekunde passieren und darauf müssen wir vorbereitet sein.
Weil er immer nur sagt, dass für solche Fälle alles geplant ist und keiner Angst haben muss, aber das ist ihr egal, was er dazu meint, sein Bruder ist schließlich geldgeil und ich mit jedem Mist überfordert, also muss sie jetzt planen, was wir dann machen, weil sonst plant das ja keiner und dann steht sie wieder ohne Wohnung da (weil sie ihre verkauft hat und zu ihm gezogen ist, weil: "Niemals verkaufe ich die Wohnung und ziehe nach Mayhemsdorf") und ohne Partner, und sie hat echt keine Lust, wieder ohne Wohnung und mit dem zweiten toten Partner da zu stehen.

Ich schreibe: darüber können wir sprechen, aber ausschließlich zu dritt, das betrifft meinen Vater.

Sie schreibt: Ja der ist ja nur am Arbeiten und dreht total am Rad, und ich hab dir gesagt, wir telefonieren heute Abend ich hab gerade zu tun!!

Ich teile ihr nochmals mit, dass ich heute Abend keine Zeit habe, ich ihr mögliche Gesprächstermine genannt habe und schriftliche Nachrichten den Vorteil haben, dass man sie auch zu späteren Zeitpunkten lesen und beantworten kann, ich es aber gerne unterlasse, wenn das Wissen, dass unbeantwortete Nachrichten da sind, ihr unangenehm ist.



Dann lege ich das Handy zur Seite, widerstehe der Versuchung, Mitgefühl für diese zwei Baustellenmenschen zu haben, die immer wieder in die gleichen Muster rutschen und immer wieder die gleiche Scheiße durchexerzieren, weil sie sich beständig weigern, Selbstreflektion zu betreiben und sich Hilfe zu suchen (der, nicht zum ersten Mal angebrachte, Hinweis auf die Dauerhaftigkeit dieser Baustelle und die Freuden der Psychotherapie wurde erneut gekonnt ignoriert).

Höre in mich hinein, was mein Gefühlsleben so spricht.
Mein Gefühlsleben schreit nach Feuer, Verdammnis, verbalem Mord und Totschlag.
Den Schrotthaufen in die Luft jagen, entweder versteckt sich irgendwo ein Funken Selbstreflektion oder es pulverisiert die Einzelteile genug, um sie zu diesem Phönix-Ding zu bewegen, bei dem sich was neues aus ihnen zusammen setzt. Oder es ist Ruhe.
Mein Gefühlsleben will in ihr Hirn gehen und dort so lange auf alles einschlagen, was sich bewegt und alles, was sich versteckt, bis nichts mehr davon übrig ist.

Mein Verstand weiß, dass ich das kann.

Mein Verstand weiß auch, dass es gerade wichtigere Dinge gibt als Menschen, die sich selbst ins Gehirn geschissen haben.

Deshalb entscheiden sich mein Gefühlsleben und mein Verstand dafür, sich um wichtigeres zu kümmern.
Genau das zu tun, was ich ihr vorgeschlagen habe: auf eigene Baustellen schauen und Grenzen ziehen.

Handy zur Seite, Platz machen für den heiligen Zorn, damit er vor sich hin brennen kann, und sich auf das konzentrieren, was ich tatsächlich beeinflussen kann.

Zähne putzen.
Gesichtspflege.
Haare flechten und im Dutt verräumen.
Kleidung anziehen.
Mails checken und feststellen, dass meine Themeneingrenzung vorläufig genehmigt ist.
Notiz machen, dass ich spezifizieren und mir was für die beschissene Quellenlage und eine Gliederung überlegen muss.
Bisschen Panik, weil ich mal wieder Nachbarwissenschaften mit rein nehme und das ein Seiltanz ist, dessen Ausgang von der Gnade meines Betreuers abhängt. Einfach Germanistik ist für Anfänger, Profis hauen noch Theater- und Musikwissenschaft mit rein.

Wetter sichten, Musik rauskramen, Schuhe an und los.





Samstag, 2. Mai 2020
Die Vatersfreundin schreibt.
Das tut sie in letzter Zeit öfter; meistens ein Wechselbad der Gefühle.
Weil sie mit Geld, das sie nicht hat, nämlich dem Papa Mayhems (das er auch eigentlich nicht hat) Dinge kauft, die kein Mensch braucht, sondern die halt irgendwie hübsch aussehen. Buddha auf Bauernschränkchen an Häkeldeckchen mit Glitzersteinchen an Enkelkinderbildchen neben Klangschale und Homöopathie-Bibel. Zunächst skurril, dann Gedanken zurück an ihre Wohnung, die sie vor einer Weile aufgegeben hat ("Niemals ziehe ich nach Mayhemsdorf!!") und die so grotesk vollgestopft mit Dekokram war, die Messi-Level der Mutter Mayhem haben einen würdigen Gegner gefunden. Nur mit mehr Glitzer.
Weil ich ihr Geschrei in den Ohren habe, seit fast zehn Jahren, dieses nicht mehr ganz menschliche, abgründige Geschrei, ich, Drecksmensch, der ihr aus den Augen gehen soll, ich, der undankbarer Fluch von Tochter, ich, die ich alles und jeden vertreibe und verjage (letzteres liebevollerweise angebracht auf dem Weg zum Sonntagsbereitschaftspsychologen, nachdem ich aufgrund akuter Nichtmehrsorge zu einer Freundin geflüchtet, deren Mutter meinen Vater angerufen und dieser, mitsamt Freundin, mich eingesammelt hat. Zuvor die Anklage, was mir einfalle, fremden Leuten zu erzählen, was mein Kopf anstellt. Was sollen die denn von uns denken. Akutauslöser war Mr.Gaunt, die zugrunde liegende Situation Geisterachterbahn, Hirnsumpf, alles. Mit 14 hatte ich zum ersten Mal darum gebeten, einen Psychologen sehen zu dürfen. "Sowas brauchst du nicht, arbeit' mehr im Haushalt und mach was, dann geht's dir auch besser". Der Herr, vor dem ich mit 19 oder 20 saß, hat das anders gesehen. Die diversen Damen und Herren, die danach in meinen Kopf geschaut oder es versucht haben, auch).

Weil ich unendliche Genugtuung dabei verspüre, ihr beim Auseinanderfallen zuzusehen, während sie von allem, was sie so schön wegschreien und wegignorieren wollte, zerfressen wird und immer wieder unbarmherzig von Wahnsinn und Elend untergetaucht wird, egal, was sie sich einredet oder kauft, jetzt, wo sie es nur noch unzureichend an mir auslassen kann und neonröhrenbeleuchtet die Tatsache, dass ich mit allem Recht hatte, mit Faustschlägen um sich wirft.
Ein ehrliches Selbstbild ist das schmerzhafteste und nützlichste Werkzeug, das man sich zulegen kann. Danach kommt noch mehr Schmerz, und ganz viel Scheitern, und gelegentlich Großartigkeit.
Ihr ist nichts davon vergönnt, weil sie schon am ersten Schritt scheitert.
Ich krieche mit wehenden Fahnen in ein Leben, das es wert ist, so genannt zu werden.
Ihres wird nur noch von Papa Mayhem und seiner unendlichen Treue, Liebe und stoischen Gelassenheit zusammen gehalten.
Armutszeugnis.


Heute schreibt sie, weil das Dorf wieder tratscht.
Das tut es öfter; meistens ein Wechselbad der Gefühle.
Einerseits erfahre ich zuverlässig, welche(r) der tollen, schönen, vielversprechenden Mitschüler(innen) von damals sein/ihr Leben mal wieder an die Wand gefahren hat und jetzt langsam Probleme kriegt, weil die Eltern doch, ganz kurz, für fünf Minuten, überlegen, ob sie erneut zur Rettung einschreiten wollen (sie entscheiden sich prinzipiell immer dafür). Oder weil der Typ/die Frau, der/die kein Beziehungsmaterial sondern eine Farce war, plötzlich weg ist aber das entstandene Kind/die Wohnung/die Schulden/der Scherbenhaufen halt noch da.
Oder das supertolle Traumleben hat sich als gammeliger Schoko-Osterhase entpuppt, leer und irgendwie eklig.

Andererseits erfahre ich, wer sich mal wieder was zusammen spinnt, auch nach 13 Jahren.
Wer auf einmal stirbt, vorhergesehen oder nicht.

Heute erfahre ich, dass das Dorf eine neue Episode intrigante Kackscheiße spielt.
Die üblichen Verdächtigen, erwachsene Männer, die sich anscheinend für die manipulativen High School Queens eines 90er Jahre Teeniefilms halten oder für die wahren Desperate Housewives (ich hab das nie gesehen, aber wenn die Serie ihrem Titel gerecht wird, könnten sie für neue Folgen auch einfach in Mayhemsdorf drehen).
Ein paar Tratschweiber mit dazu, die, so banal es klingt, einfach nichts besseres zu tun haben und auf Verbalfolter angewiesen sind, weil sie sich sonst mit sich selbst und ihrem verpfuschten Leben auseinandersetzen müssten, und mal ehrlich, wer will das schon?

Verdrehen wir, uns und die Welt, schimpfen wir, tratschen wir, manipulieren und sticheln wir, zelebrieren wir ein Schauspiel, in dem es keine Kunst und keine Realität gibt, unerbittlich, mit Zähnen und Klauen, manisch, immer im Kreis, du willst doch nicht, dass irgendwo jemand rumsteht, nichts zu tun hat und auf einmal anfängt, zu denken?

Lassen wir das lieber. Schauen wir auf das, was wir für die Anderen halten. Geben wir uns der Illusion hin, stellen wir selbstgebastelte Menschensbilder auf den Sockel oder werfen sie in den Abgrund, Obsession über alles,scheiß auf Differenziertheit, Realität oder Menschlichkeit, das sind große Worte noch größerer Idioten, verkenne die anderen, damit du dich nicht versehentlich selbst erkennst.

Rase weiter auf der Stelle durch deinen Stillstand, aberwitzig, so verblödet, dass das Leben selbst sich angeekelt abzuwenden scheint, Ziel erreicht, das Aufgehen in der Illusion, endlich macht die Welt Platz für das, was man sich an ihrer Stelle zusammengezimmert hat, und es ist überzeugend genug, um umso schockierter zu sein, wenn der Zufall es schafft, das Leben zu einem Besuch einzuladen.
Meistens schickt es jemanden vor, weil es keine Lust hat, sich das Elend schon wieder anzutun, ein Kind oder eine entfernte Großtante, und entweder verprügeln sie die Illusion oder werden von deren Besitzern verprügelt.

Es bleibt: der temporäre Hohlfrieden.

Es bleibt auch: das Wissen um seine fragile Konstruktion.

Das Leben hat Zeit. Äonen.
Die nimmt es sich auch. Und holt auf.
Unerbittlich wie die Naturgewalten selbst.
Mit dem Aufprall kommt die Höllenfahrt.
Bitter, wenn einem vor lauter Selbstbetrugstanzwut so schwindlig ist, dass man den Ausgang nicht mehr findet.




Dienstag, 28. April 2020
Der gordische Hirnknoten scheint gelöst, ich sichte Quellen und mache Hausaufgaben UND TRAUE DEM TEILFRIEDEN NICHT, während die Knotenüberreste verwirrt und versifft rumliegen und keiner weiß, ob sie sich wieder zusammenrotten oder doch auflösen werden.

Die Hausaufgaben sind zu viel, die Quellen zu wenig und es ist ein Kampf mit ungewissem Ausgang; die äußere Lage unverändert und immer noch alles zu viel und am Rand des Unmöglichen.
Aber: nur am Rand. Da sind noch eineinhalb Millimeter Abstand und das ist genug - wer braucht schon Lichtblicke?
Die menschliche Psyche stellt manchmal die tollsten Sachen an und das Gehirn ist eine Wunderkammer.

Ein Stapel Bücher auf meinem Schreibtisch, ich pflüge wie eine sehr langsame, aber sehr sture Schildkröte durch mit einer gnadenlosen Zielorientiertheit, die mich selbst erstaunt in ihrer Unerschütterlichkeit.
Eines taugt nichts, ein weiteres taugt nichts, und ein weiteres und fünf und zehn und zwanzig.
Planänderung folgt auf Planänderung, ich sortiere und sichte und führe Buch über Bücher.
Übersicht aller genannten Primärtexte in der Sekundärliteratur, Gesamtanzahl der Nennungen, Unterteilung :Allgemeines - mögliche Verbindung zum vorgegebenen Themenkomplex - ggf anderweitig nutzbar - Bullshit.
Weitere Kreuzchen für kurze Nennungen und längere Besprechungen und alles dazwischen, um hoffentlich irgendwann mal zu einer Themeneingrenzung und Fragestellung zu kommen; am besten schon gestern, oder vor einer Woche oder vor vier.

Klappt natürlich nicht, viele Ideen und keine durchführbar, der Kopfkrieg wächst und gedeiht und wir schreien uns gegenseitig an, dass wir verdammtnocheins die Fresse halten sollen und werfen uns gegenseitig vor, dass wir irrationale Scheiße von uns geben.
13 Jahre Mutter Mayhem haben mich auf sowas vorbereitet, deshalb kann ich den Kopfkrieg schreien und schimpfen und manipulieren und verletzen lassen, wie er eben gerade will und mache meine Sachen schlicht und ergreifend trotzdem.
Weiß immer noch nicht, wie ich die Bachelorarbeit und den Rest (die innere Kontrollinstanz möchte nachhaltig panisch darauf hinweisen, dass es den ganzen Rest auch noch gibt und ich den ganz schlimm vernachlässige, obwohl wir gemeinsam eine Prioritätenliste gemacht haben und die Themeneingrenzung momentan auf Platz 1 ist) schaffen soll.
Dafür aber, dass ich sie schaffen werde; ohne überzeugende Beweisgrundlage, dennoch unerschütterlich.
Wirklichkeit entsteht aus Unwahrscheinlichkeiten, die eintreten.





Die Therapeutin liegt im Krankenhaus.
Sie hielt sich an Abstandsmaßnahmen, andere halt nicht, und dann sind über Kontaktpersonen von Kontaktpersonen auf einmal Leute krank und leiden vor sich hin.
In unserer letzten Sitzung hat sie sich für ihre Verspätung entschuldigt, Atemprobleme sollte man abklären lassen, sicherheitshalber Arzttermin gehabt, es sei aber anscheinend alles ok und dementsprechend würde das wohl bald wieder vorbei gehen.
Sie ist relativ jung, keine Risikogruppe und hat eine Familie.
Außerdem siecht sie jetzt, vermutlich auf einer Intensivstation, vor sich hin und es scheint dramatisch genug, um gestern einen Anruf der Praxisleitung bei mir zu veranlassen, in dem ich gefragt werde, ob ich, "wenn es die Umstände erfordern", meine Therapie bei jemand anderem fortsetzen würde/könnte, mehrfach mit Nachdruck auf Krisentelefone hingewiesen und versichert wird, meine Grüße würden ausgerichtet, falls sie wieder ansprechbar wird.
Nicht wenn, sondern falls.
Das ist ein Unterschied.
Wenn es kein sprachliches Versehen war, ein gravierender.

Den restlichen Tag frisst der, durch vortägige Überproduktivität (Hirnsumpf: haha, als ob drei oder vier Stunden produktiv wären!) wohl begünstigte, Überlastungszustand, weil ich es ihm erlaube.
Keine Krisenanrufe, keine Panikattacken und kein Weinen; stattdessen einfach vor sich hin existieren, nebenher eine Hausaufgabe erledigen, mit anderem Eingrenzungsfokus nochmal Quellen suchen (natürlich wieder nicht erfolgreich).
Der Kopfkrieg sagt, das ist nicht genug, ich erkläre ihm, dass jede Diskussion eine Energieverschwendung ist und er deshalb jetzt einfach ignoriert wird.

Telefonat mit Dory, die Probleme anderer zu bearbeiten lenkt manchmal effizient von meinen eigenen ab und solche Pausen brauche ich.
Gemeinsames Fernfeierabendbier zwischen positiver Belanglosigkeit und Gesprächstherapie, nichts davon fühlt sich erzwungen oder nach Arbeit an; wundervoll.
Ich bin stolz auf sie, weil sie Dinge mit etwas Unterstützung sehr schnell erkennen und umsetzen kann, sie ist stolz auf mich, weil die Erkenntnisse über Jahre erkämpft sind aus Erfahrungen, Therapie und Trauma.
Ich teile meine Weltuntergangsroutine und Krisennahkampferfahrung, sie ihre Normalität, wir halten uns vom wahnsinnig werden ab und einander über Wasser.
Zwischendurch Zimmerpflanzengespräche und ein paar Witze über den nicht vorhandenen Musikgeschmack der jeweils anderen.
Es könnte schlimmer sein.