Erfahre am Montag, ob ich zwei Wochen Verlängerung für die Abschlussarbeit kriege. Es sieht gut aus: die Therapeutin hat Himmel, Hölle und alles dazwischen beschworen und in Briefform gebracht, kurz waren wir überrascht, als wir festgestellt haben, dass es keine Übertreibung ist,nichtmal ein bisschen, sondern der tatsächlichen Realität entspricht.
Zwei von drei Instanzen sind überzeugt, die dritte wird sich am Montag melden, wurde aber prophylaktisch bereits telefonisch von der Therapeutin heimgesucht, dem Betreuer erscheint eine Verlängerung ebenfalls logisch, wäre doch irgendwie doof, wenn eine unverschuldete Krise mir die akademische Karriere versaut.
(ER SIEHT ANSCHEINEND DIE MÖGLICHKEIT EINER AKADEMISCHEN KARRIERE! Euphorie und schlagartig hochgeschraubte Selbstansprüche an die Abschlussarbeit nehmen sich an der Hand und tanzen über die verminte Spielwiese meines Verstands)

Nachdem alles in die Wege geleitet ist kommt die große Erschöpfung.
Nur wenig geschrieben, dann ein Tag Pause, dann gerade mal zwei Stunden am Rechner, Definitionsteil prägnanter fassen, sprachlich aufmöbeln, natürlich noch nicht fertig damit - kommt davon, wenn man sehenden Auges in Forschungsfelder einmarschiert, in denen sich über die Jahrzehnte selbst Koryphäen verlaufen haben und nie wieder aufgetaucht sind; nur, um sich dann auch noch eine Ecke auszusuchen, die sich weder Koryphäen noch Normalsterbliche bisher so genau angeschaut haben. Oder überhaupt.
Genau genug sein, aber den Rahmen nicht sprengen, Fässer aufmachen und auf den Grund tauchen, aber nicht zu sehr, die ewige Herausforderung. Eigentlich müsste ich schon alleine deswegen noch einen Doktor anhängen, um endlich mal gründlich alles ausbreiten zu können; die ganzen "ok, das ist skurri- Halt, ich glaube, ich hab da was festgestellt"-Momente mal gnadenlos raushauen. Wie der Typ, der eine meiner Quellen des Definitionsteils stellt. 600 Seiten Wälzer, in einer Randbemerkung erfährt man, dass es sich um die für die Veröffentlichung etwas gekürzte Doktorarbeit handelt, absolute Gnadenlosigkeit im Bewusstsein, gerade einen kompletten Diskurs auf den Kopf zu stellen, und zwar gründlich, stilistisch und gedanklich unüblich und selbstbewusst, weil mans einfach kann.
Hat geklappt, er schwurbelt nämlich nicht nur, sondern hat tatsächlich was auf dem Kasten. Ich stelle mir sein Gehirn vor als einen riesigen Abgrund, aus dem alles mögliche und unmögliche an Wissen aufsteigt, sich in Anfällen spontaner Genialität zusammen findet und dann von ihm aufs Papier geworfen wird.

Der Thekenzwerginmann ist davon überzeugt, dass es sich dabei um eine Vision meiner Zukunft handelt, sofern ich nicht doch Coaching, Human Ressources oder Weltherrschaft anpeile, da sieht er mich ja eigentlich.
Sogar Papa Mayhem glaubt mittlerweile an mich, wenn er auch etwas daran zweifelt, ob man mir wirklich die Weltherrschaft anvertrauen sollte. Aber so ein bisschen Großartigkeit?
" Du bist so einer von den Menschen, die so ein Unikat sind. Die können gar nicht in der Masse untergehen. Die gehen an sich selber unter, oder in die ganz, ganz andere Richtung, so weit, wie man sich das gar nicht vorstellt als Normalbürger."


Ob genial-wahnsinnige oder wahnsinnig geniale Beiträge zur Forschung, Weltherrschaft oder sonstige Späße, damit das klappt, muss es mit der Abschlussarbeit klappen.
Ich pendle also weiter schwungvoll zwischen Krise und der besten aller Welten. Ringe um jede Minute Arbeiten und übe, zu vertrauen.
Mir, meinem Hirn, und der Neigung des nicht vorhandenen Schicksals, zuverlässig zufällig Skurrilitäten und Großartigkeiten zu produzieren.
Quasi Business as usual, nur irgendwie lauter, brutaler und von etwas größerer Tragweite.
Augen auf und durch.





c17h19no3, Sonntag, 6. September 2020, 17:16
wow, nicht übel! ich hatte damals auch ein promotionsangebot und hätte das extremst gerne gemacht.

allerdings darf man sich halt in der germanistik keine akademische riesige karriere ausmalen. in unis wird wenig investiert. meine professorin hat mir damals klipp und klar gesagt, ich solle den doktor realistisch als "kosmetik" betrachten und nicht als quell des reichtums oder ähnliches. in der regel seien es harte brotlose bzw. brotarme jahre.

zudem musst du bedenken, dass auch der einstieg in die wirtschaft (sofern der traum von der unikarriere ausbliebt) meist auch etwas zeit in anspruch nimmt. sprich praktika, volo/ausbildung und dann meist erst ein "richtiger" job. wenn man dann noch irrwege wie ich über die selbstständigkeit und scheinselbstständigkeit nimmt, sind das noch mal harte brotlose jahre. und plötzlich bist du mitte 30 und während andere ein reihenhaus kaufen und eine familie gründen, lebst du immer noch in einem wg-zimmerlein von der hand in den mund.

das muss sich vor augen führen. die liebe lederjacke bspw. promoviert jetzt seit sieben jahren vor sich hin. einfach, weil die kohle nie so richtig gereicht hat und er sich aufgrund diverser aushilfsjobs verzettelt hat und sich nicht genug zeit für seine diss nehmen konnte. mit der folge, dass auch jegliche förderungen ausgelaufen sind und er inzwischen noch mehr jobben muss, um diesen wegfall auszugleichen. nun ist er über 40 und hat noch nie so wirklich geld verdient. und keine diss fertig. dabei hätte er 2014 sogar ein jobangebot an der uni gehabt. das ist aber inzwischen weg. die konkurrenz schläft nicht und die söhne reicherer eltern brauchen halt keine nachtwachen-jobs irgendwo für mindestlohn zu machen.

ich wills dir echt nicht mies reden, aber viele sehen die disseration recht romantisch verklärt. auf dem arbeitsmarkt kann ein dr.-titel sogar ein nachteil sein, weil der auch bezahlt werden will. viele arbeitgeber nehmen einfach die nächstbeste billige arbeitskraft. hatte mal einen bekannten mit dr.-titel in der geologie, der hatte sich für einen posten in einem museum beworben, der auch echt kein traumjob war. er hat ihn nicht bekommen. sondern jemand jüngeres ohne doktor.

ich muss zugeben, dass ich immer noch gerne die diss machen würde. es hat mich schon sehr interessiert und ich gehe dingen total gern auf den grund. ich bereue es aber auch nicht, sie nicht gemacht zu haben, weil ich vermute, dass ich mich dann irgendwo in so einer lederjacken-lage befinden würde. und dass aus 7 knallharten jahren vielleicht 10 oder 12 geworden wären.

wie so oft im leben ist es halt eine frage dessen, was man aus tiefstem herzen will und was man bereit zu opfern ist... aber bitte überleg es dir gut und lass den kopf gern mitreden. ;-)

p.s.: sehr cool, dass dein herr vater sich darüer im klaren zu sein scheint, dass seine tochter in mehrfacher hinsicht ziemlich einzigartig ist. ;-) und dass er an dich zu glauben scheint. meiner sagt heute noch, ich hätte bloß sein geld verschwendet und dass ich besser eine ausbildung gemacht hätte nach der schule.


mayhem, Dienstag, 8. September 2020, 16:32
So richtig ernsthaft hab ich Promotion o.ä. nie wirklich auf dem Schirm gehabt, hauptsächlich aus finanziellen Gründen. Ähnliches Prinzip wie bei Uni-Lehraufträgen: ich würde das gerne machen, könnte es vermutlich auch, aber ich kanns mir nicht leisten, mir hängt ein Studienkredit im Nacken. Eigentlich muss ich im Eiltempo fertig studieren, dabei genug Geld verdienen, um ab kommendem Jahr sämtliche Kosten plus Zinsrückzahlungen abzudecken (und nach dem letzten Regelstudienzeitsemester auch die regulären Rückzahlungen, ob ich fertig bin oder nicht), gleichzeitig eine vorzeigbare Note produzieren, damit die ewig lange Studiumsdauer aufgehübscht wird ,und nach dem Abschluss möglichst sofort nen Job haben. Notfalls wieder Tankstelle parallel zu unterbezahlten Praktika. Achja, dabei nicht durchdrehen wäre auch noch ganz nett ;)

Insofern sind Dozenten- oder Dissertationsstelle Wunschtraum und werden es vermutlich auch bleiben. Lehrauftrag würde ich, wenn ich mal beruflich und psychisch gefestigt bin, vermutlich noch hinkriegen, Diss nur, wenn sich plötzlich ein Stipendium oder spontaner Geldsegen größeren Umfangs auftut (und Stipendiengebern passe ich nicht ins Schema, merke ich aktuell. Egal, wie altruistisch vornerum getan wird, irgendwas ist immer).

Papa Mayhem hat finanziell nie so wirklich in mich investiert, deshalb kommt der Vorwurf bei mir nur in der regulären Form, "hättest du mal was ordentliches gelernt". Mittlerweile aber auch seltener, weil ich jetzt einfach schon so lange unbeirrbar seltsam bin, dass er langsam, aber sicher davon überzeugt wird, dass das keine Phase, sondern meine Persönlichkeit ist, die nicht unbedingt kompatibel ist mit dem, wie so ein Leben "normalerweise" verläuft. Und ich entweder weiß, was ich tue, oder aber meine Phönix-aus-der-Asche-Nummer so weit perfektioniert habe, dass es zumindest so wirkt. (Aus der Innenperspektive kann ich mitteilen: beides, wechselt immer mal)