Mittwoch, 18. März 2020
Thema: Outtakes
die kurze und etwas weniger abstrakte Variante: ich ringe nach wie vor mit der Uniblockade, was ziemliche Scheiße ist, hatte einen etwa neunzigsekündigen Anfall spontaner Genialität, in dem ein paar mögliche Erkenntnisse kurz an die Oberfläche blubberten, diese im Eilverfahren handschriftlich auf insgesamt fünf Doppelseiten DIN A4-Karoblock gebannt und arbeite nun daran, sie irgendwie in ein nachvollziehbares Format zu bringen,da ich ein seltsames Gefühl habe, einer wichtigen Sache auf der Spur zu sein.

Der Prozess der Begreifbarmachung ist noch im Entstehen, es fühlt sich an wie ein glitschiger Tentakelmoloch, der genau auf der Grenze zwischen Sumpf und Wahrnehmbaren liegt und mal in die eine, mal in die andere Richtung schwappt.
Da sich Fortschritte in der Bestimmung seiner Umrisse anscheinend bevorzugt (oder überhaupt nur) dann zeigen, wenn ich eine gewisse Anzahl an Abstraktionsebenen einführe (Distanzschaffung durch Rollenannahme, wofür ist man denn sprach- und kulturforschende Schauspielerin), habe ich beschlossen, als Experiment genau das zu tun, und irgendwie ist dabei der folgende Text entstanden.

Welche Ich-Version auch immer ihn ausgebrütet hat: Hallo Selbst, ich hab mir das gerade mal durchgelesen - deine verschrobene Eigenartigkeit ist irgendwie sympathisch, lass uns mal quatschen, ich bestell uns Mittagessen.


vom 13.03.20.



Die Kommandobrücke verkündet:
Da bisherige Maßnahmen zum Umgang mit der Uniblockade

-die kleinen Schritte
-das große TROTZDEM, materialisiert in den Versuchen, das Ding in der Psyche als Gegebenheit zu akzeptieren und trotzdem etwas zu machen, egal, wie viele Stunden mentaler Vorbereitung es für zwei semi-ausformulierte Sätze auf dem virtuellen Papier braucht
- strukturierte, geplante und ritualisierte Vorgehensweise (Schaffen eines dezidierten Arbeitsplatzes, einer festen Zeit, mit und ohne Musik verschiedenster Genres, Zeitplan kurz- mittel und langfristig, Schreibübungen und unzählige Entwürfe, Planungen, Vorgehensbeschreibungen, mentales Manifestieren des großartigen Gefühls, wenn der Scheiß endlich geschafft ist)
- niederschwellige Ansätze (Bücher und Laptop neben dem Bett, ein Satz pro Tag reicht und der Tag hat 24 Stunden, es ist also egal, wann der niedergeschrieben wird)
-einfach machen
- und ähnliches
bisher von ausgesprochen geringem Erfolg waren,
dabei aber vermutlich ebenso viel Zeit, Nerven und Energie gekostet haben (und noch kosten), wie es die ursprünglich aus Zeit-, Energie- und Nervengründen verschobene Option der Ursachensuche und anschließenden Auflösung der unliebsamen Partei getan hätte,
wird die Route neu berechnet.
Zum bisherigen Zeitpunkt ist noch unklar, ob die Wahrheit nicht irgendwo dazwischen liegt, weshalb die testweise Kursänderung regelmäßig evauliert und der vorherige Koordinatensatz als Backup gesichert wird.


Eine Sondertagung unter der Leitung
- der IG HD-TV (Handlungsmaßnahmen Durchführen, Totalschaden Vermeiden)
-des aus ihr hervorgegangene Vereins F.u.C.K..t.h.i.S. (Freunde unkonventioneller Coping-Skills im Kampf gegen traumaverwurzelte hochgradig irritierende Selbstsabotage)
-und der IG Biere (Belastende Identitätserbstücke radikal entsorgen)
wird alsbald mit der Diskussion der weiteren Vorgehensweise und der Erstellung eines entsprechenden Konzepts beginnen.
Einladungen ergingen an alle wichtigen hirneigenen Institutionen - und auch an die unwichtigen, man kann ja nie wissen.
Zudem wurden mit Rundumvorhängen ausgestattete Planschbecken aufgestellt, um im Falle spontaner Besuche aus dem namenlosen Nebel adäquate Aufenthaltsmöglichkeiten gemäß der landestypischen Präferenzen (knapp unter der Oberfläche des Hirnsumpfs, selten als Schemen sicht-, ihre Anwesenheit aber umso intensiver fühlbar) anbieten zu können.


Themen der geplanten Vorträge und Workshops sind unter anderem:
- Wenn der aktuelle Scheiß komplett unbeeindruckt davon ist, dass man schon ganz anderen überstanden hat: Was, wenn die Krise sich deshalb nicht bewältigen lässt, weil es gar keine ist?
Vortrag von G.Dankenexperiment, basierend auf dessen Dissertation "Das Leben als Frühstückssandwich und das Selbst als Erdnussbutter. Über Wandlungsprozesse, Übergangszustände, Dazwischen-Sein und ausgewogene Mahlzeiten".

- Wie haben die das früher eigentlich gemacht? Grundkurs Psychoarchäologie.
Workshop, in dessen Rahmen die Teilnehmenden die Gelegenheit bekommen, eigene kleine Ausgrabungen vorzunehmen, um verschüttete Persönlichkeitsmerkmale, Selbst- und Fremddefinitionen, vor allem aber frühere Eigenheiten oder/und Symptome freizulegen


- Idiosynkrasie oder Idiotie? Sammlungsorganisation für Psychoarchäologen.
Auf dem Grundkurs aufbauender Workshop, in dem die Prüfung der Funde hinsichtlich ihrer Tauglichkeit als Bewältigungsstrategie oder/und Kampfstoff für den aktuellen Anlass sowie die fachgerechte Aufbewahrung jener Funde, die nicht in diese Kategorie fallen, erarbeitet werden

- Die Bretter vorm Kopf und die, die die Welt bedeuten: Dramenanalytische und literaturwissenschaftliche Verfahren als Mittel zur Annäherung an jene Realitäten, die sich nur durch Verfremdung greifen lassen
Vortrag von Dr.Anne T. Fiction, Dozentin der Tumbleweed School for Actors and Dissociation Artists

- Seek and Destroy: Wege ins Unterbewusstsein zur Ursachensuche und anschließenden Beseitigung des aktuellen Notstands
Diskussionskreis unter der Leitung der gnadenlos optimistischen Kommandobrücke.

- Chaos regiert: Bild, Ton und Sprache als Quellen der Inspiration, Erleuchtung oder vielleicht wenigstens der heilsam-verstörenden temporären Katharsis.
Prof.Dr.Gap Ginnunga, kulturwissenschaftliche Chaosforscherin und Autorin der ständig erweiterten Bestseller-Anthologie "Ist von Trier zu stark, bist du zu schwach - ungewöhnliche Kraftorte der Lebensphilosophie" (aktueller Stand: C wie Cioran bis R wie Rasputin).

Bei einer ausreichenden Anzahl an interessierten Teilnehmern können folgende Kurse fakultativ belegt werden:
- It's not a bug, it's a feature - philosophische Psychoarchäologie.
Zusätzliche Übung zum Aufbaukurs, die sich Interpretationsmöglichkeiten der Gestalt und Eigenschaften gefundener Artefakte widmet.

- Konstruktiver Mottentanz : Selbstmanagement für Affektmenschen, Extrempersonen und andere Zerstörungswütige.
Vortrag von A.M.Piekłowa, Gärtnerin am Baudelaire-Institut und Primaballerina im Dante-Ensemble.

- "Wir sollten das alles hier nehmen und ein Buch daraus machen, oder wenigstens eine Novelle; das ist voll die gute Story, so mit Symbolen und so."
Diskussionskreis, den sich das zwanzigjährige Ich wünscht. Da der interne Generationenvertrag es vorsieht, sich selbst eine gute Mutter-Vater-Kind-Personalunion zu sein, hat sich die restliche Kommandobrücke entschieden, den Vorschlag in das fakultative Programm mit aufzunehmen. So sollen die jüngeren Mitglieder lernen, dass sie wahr- und ernst genommen werden, selbst, wenn Entscheidungen und Ansichten vom Rest der Familie nicht geteilt werden.

- Der Teufel steckt im Projezierten - Idealisieren und Dämonisieren mit gezielten Realitätsschellen effektiv ausknocken. Mit einem Praxisteil und anschließender Tiefenentspannung.
Unter professioneller Anleitung* erlernen die Teilnehmenden Techniken, um sich selbst oder andere von fehlgeleiteten Vorstellungen zu befreien und so die Entstehung tragfähiger, konstruktiver und unter Umständen angenehmer Realitäten zu begünstigen.

Die Teilnahme ist unabhängig vom bisherigen Erfahrungsgrad und sportlichen Fähigkeiten möglich; der Kursleiter* möchte betonen, dass keine Vorkenntnisse notwendig sind. Die Übungen werden in verschiedenen Varianten für Anfänger, Mittelstufe und Profis gezeigt und können an das eigene Level angepasst werden. Modifikationen und Pausen sind jederzeit möglich.

*Kursleiter Bruce Sylvester Terminatóre ist zertifizierter Weltenzerstörer, Personal Trainer und amtierender Champion der internationalen Ohrfeigenmeisterschaften. In seiner Freizeit stemmt er und häkelt Babymützchen.




Sonntag, 10. November 2019
Thema: Outtakes
Outtake vom letzten Jahr, der mich erheitert hat, weshalb ich ihn jetzt mal hier rein kopiere.
Fun fact: Das Tupperware-Verticken scheint ebenfalls eine genetische Disposition zu haben, quasi jede zweite Frau der mütterlichen Abstammungslinie ist in dem Business, und meine Mutter war da mal richtig erfolgreich - bis sie 's in den Sand gesetzt und uns bei ihrem Ableben mit einem kompletten Zimmer voller Plastikschüsseln zurückgelassen hat, für die mein Vater kein Verkaufstalent hat. Vielleicht sollte ich mal schauen, ob ich ihre Superkräfte geerbt habe...



Fun fact: Meine Großcousine (mütterlicherseits) , zwei Großcousins (väterlicherseits) und ich haben am gleichen Tag Geburtstag, mit jeweils einem Jahr Altersunterschied von den zwei Männern an in absteigender Reihenfolge, mit mir als der Jüngsten.

Fun Fact Nr.2 : Großcousin1 ist ein großer Fan von "alternativen" Frauen aus der Metalecke , weil die ja so anders und gefährlich aussehen und baggert mich deshalb zuverlässig auf seine seltsam-schüchterne Art und Weise an, wann immer wir uns beide auf einer Familienfeier befinden und die ersten Kurzen gekippt wurden, während ich leise das Intro von Game of Thrones summe. Aber lassen wir das.

Großcousine und ich sind auf genau die Art und Weise miteinander verbunden, wie man es in Familien mit gut funktionierenden Verwandschaftsstrukturen erwarten würde:
Ich halte sie für dumm bis zurückgeblieben und deswegen langweilig, sie ist der Meinung, ich sei vom rechten Weg abgekommen, vermutlich verrückt und ein wenig kriminell, ihre Mutter ist ein intrigantes Miststück und wir alle gratulieren uns, mal mit, mal ohne Smiley auf schriftlichem Weg zum Geburtstag, damit niemand einen offiziellen Grund hat, der anderen ein Sektgläschen übers Kleid zu kippen, wenn mal wieder jemand stirbt und wir uns auf der Beerdigung sehen und anteilnehmend besmalltalken müssen.
Dabei habe ich mich dafür entschieden, die von meiner Mutter begonnene Tradition, einen Versuch der Freundlichkeit zu starten, um anschließend in den Lästermodus zu wechseln, sobald Großcousine und vor Allem ihre Mutter weg sind, nicht weiter fortzusetzen und stattdessen lieber das zu machen, was Papa Mayhem auch immer macht, wenn er es mit meiner Verwandschaft mütterlicherseits zu tun hat:
Verzicht auf das Verschenken wertvoller Beachtung jenseits eines reservierten Gruß- und Abschiedswortes, physische Präsenz in Smalltalk- und Lästerrunden inklusive mehr oder weniger verkniffen wirkendem awkard smile, während man an diesen wunderschönen Wintergarten, den man gestern fertig gebaut hat, denkt (Papa Mayhem) oder an Legolas, als er noch heiß war (ich).
Und ein stilles Dankesgebet dafür, dass sich bei mir die paar guten Gene, die die Verwandschaft zu bieten hatte, durchgesetzt haben und ich halbwegs tageslichttauglich, sowie mit einem IQ über Zimmertemperatur rausgekommen bin (Papa Mayhem und ich).
Und mit einem erhöhten Risiko hinsichtlich diverser Krebsarten, Diabetes, Alzheimer und Demenz, Schlaganfällen und Herzinfarkten, Depressionen und anderen Hirnproblemen, Suchterkrankungen, Übergewicht, ....und der liebevoll "Kanisterkopf" getauften Gesichtsform, die Opa-aus-Polen auch hatte und die zutage tritt, wenn jemand aus dieser Verwandschaftslinie es mal nennenswert ins Normalgewicht schafft. Ernsthaft, wir haben zwar keine gute Ausrede dafür, sind aber irgendwie alle fett zur Welt gekommen, fett geworden, oder irgendwann mal fett gewesen.

Zurück zur Großcousine und ihrer Mutter (fett und morbid adipös, ich hab doch gesagt, das ist ein Phänomen in unserer Verwandschaft!) .
Im Gegensatz zu mir hat Großcousine darauf verzichtet, von einer suboptimalen Beziehung zur nächsten zu stolpern, unterbrochen von gelegentlichen Phasen des Rumhurens und gekrönt vom Beschluss, einen Kerl, der was taugt, in den Wind zu schießen, sondern stattdessen nicht nur einen kennen gelernt, der ihr passendes Gegenstück ist, sondern den auch behalten und geheiratet, und holy shit, das ist eine stabile, funktionierende Beziehung, in der beide glücklich scheinen. Mind: Blown.

Die Großcousine marschiert mit der Freude, der Liebe und dem Selbstbewusstsein einer absolut Wahnsinnigen durch ihr stabiles Leben in Richtung absoluter Glückseligkeit: Kind 1 ist ausgebrütet und im Familienfotoshooting verewigt, es ist genauso fett wie alle Frauen dieser Seite der Verwandschaft, und es strahlt auf jedem verdammten Foto so glücklich, dass ich vermute, dass auch die Disposition zur Geisteskrankheit vererbt wurde - vielleicht machen Kinder das aber auch einfach so, ich weiß nicht.

Kind Nummer 2 ist fertig produziert und wird gerade ausgebrütet, und es wird im sicheren Wissen zur Welt kommen, dass seine Eltern es lieben und sich den Bauchparasiten gewünscht haben, sein Vater definitiv sein Vater ist, und es wird vielleicht nicht die hellste Kerze auf der Torte und auch nicht an's Gymnasium geschickt, weil es lieber was richtiges machen soll-
aber hey, falls es doch der Antichrist wird, hat es immer noch eine schwarz gewandete, zugetackerte Großtante, die mit Katzen, Wodka und schrägen Lebensweisheiten parat steht.

Eventuell auf einer Tupper-Party - die Großcousine ist begeisterte Hausfrau, vertickt aber zur Unterstützung ihres Göttergatten nicht nur Makeup, sondern ab jetzt auch Plastikschüsseln, weshalb unser Nicht-Kontakt durch eine copypaste-Nachricht an mich,ob ich denn nicht die zweihundert Kilometer mal schnell fahren und zum Tupperabend vorbeikommen will, gebrochen wurde.

Oh heilige Kurwa, ich sitze in meinem gammeligen Studentenzimmer, mit Schuldenberg und Endlosstudium, und sie vertickt Tupperware.
Das Schicksal hat Humor.




Donnerstag, 24. Oktober 2019
Thema: Outtakes
vom Anfang des Jahres, als sich auch die Bipolar-Diagnose verabschiedete und bevor sie durch die (bis jetzt) erstaunlich passenden ersetzt wurde:

"(...) und egal, welche Diagnose ich erhalte, sie ist bisher IMMER ein besonderer Subtyp, atypisch, oder, wenn keines von beidem zutrifft, falsch.
Ehrlich. Selbst mein Blinddarm haelt sich an dieses Prinzip - und immer noch an mir fest, der ist quasi die einzige Struktur und Ordnung in meinem Leben, auf die ich mich wirklich verlassen kann.
Danke, Blinddarm!"




Freitag, 6. September 2019
Thema: Outtakes
Ich habe ja am 28. oder 29.07. von meiner unheimlichen Begegnung der männlichen Art berichtet.
Die bereinigte, stilistisch hochwertige Version.

Gemäß der von Dürrenmatt in ergreife die Feder müde (übrigens generell ein wunderbarer Text für alle Achterbahnen des universitären, schriftstellerischen und allgemeinen Lebens-Schaffens, dabei mag ich Lyrik nicht mal) geäußerten Empfehlung, die schlechtere Fassung stehen zu lassen, findet diese eben doch ihren Weg unter die virtuellen Bühnenscheinwerfer;
und wenn es nur ist, um mich daran zu erinnern, mir derartige Menschenkateogrien nicht mehr anzulachen, wenn ich mal wieder zu vergessen drohe, wie sehr mich sowas aufregt. Ein netter Anlass, den Erstversionen, die nicht veröffentlicht wurden (generell schreibe ich einfach runter, was mein Kopf so hergibt, manches bleibt dann aber doch offline), doch noch ein wenig zweifelhafte Ehre zuteil werden zu lassen. Manchmal sind die Outtakes ja der bessere B-Movie.


Ich bin zu alt für diese Scheiße - Fuckit (oder Fuckboy?)-Edition

Ein erneuter Fall von "wie, Frau Mayhem hat ein Sexleben? War die nicht erst vor fünf oder zehn Jahren grad mal 18?". Ja, kommt vor (leider). Und nein, ich schreib' hier nach wie vor nicht alles rein, was mir so passiert.
Wer aber schon immer lesen wollte, wie ich mich über Menschen aufrege, die ich nackt gesehen habe, hat jetzt die exklusive Chance. Whoop-whoop!


Ich dachte mir gestern also, es sei eine gute Idee, einen Tag Unikrampause zu machen und mit ein paar anderen Theatermenschen was trinken zu gehen.
Ich habe so, nach fast zwei Jahren, meiner geliebten Lieblingskneipe einen erneuten Besuch abstatten und außerdem feststellen können, dass Wodka mit Melonenlimo und ein paar gefrorenen Heidelbeeren echt gut schmeckt.


Nebenher habe ich mich über meine betrunken zu Dramaqueens (m/w/d) mutierende Gesellschaft aufgeregt und dann doch wieder versucht, konstruktiv zu deeskalieren, vermitteln und Frieden zu stiften - um dann selbst angegangen zu werden.

Irgendwo zwischen Bier und Zimt-Tequila hat sich die Unsicherheit wieder gemeldet und ich wurde zum auf Autopilot krampfhaft dauerquatschenden Bilderbuchbeispiel für Sprechdurchfall und Anxiety-Level, die Emo-Teenies vor Neid erblassen lassen würden.
War auch schon mal besser.

Am Ende des Abends beschloss ich, wie ich dachte im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte, mit dem mir vom Sehen bekannten und relativ besoffenen Frontschreier einer semi-bekannten BM-Gruppe heim zu gehen- nicht, weil er Frontschreier oder die Gruppe etwas bekannt ist, sondern weil er, wenn es dunkel genug ist und man das Gesicht ausblendet, soweit passabel aussieht, emotionsbehindert und misanthrop genug ist, um sich nicht zu verknallen, und ich einfach nicht alleine schlafen gehen wollte.

Nachdem ich, neben einem vom erfolglosen Kampf um meinen oder seinen Orgasmus in den Komaschlaf beförderten, schnarchenden und im Schlaf sabbernden Typen saß, der zwischenzeitlich sämtliche Attraktivität für mich verloren hatte (hatte er die eigentlich überhaupt nennenswert? Also, über das "reicht zur Bedürfnisbefriedigung"-Maß hinaus?) und nicht schlafen konnte, weil ich meine Medikamente nicht dabei hatte, mit mir verhandelte, ob ich einfach gleich gehe oder den Anstand besitze, zu warten, bis er wach ist und mich zu verabschieden, schlichen sich doch ein paar Zweifel bezüglich des Vollbesitzes meiner geistigen Kräfte ein.

Als dieser Mittdreißiger anfing, erst zu jammern, dann zu schmollen und schließlich zu meckern wie ein pubertärer Junge, nachdem ich ihm mitgeteilt hatte, dass ich nach Hause gehen möchte/werde und es keine neue Runde gibt, war ich beim "Ach echt jetzt, nicht schon wieder so einer" angekommen.
Mir doch egal, ob wir das "nicht richtig zuende bringen konnten", ich hab keine Sekunde geschlafen, Bauch-, Arm-, Kiefer- und Oberschenkelmuskelater, und grad einfach keinen Bock, mir das nochmal zu geben, und wenn dein Schwanz vibrieren, rotieren und dabei lustig blinken könnte.

Meiner Meinung nach berechtigte Einwände und überzeugende Argumentation; der Frontschreier meinte trotzdem, es dreimal versuchen zu müssen, inklusive dem "Hupsa, da sind mir die ersten Zentimeter meines Glieds doch glatt reingerutscht in dich", und dann trotzdem zu schmollen, als ich ihn, samt besagtem Geschlechtsteil, zur Seite rolle/werfe und anfahre, ob er eigentlich behindert ist, ich hab fünfmal gesagt, dass ich keine Pille nehme, und, falls ers nicht mitbekommen hat, die Kondome da auf dem Boden sind der Beweis dafür, dass er es *eigentlich* sowohl wahrgenommen und auch akzeptiert hat.

Und trotzem bin ich diejenige, die zuhause beim Kaffee mit der Mitbewohnerin und ihrer Freundin über ein schlechtes Gewissen klagt und darüber, dass ihr Schuldgefühle gemacht wurden, weil sie ohne weitere Runde Genitaltango heim ist.

Auf die Äußerung, dass ich grad nicht weiß, wie man sich jetzt richtig verabschiedet von oberflächlichen Bekanntschaften, die man jetzt doch etwas besser kennen gelernt hat, wirft er mir ein "normalerweise schläft man nochmal miteinander, weißte?" entgegen, wird dann aber bitchy und behauptet, nee, alles ok, er ist mir nicht böse oder sowas, als ich, mindestens genauso aufgebracht und fast heulend (jup, ich heule auch vor Wut manchmal) frage, was die Scheiße bitte soll, mehr als mich entschuldigen kann ich nicht und außerdem, was soll das für ein Sex sein, wenn es eine der Beteiligten es nur über sich ergehen lässt und darauf wartet, dass es endlich rum ist.
Aber natürlich, er ist nicht sauer.

Ich habe keine Lust darauf, ein schlechtes Gewissen zu haben, wenn ich Männern (bisher ist mir das ausschließlich bei Männern passiert) sage, dass ich doch nicht mehr/nicht nochmal mit ihnen schlafen möchte. Mir hat das schlechte Gewissen nach dem Typen, den ich mehr oder weniger mittendrin mehr oder weniger rausgeworfen habe (ich weiß, kein feiner Zug, aber psychische Gesundheit geht vor) und der dann auf trauriger, verletzter Hund gemacht hat, gereicht.
Oder der Ex, der, nach einer Blinddarm-Op seinerseits, entgegen meiner Hinweise, dass ihm das weh tun wird und ich keine Lust habe, meinte, da mit Oralverkehr unbedingt noch was drehen zu können/wollen/müssen oder es halt "einfach mal zu versuchen, manchmal kommt die Lust erst dabei", und der zu mir meinte, ich soll mich doch nicht so anstellen, er habe, aufgrund der OP, schließlich auch Schmerzen und da müsse man durch, als ich, weinend und eine Angstattacke runter kämpfend, nicht mehr auf die Welt klar kam, nachdem ich ihn angeschrien hatte, dass ich eben grad nicht will.
Und der Typ jetzt; mit dem es am Vorabend trotz vollem Einsatz beiderseits eben nicht geklappt hat, und ja, ich habe da gesagt, ist ok, wenn wir es morgens nochmal versuchen, aber hey, da hab ich auch noch nicht gedacht, dass ich keine Sekunde schlafe, so dringend heim will, und dass du mir so unsympathisch bist.

Alle drei Fälle, übrigens chronologisch sortiert, haben mir mehr oder weniger deutlich und nachhaltig mitgeteilt, dass ich was falsch mache, und waren entweder gefrustet-jammerig (der erste Fall), oder sauer (die anderen zwei), weil sie davon ausgegangen sind, dass da was geht, und dass sie ein Recht darauf haben.
Und der Mindfuck ist: in allen drei Fällen habe ich das schlechte Gewissen (gehabt). Weil ich auch so schon dauernd ein schlechtes Gewissen habe, nicht gut genug zu sein, oder Menschen weh zu tun, oder sie zu enttäuschen.

Aber hey, es wird besser. Fall 1 ist immer noch ein Zweifelsfall, 2 war sowieso eine verstörende, ungesunde Beziehung und hat sogar Kater Mayhem traumatisiert, und Fall 3 soll sich bitte einfach mal nicht so anstellen.

Ich hab zwar den zweiten Tag nichts gemacht, aber immerhin Erkenntnisse für's Leben gewonnen (oder so) :
- Zumindest manchmal kann ich Grenzen ziehen
- und mich nicht für jeden Scheiß verantwortlich fühlen
- ich bin nicht nur übergewichtig, sondern auch ziemlich unsportlich geworden
- und weiß jetzt wieder, warum ich mal meinte, ich könne langsam ein Buch über meine seltsamen bis gruseligen Flirt-/Date-/Sex-/Beziehungsbegegnungen schreiben
- und die Mitbewohnerin sich bereit erklärte, das Ding zu produzieren, sobald eine Miniserie daraus gemacht wird (andere Empfehlung der Damen war, ich soll doch einfach endgültig ans andere Ufer).

Als Erzählerstimme im Hintergrund möchte ich bitte den Typen, der "die lustige Welt der Tiere" (Animals are beautiful people, 1970er oder so) synchronisiert hat.
Oder einen Klaus Kinski- Imitator.

Rant Ende, einen schönen Abend wünsche ich; möge Ihnen das Glück hold sein und Sie vor spätpubertären Frontschreiern verschonen!