Montag, 25. Juni 2012
Es ist vorbei.
Das Problem ist vorbei, zumindest in seiner jetzigen Form.



Heute waren sie fertig, ganz offiziell, mit Nachprüfungen und wohl auch mit den Nerven, und sie haben das als Anlass genommen, ganze Klassenzimmer mit Zeitungspapier zu fluten, Tische im Schulhaus zu verteilen, die Treppen zu verbarrikadieren und schließlich, zum Großteil völlig betrunken, auf dem Anhänger eines Traktors auf dem Pausenhof vorzufahren und sich zu feiern.
Das Szenario glich dem vom Abiturientenfasching, rennende Fünftklässler, ganz cool genervt guckende Neuntklässler, ich eher semi-motiviert.

Und da haben sie geschrien und gesungen und getanzt und mit Sachen geworfen, obwohl es ausdrücklich hieß, kein Abistreich mehr an unserer Schule, und vermutlich war das die erste und einzige glorreiche Tat, die einige aus diesem Jahrgang vollbracht haben; nicht, weil so ein Abistreich lustig wäre, bei uns ist es sowieso immer das Gleiche, lediglich das Niveau sinkt immer weiter, während der Alkoholpegel steigt, sondern weil Rebellion ja bekanntlich im Kleinen anfängt, auch, wenn es nur um,beziehungsweise gegen die Schulleitung geht.

Fürs Süßigkeitenwerfen und Colaverteilen hatte dieses Jahr wohl das Geld nicht gereicht, so fiel auch die obligatorische Schlägerei um das Zeug und die Gebäckstangen, die verteilt wurden, eher gering aus, allgemein war nicht so viel Action, bis ich zum Sekretariat gerufen wurde. Einsatz.
Im Nebenzimmer ein zitterndes Häufchen Elend, dabei Murphy, der ihn bereits in Schocklage gebracht hat und treu und tapfer seine Beine hochhält. Da sieht man, welcher Jahrgangsstufe noch ein richtiger Erste-Hilfe-Kurs aufgebrummt worden ist.
"Was los?" Nach einem Hochgeschwindigkeitssprint vom anderen Ende des Geländes hierher gibt es auch Sanis, die garnicht mehr sprechen können vor lauter Atemlosigkeit, da bin ich noch ganz gut dabei.
-"Mirs schlecht". Außerdem zitterst du ohne Ende und siehst aus, als würdest du mir gleich umkippen. Bitte tu das nicht, ja?
"Kennst du die Nixe?", frage ich einen zweiten Mitdabeisteher. Das Funkgerät würde sie jetzt sowieso nicht hören.
-"Ich kenn die. Soll ich sie holen?" Murphy überreicht dem Mitdabeisteher die Beine des Elends und rennt los, Nixesuchen.
Sie kommt dann auch und hinter ihr her der Schulleiter, der mich fragt,ob ich etwa ernsthaft erwäge, den Rettungsdienst zu rufen.
Als er zehn Minuten später nochmal vorbeischaut und man draußen vertrautes Sirenenheulen hört, sehe ich die Frage als beantwortet an.

Ein paar pseudowichtige Worte des Kommentators, der, obwohl nicht im Dienst, natürlich hatte schauen müssen,was da passiert (allerdings erst aufgetaucht war, als das Elend schon abtransportiert wurde), einen Ausraster der Mitsanitäterin und zwei schlechte Unterhaltungsspiele der Abiturienten später stehe ich mit der Nixe im Eingang der Pausenhalle, immernoch zitternd; vermutlich fast so schlimm wie das Elend selbst.
"Hast du gut gemacht, Nixe."
-"Ich hab doch nur gemacht,was du gesagt hast."
"Trotzdem. Oder deswegen."
Vermutlich habe ich die einzige fähige Schulsanitäterin in unserer neuen Gruppe ausfindig gemacht.

Und da stehen sie und versuchen, Action zu bieten, zu unterhalten, sich nebenher an Lehrern für jahrelange Quälerei zu rächen und auf uns, die Nächsten, zu schimpfen.
Sie versuchen es so gut, wie sie eben können, wo doch beinahe die Hälfte im Oberstufenzimmer sitzt, entweder aufgrund erreichter 2,8 Promille-Grenze oder wegen zu viel Coolness, und immerhin ist es nicht ganz so ein Trauerspiel wie an Fasching, ein paar Fünftklässler sind sogar fast so etwas wie begeistert.

Ein Trupp Alkoholleichen hat sich aufgerafft und schlurft Richtung Pausenhalle; der Erste, der ankommt, marschiert mitten in ein Spiel rein auf den verdutzten Deutschkursleiter zu, legt ihm einen Arm um die Schultern und schießt mit seiner Handykamera ein Erinnerungsfoto, bevor er aus einem Blumenkübel eine Flasche Sekt angelt und mit ihr nach draußen verschwindet.
"Das...war jetzt eher weniger geplant",lacht die Moderationsabiturientin unsicher und versucht, im Programm weiter zu machen.
Im Zweifelsfall einfach weitermachen, kennt man schließlich schon von Fasching..

Und auf einmal steht das Problem vor mir.
Aus dem Nichts aufgetaucht, eindeutig ohne Wahrung des Höflichkeitsabstands, steht vor mir und starrt mich an, nichtmal seelenlos-betrunken, sondern vermutlich nur betrunken, starrt mich in Grund und Boden und die Welt um mich herum bleibt stehen.
Damals hat er auch manchmal gestarrt, am Anfang, kurz, nachdem wir uns über den Weg gelaufen sind.
Damals..
Damals ist früher.
Damals hat es nicht bis in die Gegenwart geschafft.
Damals ist vorbei.

Die Welt um mich herum läuft weiter und er davon,letzter Tanz, in der zweiten Reihe und sogar ohne größere Patzer, sie tanzen Richtung Ausgang.
Nein wir bleiben nicht stehen..
Da tanzt er sich Richtung Ausgang, das Problem.
Mehr als ein halbes Jahrzehnt unglückliche Liebe und alles, was dazugehört, tanzt da Richtung Ausgang, einfach so und sogar mit den richtigen Schritten, jeder zieht ihn ein Stück weiter aus meinem Herz, aber das Ding kann mal wieder nicht loslassen und die Gedanken rasen.
Da hinten geht der richtige Zeitpunkt
Da drüben fährt unsere letzte Chance
Da vorne fällt die größte Lüge
Dort oben sitzt er auf seiner Wolke und lacht


Eine letzte Drehung der Abiturienten,eine letzte Erinnerung in meinem Gehirn, sein Lächeln, damals, vor sechs Jahren, als es so aussah, als würde alles ganz anders werden und niemals so, wie es jetzt ist, dann fällt die Tür zu und ich bleibe stehen,in der wie leergefegt wirkenden Aula, in der Fünftklässler Luftballons nachjagen und nur ein paar zertretene Laugenstangen und eine zerplatzte Sektflasche daran erinnern, dass sie heute gefeiert haben,
dass es vorbei ist.




Donnerstag, 21. Juni 2012
Ich hoffe.
Vermutlich ist das ein Fehler.
Vielleicht ist es sogar der Fehler, der dafür sorgt, dass die ganze Lebenssache generell oft in Richtung "unschön" driftet, der es mindestens kompliziert und meistens schmerzhaft werden lässt.

Ich glaube.
Nicht wirklich an Gott, aber bisweilen an das Schicksal und außerdem daran, dass alles gut wird.
Vermutlich ist das einer der Gründe dafür, dass es wehtut.
Vielleicht täte es weniger weh, wenn ich es lassen würde.
Ich lasse es aber nicht, und zweifle vielleicht manchmal daran, dass ich ein kleines Glück, das mir begegnet, verdient habe, aber nie daran, dass alles gut wird.
Muss ja schließlich.

Ich fühle.
Fast alles im Voraus, häufig Verborgenes,gerne mit einer Wucht, die bisweilen Angst macht und prinzipiell wohl zu viel.
Und ich habe nicht vor, das zu bekämpfen.
Auch, wenn ich manchmal gerne würde.
Geht sowieso nur eingeschränkt, und macht auf Dauer unglücklich.
Also versuche ich, damit klarzukommen.

Klarkommen, das ist generell so eine Sache.
Ich komme nicht klar.
Auf Dauer erst Recht nicht, aber allgemein wird Klarheit sowieso überbewertet.
Ich bin Chaos, wie mein Zimmer, wenn die böse Klausurenphase ihren Höhepunkt erreicht hat und langsam ausklingt.
Ich bin Kontrast, Gegensätze prallen gegen- und tanzen miteinander, alles in mir, alles viel zu sehr und gleichzeitig viel zu wenig, und alles gleichzeitig.

Eigentlich zu viel, was sich in meinem Gehirn sammelt wie meine Notizen auf dem Schreibtisch, neben dem Bett, an der Pinnwand;
Eigentlich zu viel, was auf mich einstürzt wie meine gefährlich instabil gebauten Bücher- und Papiertürme.
Aber wissen Sie was?
Phasenweise fange ich an, damit klar zu kommen,auch, wenn ich eigentlich verloren bin in meiner für mich so unüberschaubaren, fremden Existenzwelt.

Gerade wieder alte Einträge gelesen, November 2010.
Fernab von epischen Vatersfreundinattacken, in einem durchaus annehmbaren Gewichtsbereich und hoffnungslos wie nie zuvor. Und dieses damals soll also "die gute alte Zeit" sein..

Es ist jedenfalls nicht viel übrig geblieben von ihr.
Immerhin, die Unsicherheit,natürlich (und) vor allem die Unsicherheit, aber auch manche anderen Eigenarten.
Und weil das gut so ist, rufe ich jetzt mal wieder bei Kriemhild an, genehmige mir danach den Rest der Schokolade, von der ich im Laufe des Tages viel zu viel gegessen habe, drehe die Musik so laut auf, wie das eben geht, wenn man nur über den PC welche hören kann, und feiere "Jahrgangsstufenbeste" mit 14 Punkten in der mündlichen Englischprüfung, eine ähnliche Leistung in der seltsamsten Musikabfrage des Semesters, somit einen leichten Notenschnittausgleich, den Untergang der Welt, ihre Wiedergeburt, das nahende Festival und das, das in den Sommerferien ansteht, den Fakt, dass ich mich getraut habe, den viel zu Normalen zu grüßen, die für 4 Euro erstandenen schönsten Ballerinas der Welt und vor allem mich selbst.





Montag, 18. Juni 2012
Thema: off topic
Gesehen bei Frau Huehnerschreck.
.

I am a male.
I am a female .
I am shorter than 5’4.
I think I’m ugly.
I have many scars.
I tan easily.
I wish my hair was a different color. (at least sometimes)
I have friends who have never seen my natural hair color.
I have a tattoo.
I want a tattoo.
I am self-conscious about my body.
I’ve been told I’m attractive by a complete stranger.
I have more than 2 piercings.
I have a piercing in a place other than my ears.
I have freckles. (but you're only able to see them if you're quite close to my face, and chances are high this won't happen too soon)
I’ve sworn at my parents.
I’ve ran away from home.
I’ve been kicked out of the house.
I have a sibling less than one year old.
I want to have kids someday.
I’m in school.
I’ve lost a child.
I have a job. (Does "living" and "I am the person that saves your ass when you're drunk on a Dorffest/had an accident during a car race/fell from a horse" count, too?)
I’ve fallen asleep at work/school.
I almost always do/did my homework.
I’ve missed a week or more of school.
I failed more than 1 class last year.
I’ve stolen something from my job.
I’ve slipped out an “lol” in a spoken conversation.
Disney movies still make me cry.
I’ve peed from laughing.
I’ve snorted while laughing.
I’ve cried from laughing so hard.(Actually I start to cry almost immediately when laughing for more than a few seconds..strange thing.)
I’ve glued my hand to something.
I’ve had my pants rip in public. (At least I played with full body strength..I miss my theatre group)
I was born with a disease/impairment.
I’ve broken a bone.(Not yet, but I'm still trying to get used to the whole "broken heart" thing..)
I’ve gotten stiches/staples.
I’ve had my tonsils removed.
I’ve sat in a doctor’s office/emergency room with a friend.
I’ve had my wisdom teeth removed.
I had a serious surgery.
I’ve had chicken pox.
I’ve had measles.
I’ve driven over 200 miles in one day (...by train)
I’ve been on a plane.
I’ve been to Canada.
I’ve been to Mexico.
I’ve been to Cuba.
I’ve been to Niagra Falls.
I’ve been to Japan.
I’ve been to Africa.
I’ve been to Hawaii.
I’ve gotten lost in my city.
I’ve seen a shooting star.
I’ve wished on a shooting star.
I’ve seen a meteor shower.
I’ve gone out in public in my pajamas.
I’ve pushed all the buttons on an elevator.
I’ve kicked a guy where it hurts.
I’ve been to a casino.
I’ve been skydiving.
I’ve gone skinny dipping.
I’ve played spin the bottle.
I’ve drank a whole gallon of milk in one hour.
I’ve crashed a car.
I’ve been skiing.(Damn, I'm not even able to swim..)
I’ve been in a play.
I’ve met someone in person from Facebook. From a similar platform.
I’ve caught a snowflake on my tongue.
I’ve seen the Northern lights.
I’ve sat on a roof top at night.
I’ve played chicken.
I’ve played a prank on someone.
I’ve ridden in a taxi.
I’ve seen Rocky Horror Picture Show.
I’ve eaten sushi.
I’ve been snowboarding.
I’m single.
I’m in a relationship.
I’m engaged.
I’m married.
I’ve gone on a blind date.
I’ve been the dumped more than the dumper.
I miss someone right now.
I have a fear of abandonment.
I’ve gotten divorced.
I’ve had feelings for someone who didn’t have them back.
I’ve told someone I loved them when I didn’t.
I’ve told someone I didn’t love them when I did.
I’ve kept something from a past relationship.
I’ve had a crush on a teacher.
I’ve been kissed in the rain.
I’ve hugged a stranger.
I have kissed a stranger.
I’ve done something I promised someone else I wouldn’t.
I’ve done something I promised myself I wouldn’t.(You can't control feelings, I guess.)
I’ve snuck out of my house.
I have lied to my parents about where I am.
I am keeping a secret from the world.
I’ve cheated while playing a game.
I’ve cheated on a test.
I’ve run a red light.
I’ve been suspended from school.
I’ve witnessed a crime.
I’ve been in a fist fight.
I’ve been arrested.
I’ve passed out from drinking.
I have passed out drunk at least once in the past 6 months.
I’ve smoked.
I’ve taken painkillers when I didn’t need them.
I’ve eaten mushrooms.
I’ve popped E.
I’ve inhaled Nitrous.
I’ve done hard drugs.
I have cough drops when I’m not sick.
I have 3 pills at a time no problem.
I have been diagnosed with depression.
I have been diagnosed with one or more anxiety disorder.
I’ve taken an anti-depressant.
I have been anorexic or bulimic.
I’ve slept an entire day without needing to go pee.
I’ve hurt myself on purpose.
I’ve woken up crying.
I’m afraid of dying.(Maybe of the painful and slow ways to die)
I hate funerals.
I’ve seen someone dying.
Someone close to me has committed suicide.
I’ve planned my own suicide.
I’ve attempted suicide.
I’ve written a eulogy for myself.
I own over 5 rap CDs.
I own an IPod or an MP3 player.
I have an unhealthy obsession with anime/manga.
I own something from Hot Topic.
I own something from Pac Sun.
I collect comic books.




Freitag, 15. Juni 2012
Als der Hipster zusammenbricht, bin ich gerade am Ende meines Bahnwärter Thiel angekommen.
Sie haben heute ihre Zeugnisse bekommen, die Abiturienten, und wie erwartet hat es bei ihm nicht gereicht, und als er da in einen der Sessel fällt, tut er mir trotz Allem leid. Er vergräbt das Gesicht in seinen Händen und sich in dem maroden Möbelstück, Sekunden und Minuten vergehen, ich weiß nichtmal, ob er noch atmet oder einfach aufgehört hat.
"Vier Punkte.."murmelt er, als sich ein Upper Class-Mädchen aus meinem Jahrgang neben ihm auf die Armlehne setzt. "Vier Punkte fehlen mir."
Eigentlich erstaunlich, dass er so viel geschafft hat. Der Hipster arbeitet nebenher in einer Bar, schon seit Jahren, und oft genug ist er direkt von der Arbeit zur Schule gefahren, der praktisch nicht vorhandenen Infrastruktur sei Dank regelmäßig mit größerer Verspätung.
Noch öfter tauchte er gleich garnicht auf, er ist bis jetzt die einzige Person, die an unserer Schule Attestpflicht aufgebrummt bekommen hat.
"Ach Hipster, das wird schon..", versucht das Mädchen, ihn zu trösten, bevor sie wieder zu den anderen geht.
Der Hipster rührt sich erst wieder, als das Problem den Raum betritt, in der einen Hand das Abizeugnis, in der anderen eine Flasche Asbach.
"Angepeiltes Ziel erreicht", verkündet er triumphierend, "Ein Punkt in Mathe". So könnte das bei mir dann auch aussehen...nur ohne Asbach.
"Gib mal her". Der Hipster entreißt ihm die Asbachflasche und leert sie fast bis zur Hälfte.
Immerhin, bei der letzten Nullpunkteklausur war es noch Wodka.
"Alter, sauf mir nich mein Asbach weg!"
"Halt die Klappe".

Da sitzen sie und lesen Abizeugnisse, starren ungläubig drauf oder im Fall des Hipsters mit leerem Blick an die Decke. Die Großen, die Abiturienten.
Ein Viertel ist jünger als ich.
Und da steht das Problem, mit Abizeugnis in der Hand, und tatsächlich wirkt er ein wenig erwachsener als damals.
Damals, als wir uns begegnet sind, zum ersten Mal.
Fünfte Klasse ich, sechste Klasse er.
Und jetzt, kommendes Abitur ich, vergangenes er.
Verkehrte Welt.

Als die Zwanghafte umfällt, bin ich zum Glück gerade hinter ihr und kann sie auffangen.
Sie hat fast kein Gewicht, die Zwanghafte, und weil sie nicht komplett das Bewusstsein verloren hat, schaffe ich es, sie in den Saniraum zu schaffen.
Kalt. So kalt, sie friert.
Ich packe sie in ihre Jacke, meine Jacke, Decke eins und Decke zwei, während wir draußen 24 Grad haben.
Jetzt warm genug?
Immernoch kalt.
Ich hole die dritte Decke und jetzt findet sie es auszuhalten. Wasser? Nein, kein Wasser. Oder habt ihr kaltes?
Du denkst, dass das kalte Wasser mehr Kalorien verbrennt, weil der Körper es erst auf Temperatur bringen muss, oder, Zwanghafte?
Sie sieht mich an, dieser "Woher weißt du das?"-Blick.
"Das kalte Wasser macht fast nichts aus, kannst du mir ruhig glauben", sage ich und mische in einem Becher kühlschrankkaltes mit raumwarmem Wasser. Sie soll mir nicht noch schlimmere Bauchschmerzen bekommen, als sie vermutlich sowieso schon hat.
Setze mich neben sie, helfe ihr, den Becher zu halten, und warte.
Ihre Wangen sind von Flaum überzogen, dunkler Flaum. Lanugohaare in ihrem Vogelgesicht.
Ihr Gesicht sieht wirklich aus wie ein Vogelschädel,mit weit herausragender Nase und spitzen Wangenknochen, und ihre Augen verschwinden fast unter den buschigen Augenbrauen, die eigentlich rotblond gefärbt sein sollten, aber inzwischen wie auch ihre Haare einfach gelb sind.
Gelb und stumpf, aber erstaunlicherweise fast ohne Haarausfall. Dafür brechen sie ab, büschelweise, sagt sie und sieht man. Nährstoffmangel, vermutet man, hat der ungesunden Kombination dunkle Ausgangsfarbe und heller Farbwunsch den Rest gegeben.
Ich fülle ihren Wasserbecher nochmal, frage, ob es in Ordnung für sie ist, wenn ich etwas Saft dazugebe. Traubenzucker würde sie sowieso verweigern.
Wieviel Saft? Nur einen Löffel,kein Grund zur Panik. Der macht nicht viel.
Na gut.
Ich zeige ihr den Löffel, den ich aus dem Lehrerbesteckkasten nehme, und den Saft, den ich mir aus dem Kühlschrank leihe.
Inzwischen kann sie ihren Becher alleine halten, es wird wieder.
Wir sitzen und warten.
Die Zwanghafte steht im Wettbewerb mit der Mitsanitäterin, der Kampf darum, wer die 1,0 schafft und wer nur 1,1 als Endnotendurchschnitt hat, nimmt bei beiden ähnlich groteske Ausmaße an.
Aber während sich die Mitsanitäterin durch Totalabstürze am Wochenende wieder ausgleichen will, versucht die Zwanghafte in dieser Zeit, herauszufinden, was sie tut, mit wem sie unterwegs ist, ob sie lernt. Sie will im Leben besser sein, in der Schule besser sein, immer besser sein.
Die Mitsanitätern will dasselbe, also kämpfen sie.
"Nimmst du einen halben Traubenzucker?"
-"Muss ich?"
"Nein, aber es würde die Wahrscheinlichkeit, dass du es vor einem weiteren Zusammenbruch wenigstens bis nach Hause schaffst und nicht unterwegs vom Fahrrad fällst, eventuell erhöhen."
-"Ok, dann nehme ich einen."
Also gut, Traubenzucker. Wir haben solche zweigeteilten, die man auseinander brechen kann.
Sie starrt die Hälfte an als säße sie vorm Endgegner, also nehme ich die andere Hälfte aus dem bunten Plastikpapierchen und sage ihr, wir nehmen den jetzt zusammen.
Die Zwanghafte nickt, schluckt ihre Hälfte und spült sofort nach, neutralisieren. Reinemachen.
Im Gegensatz zur Mitsanitäterin hat sie keinen Arschlochvater, sondern eine richtige Familie, nichtmal eine gespielt-perfekte, sondern so eine echte, in der man füreinander da ist. Wir sind über ein paar Ecken verwandt, Groß- oder Großgroßcousine mütterlicherseits.
Sie streicht sich ihre Haare hinters Ohr und schüttelt das Büschel, das sie dabei verliert, unwillig von der Hand.
Inzwischen hat neben dem Haarbruch wohl doch auch der Ausfall eingesetzt. Die Stirn im Vogelschädelgesicht runzelt sich.
"Nährstoffmangel, und nein, du kriegst das nicht wieder hin, wenn du ein paar Multivitamintabletten schluckst", beantworte ich die Frage in ihrem Kopf.
"hmn. Die sind sowieso kaputt, weil sie so arg aufgehellt worden sind.Oder?"
-"Vermutlich. Ist es in Ordnung, wenn ich deinen Blutdruck messe?"
"Hmn."
Sie sind beide sehr zwanghaft, aber sie kompensieren anders. Die Zwanghafte über Sport, Fußball, Leichtathletik, Schulsport, Volleyball, und lernen; die Mitsanitäterin über Lernen, Putzen und sich besinnungslos trinken. Einen Kontrollzwang haben beide, nur hat die Zwanghafte keinen Freund mehr, der darunter leiden könnte, und wird vom Rest eher belächelt als ernst genommen. Und Kindergrößenhosen begegnet man im Oberstufenzimmer öfter.
Ihre schlackert.
Wir sitzen und warten.
Darauf, dass ihr nicht mehr schwindlig ist, vielleicht auch auf bessere Zeiten.
Irgendwann lege ich meine Hand auf ihre knochige, einfach, um ihr zu zeigen, dass sie gerade nicht alleine ist, und auch, um zu schätzen, wie weit ihre Körpertemperatur unter dem Normalwert liegt. Wobei Hände ja meistens kälter sind als der Rest.
Ihre fühlt sich an wie aus dem Eisschrank.
"Ich geh dann mal", verkündet sie schließlich,will aufstehen,knickt um und fällt fast wieder hin.
Ich setze sie abermals auf ihren Platz, hinlegen würde sie vermutlich nicht wollen, und packe sie wieder in diverse Jacken und alle Decken, die ich habe, weil sie friert.
"Jetzt nehme ich dir deine Freistunde weg,oder, mayhem?"
-"Passt schon, weggenommen wird die mir höchstens durch die Berufsmesse und das Bundeswehrjubiläum." Steht ja beides an,how wonderful.
"Na gut".
Wir sitzen und warten.
Zwischendurch holen sich Lehrer ihren Kaffee, einige kommen mehrmals vorbei, um zu sehen, was los ist, und tuscheln vor der Tür über die Zwanghafte, die daraufhin den Kopf hängen lässt.
"Warte mal kurz, Zwanghafte."
Ich stehe auf und mische mich vorsichtig in die Lehrerunterhaltung ein. "Entschuldigen Sie bitte, aber es wäre sehr förderlich, wenn Sie ihre Gaffbegeisterung und Faszination ebenso wie die Diskussion darüber, wann meine Mitschülerin verhungert ist, wenigstens ins Lehrerzimmer verlegen könnten". Sie herz- und gefühllose, schaulustige Idioten.
Man schweigt sich betroffen an und geht.
Die Zwanghafte hat sich in der Zwischenzeit aus ihrem Kokon gewickelt und begonnen, die Decken zusammenzulegen.
"Lass das mal, ich mach das schon".
-"Na gut. Danke nochmal, mir gehts schon besser. Ich muss jetzt aber los,muss pünktlich beim Fußball sein".

Als ich alte Nachrichten lösche, ist da auf einmal eine an die alte Sache, von damals.
Hey alte Sache,
Ich würd gerne mit in die Absteige, muss aber mal schauen, wie das mit dem Fahren klappt. Ich meld mich nochmal.

Seine Antwortnachricht folgt, er freue sich sehr über meine Zusage, und das mit dem Fahren sei kein Problem, dann würde er mich eben abholen und später auch wieder heimfahren. Schön, dass man etwas zusammen unternimmt.
Das war vor einem Jahr und drei Monaten.
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