Samstag, 25. Januar 2014
Thema: gefunden.


Mal wieder bisschen Musik in die Runde werfen.




Donnerstag, 23. Januar 2014
Werte Leserschaft, herzlich Willkommen zu einem blogger-exklusiven Just Listen-Spezial, heute mit dem Thema: Alltagsbewältigung mit (gedehntem) Septum.
Denn gerade dieses Piercing zieht mehr Aufmerksamkeit auf sich, als es der komplette Rest meiner diversen Körperverzierungen tut, und scheint immer wieder für Staunen, Bewunderung, bisweilen allerdings auch für Verwirrung zu sorgen, die ich als fürsorglicher Mensch mit dieser exklusiv-Reportage gerne aus dem Weg räumen werde.
Deshalb zunächst eine Auswahl häufig gestellter Fragen. Diese stammen von Tankstellenkunden, können einem aber auch an jedem anderen Arbeitsplatz, und bisweilen sogar in der Freizeit begegnen.

1. Hat das weh getan?
2. Was passiert, wenn Sie das raus machen?
3. Können Sie das überhaupt raus machen?
4. Können Sie damit denn noch atmen?
5. ...und wenn Sie erkältet sind?

Sollte Ihnen an dieser Stelle auffallen, dass Sie zu den Menschen gehören, die bereits eine oder mehrere dieser Fragen gestellt haben, erheben Sie sich jetzt bitte und verpassen sich eine gepflegte Ohrfeige für jede einzelne, höchstens mit Ausnahme von Nr.1, die ist noch verzeihlich.

Ein häufig gehörter, und beinahe unangefochtener, Favorit der Septum-Fragen, der allerdings im Zusammenhang mit jedem x-beliebigen Piercing vorkommen kann, und vorwiegend kombiniert mit einem schlechten Anmachversuch und mehr oder weniger schmierig-notgeilem Unterton in der Stimme eines Mittvierzigers auftritt, ist " Hast du wo anders auch noch sowas, Baby?"
So geschehen auch in einem eher einseitig gelagerten Dialog des mutmaßlichen Winterdienstmenschen und mir, während ich eigentlich nur in Ruhe meine Backbleche spülen wollte.
Plane, beim nächsten vom ihm verlauteten "Baby" die bereits weiter oben empfohlene gut gezielte Ohrfeige in seinem Gesicht zu platzieren.
Mit einem Backblech.
Das gerade frisch aus dem Ofen kommt.
Vermute allerdings, den Chef, oder die dauerzickige Stellvertreterin, damit nicht ganz so sehr zu erfreuen, wie mein aggressionsgeladenes, auf Rache sinnendes Herz.

Vielleicht haben Sie sich in einer oder mehrerer dieser Situationen/Fragen wieder gefunden. Vielleicht überlegen Sie aber auch, sich ebenfalls einen 3mm-Metallring durch die Nasenscheidewand zu hauen und sind noch unsicher ob der potentiellen Reaktionen Ihrer Mitmenschen.
Falls dies zutrifft, konnten Sie durch diesen hochinteressanten Beitrag eines bestimmt ganz sicher feststellen: der mehr oder weniger auffällige Nasenschmuck bringt definitiv gesteigerte Aufmerksamkeit mit sich.
Sollten Sie damit nicht umgehen können, weil Sie sich beispielsweise aufgrund eines sowieso schon erhöhten Blutdrucks nicht zu sehr aufregen sollten, oder weil Ihr Geduldsfaden schon vor einer Weile gerissen ist/Sie nie einen hatten, ist von dieser Art der Körperdekoration eindeutig abzuraten.
Allen anderen empfiehlt die Just Listen - Redaktion das Anlegen einer auf die speziellen Gegebenheiten Ihrer Situation abgestimmten FAQ-Liste, auf die bei Bedarf verwiesen werden kann, oder alternativ ( gegebenenfalls allerdings auch zusätzlich) das trainieren gut platzierter Kinnhaken.




Montag, 13. Januar 2014
Beschlossen, doch wie geplant mit der mutmaßlichen Mitbewohnerin unsere kleine Grufti-Metal-Vegetarier-Bekloppten-WG (*Achtung, kann Spuren von Antidepressiva enthalten*) umzusetzen, sollte das soweit klappen.
Nicht, weil ich nicht zu Mr.Gaunt wollten würde, sondern aus reiner Vernunft.
Weil ich seine Unsicherheit gespürt habe; weil ich gewusst habe, dass er zurückrudern würde, früher oder später, und ich das ihm sowie mir ersparen wollte.
Im Gespräch nennt er "Wer weiß, ob es so richtig auf Dauer hält" als Hauptverunsicherungsargument, da das Finanzielle nicht so ein großes Thema gewesen wäre, die Tankstelle ist schließlich auch in der Kleinstadt.
Ich sage ihm, dass ich ihm nicht garantieren kann, dass es für immer hält. Und dass das keiner kann.
Ob ich enttäuscht bin, will er wissen.
Eigentlich schon. Aber ich habe beschlossen, zumindest zu versuchen, ihm und dem Schicksal ansatzweise zu vertrauen, und ihm den Platz und die Zeit einzuräumen, den und die er braucht.


Beschlossen, dass das (ehemalige) Problem Geschichte ist.
Wiedergesehen, seltsamerweise im Gruftkeller. Ich gerade auf der Flucht an die Bar, weil der mehr als betrunkene Geologe lang und breit mit Mr.Gaunt über dessen sämtliche Exfreundinnen und Ehemals-Affären diskutiert (dabei, wie sollte es auch anders sein,mit Schwerpunkt Löwin) und mir das zu unsicherheitsstiftend ist.
Nichtmal eine handbreit von mir entfernt, sein schmaler Rücken vor mir, dann dreht er sich um, um nach jemandem Ausschau zu halten. Und sieht mich.
Ein Blick in meine Augen.
Ich hätte mit ihm reden können. Ein klärendes Gespräch führen, oder sagen, wie scheiße mies er zu mir war.
Ich habe es gelassen.
Einfach mein Glas abgegeben, einen neuen Cuba Libre geholt, und fertig.


Dann der sehr an mir interessierte Sänger, den ich das letzte mal mit Kunstblut verschmiert und Kontaktlinsen in den Augen auf einer Bühne gesehen habe, mit ein paar Gemeinsamkeiten und irgendwas an sich, das bei mir im Normalfall den Schalter von "logisch denkend" auf "triebgesteuert" umlegt.
Ein Blick in meine Augen, eine Hand um meine Hüfte und eine Frage in mein Ohr geflüstert.
Mr.Gaunt erst in ein paar Stunden wieder da, weil er unbedingt mit seinem Bruder in irgendeine komische Disko "musste".
Ich habe es gelassen.
Nicht, weil ich nicht gewollt hätte.
Einfach, weil es das nicht wert gewesen wäre.
Nach wie vor Gewissheit, zur Abwechslung.
Ist ja auch mal ganz nett.


"Eigentlich bist das nicht du."
Mr.Gaunts Atem an meinem Nacken, sein Arm um mich gelegt und sowas wie Geborgenheitsgefühl.
-"Meinst du?"
Nachdem der Gruftkeller mich und die anderen beiden rausgekehrt hatte, waren wir zurück zur Wohnung des Bankkaufmannes gelaufen und hatten unterwegs ihn und Mr.Gaunt eingesammelt, der überraschenderweise sogar noch geradeaus laufen konnte.
"Weiß ich."
Während im Nebenzimmer langsam Ruhe einkehrte, habe ich mich entschuldigt, mal wieder. Dafür, dass er so viel Rücksicht auf mich nehmen muss.
Erklärt, dass ich immer wieder das Gefühl habe, ihm so ein bisschen den Abend zu versauen.
Und dass Versuche, mich zum "locker machen" zu zwingen, alles nur noch viel schlimmer machen.
"Du bist nicht so scheiße, wie du das immer denkst. Überleg mal, wie viele Leute du jetzt schon von dir überzeugt hast. Fast meinen ganzen Freundeskreis; also halt die, die ich regelmäßig sehe. Die sagen alle, dass du total sympathisch bist, und es fällt sogar öfters mal das Wort "humorvoll". Und die haben da auch recht. Du bist eigentlich eine lockere und auch humorvolle und sympathische Frau, mit der man, zumindest manchmal, auch mal Blödsinn machen kann. Und eben nicht verkrampft, komisch und kacke, so wie du immer denkst."
-"Manchmal klappt es eben besser, und manchmal schlechter. Ich hab dann nur immer das Gefühl, dir mit sowas den Abend zu ruinieren, und das verunsichert mich dann noch mehr."
"Ach du. Du machst dir viel zu viele Gedanken."
-"Weiß ich ja. Aber wenigstens hab ichs mal fertig gebracht, einen Teil davon in Worte zu fassen."
"Stimmt, das wird auch langsam besser. Find ich gut, bin schließlich kein Hellseher."
-"Auch, wenn ich weiß, dass das eigentlich Blödsinn ist: Ich kann über Probleme, die ich habe, teilweise sehr schlecht reden. Sowas ist Schwäche zeigen, und das ist meistens nicht gut für mich ausgegangen. Und ich weiß zwar, dass ich dir vertrauen kann, aber dieser Reflex ist eben trotzdem da."
-"Du hast bei mir nichts zu befürchten. Ich nutze Schwächen nicht aus, oder mach mich über sie lustig, oder dreh dir den Rücken zu."
-"Oh man, ich werd gleich sentimental."
"Deswegen, oder weil der Abend dir zu viel war, oder weil du wieder Gedankenkarussell fährst?"
Ohne eine Antwort abzuwarten, zieht mich Mr.Gaunt näher zu sich heran, klemmt sich meinen Kopf unters Kinn und streicht mir durchs Haar.
"Ach weißt du, Kleine, mich verschreckt nichts.
Ich bin wie Cholera: Wenn man mich hat, dann hat man mich."

Alles wird gut.




Dienstag, 7. Januar 2014
Felsenfest davon überzeugt, Chaos und Verderben über mich und die Kleinstadt zu bringen, sobald ich alleine Schicht habe (also ab nächster Woche), reagiere ich logischerweise innerlich alles andere als gelassen, als die Chef-Stellvertreterin ihren Ehefrust/Hormonstau/die gesammelten Aggressionen, die sie sonst an ihren Kindern, die sie meistens für ein paar Stunden dabei hat, ausgelassen hat, heute auf mich entlädt.

Neun Minuten Verspätung beim Melden des Benzinpreises der Konkurrenz. Weltuntergang, Verwüstung, die Tanke wird bestimmt pleite gehen, weil ich nicht rechtzeitig bei der Hotline angerufen und unsere Preise entsprechend angepasst habe..
Am Vortag 10 Euro Kassendifferenz, die mich gefühlt über Nacht ergrauen lassen, sich aber gnädigerweise erledigen, als ich heute ein Plus von 13 Euro bei der Abrechnung habe. Es ist bekannt, dass das System immer mal spinnt; trotzdem werde ich seitdem genauestens überwacht und bei der Gelegenheit noch leidenschaftlich zur Schnecke gemacht, wenn ich der einzigen offiziell obdachlosen Trauergestalt , die sich von Pfandflaschenerspartem ein Fläschchen Hochprozentiges holt, oder den Kettenrauchern, die entnervt ihre Stange Marlboro wollen und mehr nicht, keine Autowäsche andrehe, wir haben da doch schließlich eine Sonderaktion und es ist Pflicht, jeden Kunden darauf hinzuweisen.
Und auf die Kaffeeaktion.
Sollten Sie sich also am Ende der Welt befinden, in der nächsten Zeit nur schnell eine Schachtel Zigaretten, oder das Feierabendbier holen wollen, und bei dem Versuch, zu bezahlen, erstmal minutenlang mit Autowäsche-Sonderangeboten und dem Hinweis darauf, wie toll doch unsere Kaffeespezialitäten sind, belästigt werden, lassen Sie Gnade walten.
Ich bin normalerweise gar nicht so nervig, und erst recht nicht so gesprächig gegenüber Fremden, aber das muss halt jetzt so.

Man kann darüber streiten, wie attraktiv ich in einer zu kurzen Bluse in einem Farbton, der Augäpfel zum Platzen, Typberater zum Selbstmord und zarter besaitete Angestellte zum Weinen bringt, wirke, aber immerhin darf ich sie offen lassen, solange ich ein schwarzes Shirt drunter trage (Ich weiß, das kommt überraschend, aber ja, ich besitze tatsächlich schwarze Kleidung).
Und in Kombination mit einem Paar an mir festgeklammerter Handschuhe, meinem Namensschild, so ich denn endlich eines bekomme, sowie zwischendurch einer orangenen Warnweste (wenn ich draußen bin), oder einer Einweghaube (wenn ich mit Backwaren hantiere) fällt die auch gar nicht mehr so arg auf.
Und eines steht definitiv fest: Dienst- oder Arbeitskleidung gibt Sicherheit.
So schaffe ich es irgendwie, meine neun Stunden (meistens im wahrsten Sinne des Wortes) durchzustehen, dabei zumindest ein paar Autowäschen und Kaffees zu verkaufen, mir zumindest äußerlich nichts von meiner Angst anmerken zu lassen, und nebenher sowas wie ein Freundschaftskonstrukt mit der Tabakfee aufzubauen.

Die Tabakfee ist eine der unzähligen Verwandten Mr.Gaunts und eine der Personen, die meinen Humor nicht nur verstehen, sondern absolut zum Schießen finden.
Außerdem ist sie fast so zugetackert wie ich, hat einen leichten Haartick, der durch regelmäßigen Kontakt zu mir eher/hoffentlich schlimmer als besser wird, und verzichtet darauf, mich komisch anzuschauen, als ich am Ende unserer Schicht übrig gebliebenes Gebäck (wird sonst weggeworfen) und ein paar abgelaufene Sachen (wandern sonst ebenfalls in den Müll) mitnehme.
"Weißt du was? Ich finds voll gut, dass du die neue Freundin von meinem Cousin bist. Von der vor dir hat er sich bloß rumschubsen lassen, und die anderen Tussis waren auch irgendwie scheiße, die haben ja alle fremdgevögelt. Aber bei dir hab ich ein richtiges gutes Gefühl."
-"Äh, danke."
"Ehrlich, wir hatten jetzt zweimal Schicht zusammen, und ich fand dich gleich voll sympathisch. Deshalb fand ich das auch so cool, als du vorhin gesagt hast, dass du mit ihm zusammen bist. Kommst du dann am Sonntag auch?"
-"Was ist denn am Sonntag?"
"Da feiert doch meine Mutter ihren fünfzigsten."
-"Bis jetzt wusste ich noch nicht mal, dass überhaupt irgendwas ist."
"Was, hat Mr.Gaunt dich da noch nicht gefragt?"
-"Nee, der sagt einem doch immer erst frühestens ne halbe Stunde vorher Bescheid. Wahrscheinlich hat ers selbst verpeilt, oder will nicht hin."
"Mir egal, wenn der dich nicht mitbringt, bring ich dich mit!"
Auch mal ne Ansage.

Unter der furchtbaren Angst davor, alles mögliche falsch zu machen (nein, Tanke ist nicht nur "kassieren und Kaffee kochen") und an ganz realen Problemen wie rumspinnender Technik, Abschließmechanismen aus der Hölle, sowie den aufgestauten Aggressionen meiner Co-Chefin zu scheitern, habe ich irgendwo ein gutes Gefühl bei der Sache.
Habe Arbeit, habe zumindest eine Kollegin, mit der ich mich eventuell sogar anfreunden kann.
Auch, wenn ich sie auf der Arbeit so gut wie nie sehen werde, weil meine Einlernzeit in dieser Woche endet und ich danach alleine bin.
Ich versuche, die Angst/Panik nieder zu ringen, indem ich mir immer wieder vorbete, dass das mit einer der besten Jobs ist, der mir passieren konnte. Acht Euro zehn die Stunde, nach neun Monaten sogar neun Euro dreißig, Freischein, was Piercings, Tattoos und bunte Haare angeht, und je nach Schicht Gebäck oder andere Sachen, die ich mir sonst nie leisten könnte (Ich habe heute zum ersten Mal in meinem Leben Häagen Dazs probiert. Und letzte Woche nach der Spätschicht einen Donut, der sonst 1,20 (!) gekostet hätte! Luxus), gratis.
Fehlt nur noch sowas wie Selbstsicherheit, um nicht, wie jetzt, zwanghaft nur an das, was schief gegangen ist, zu denken, und vielleicht etwas weniger davon überzeugt zu sein, dass mit meiner Spätschicht am kommenden Montag die Welt untergeht.