Thema: von herzen
Heute war der Tag, an dem du aufgehört hast, weh zu tun.
Heute war der Tag, an dem kein Positivgefühl mehr da war, als ich dich angeschaut habe.
Heute war der Tag, an dem du mir egal warst.
Ich wankte neben der zweiten Zweckgemeinschaft alias Blondine Nr.1 die Treppe hinunter, Richtung Pausenhalle, krampfgeschüttelt, mit Fieber im Kopf und Schmerzen in Bauch und Waden, die Fünftklässler rannten an uns vorbei, um ja nicht zu spät zu kommen, und dann seid ihr los.
Gerade waren die Blondine und ich in der Pausenhalle angekommen, als ihr, verkleidet mit dem Motto "Barbie&Ken", in die Aula gestürmt seid, Bonbons werfend, schreiend, wahlweise auf Lehrer oder auf meine Jahrgangsstufe schimpfend, mit Britney Spears als Hintergrundmusik.
Fasching. Abiturientenfasching. Wie jedes Jahr, die Horde tanzt in der Pause und überfällt dann die einzelnen Klassenzimmer. Wie jedes Jahr.
Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal deine Jahrgangsstufe war.
Und nicht auf irgendeine Q11 geschimpft wurde, sondern auf uns.
Dass ich nicht mehr eine derer war, die begeistert das Spektakel beobachteten, sondern mit Routine langsam zum Ort des Geschehens kam, den Teil, der immer gleich sein musste,schon auswendig konnte, und die Abiturienten, die da tanzten, nicht irgendwer für mich waren, sondern Freunde, Bekannte oder auch du.
Beinahe jeden einzelnen kannte ich mit Namen, und bei beinahe jedem einzelnen wollte es mir nicht in den Kopf, wie diese Leute, die da waren, wie ihr die Großen, die Erwachsenen sein solltet.
Manche haben nicht mitgemacht, der Hipster zum Beispiel, manche wollten sich nicht verkleiden, die hatten ihre normale Kleidung an und ein Blockblatt mit "Ken"-Beschriftung auf den Rücken geklebt.
Einige Jungs hatten sich auch todesmutig in Frauenkleidung geworfen, einer trug sogar eine lange, rote Perücke und konnte problemlos in mindestens zehn Zentimeter Absätzen hüpfen und tanzen, faszinierend.
Du hattest dich nicht verkleidet.
Warst da in deinen Sportshorts und schwarzer Kapuzenjacke, so wie immer, mit deinem Cap auf dem Kopf und Sonnenbrille im Gesicht, wie immer, wenn du betrunken bist und cool sein willst.
Tatsächlich warst zu betrunken, ich fragte mich, wie du das so schnell geschafft hattest in der halben Stunde, während der ich dich nicht gesehen hatte.
Tatsache war aber,dass du völlig dicht warst, während die anderen beim Tanzen gerade Bodenelemente durchturnten, standest du orientierungslos und dumm grinsend am Fleck, du hast dich immer in die falschen Richtungen gedreht, wenn überhaupt, und mehr als einmal wären andere Abiturienten fast über dich drübergestolpert, weil du dich nur ansatzweise und unkoordiniert bewegt hast.
Ich kenne dich,du wolltest dir bestimmt Mut antrinken, damit du dich traust, vor der ganzen Schule zu tanzen, und das immerhin in einem pinken Top, das du dir von deiner Freundin geliehen hast, erwartungsgemäß hat die für dich zu große Menge Alkohol aber nur dazu geführt, dass du dich wieder einmal zur coolsten Sau der Welt erklärt und nichts auf die Reihe gekriegt hast.
Ich habe das so beobachtet, wie du so in deinem Suff cool sein wolltest, wie du zum Musikmenschen gelaufen bist und mit großer "Ey altha!"-Armaustreckgeste gesagt hast, er soll gefälligst lauter machen,als er euer zweites Lied, eins von den Atzen, auf voller Lautstärke laufen ließ, und wie du ihn angemault hast, als er dir sagte, lauter geht nicht.
Habe gesehen, wie der Hiphopfan krampfhaft versuchte, dich irgendwie zumindest in der Reihe zu halten, zusammen mit einem anderen, der in einem dieser Ganzkörperplüschtieranzüge steckte (Wie war das, Motto:Barbie&Ken?).
Wie du die ganze Zeit gegrinst hast, dieses im doppelten Sinne breite Grinsen, dieses bescheuerte Grinsen, in das ich mich seinerzeit verliebt hatte.
Habe dich auch beobachtet, als du Bonbons und Konfetti ins Publikum werfen solltest;selbst das hast du nicht mehr hingekriegt und in einer Kurzschlussreaktion den Inhalt des Konfettibeutels komplett über dem Hiphopfan ausgeleert, der noch Stunden später damit beschäftigt war, sich das Zeug aus seinem Barbieausschnitt zu holen.
Habe dich beobachtet, wie du bei der ersten Polonaise-Runde noch versucht hast, mitzumachen, dann aber aufgegeben und dich neben dem Hipster unter einer der Boxen niedergelassen hast, dein Gesicht versteckt hinter der großen Sonnenbrille, immernoch grinsend, immernoch mit dem Gefühl, der coolste auf der Welt zu sein.
Ein Trauerspiel.
Ja, ein Trauerspiel; du hast richtig gehört.
Es war nicht mehr als ein Trauerspiel, und ich hätte dir nicht geholfen.
der Hiphopfan hat dich irgendwann ins Oberstufenzimmer geschafft, auf ein Sofa gelegt und zugedeckt, du fandest dich immernoch cool, als der Hiphopfan den Kommentator fragte, ob er als Schulsanitäter bitte in seiner Freistunde auf dich aufpassen könnte.
Ich hätte dir nicht geholfen.
Du hättest nonstop kotzen können, meinetwegen in deiner Kotze liegen können, und ich hätte dir nicht geholfen.
Ich wäre hingegangen, hätte dir die Sonnenbrille abgesetzt, in deine,wie immer,wenn du betrunken bist,wässrigen und in die Ferne starrenden Augen gesehen und vor deinem Gesicht auf den Boden gespuckt,um dir zu zeigen, was ich von dir halte.
Ich halte nicht mehr von dir, für mich bist du nicht mehr als das; nicht heute.
Das ist kein Hass.
Ich bringe jeder Lebensform Respekt entgegen, aber heute, da hast du mir bewiesen,dass du es nicht mehr wert bist.
Dass du nicht mehr wert bist, als dir vor die Füße zu spucken und dich in deinem Erbrochenen liegen zu lassen; wobei ja nichtmal das geht, hast dich schon mehr als einmal im betrunkenen Zustand beim Kommentator beschwert, dass du Kotzen willst, damit es dir besser geht, aber es nicht klappt.
Heute hast du mir bewiesen,dass du immernoch der Alte bist, was deine negativen Eigenschaften betrifft.
Und du magst toll sein, du magst wunderbar sein und dieses Grinsen haben,das sonst keiner hat;
Meinen Respekt hast du nicht mehr.
Vielleicht warst du nicht der Einzige, der getrunken hatte, mit Sicherheit nicht; aber mal wieder warst du der Einzige, der es total übertrieben hat, weil du aus Prinzip sehr viel in sehr kurzer Zeit in dich reinschüttest, aber das eben nicht veträgst.
Aufgrund der Tatsache,dass du das ja immer so machst und trotzem hackedicht bist, dürftest du inzwischen eine Alkoholtoleranz haben, von der manche Kampftrinker nur träumen, aber trotzdem schaffst du es jedes Mal wieder, so voll zu sein,dass du jemandem effektiv die Veranstaltung versaust.
Sonst war ich es, die dich leidend beobachtet hat, aufgepasst hat,im Stillen, die sofort da gewesen wäre, wenn du hingefallen wärst und dir den Kopf aufgeschlagen hättest, wenn du umgekippt wärst, wieder eine Alkoholvergiftung gehabt hättest, sogar, wenn du sentimental geworden wärst und eine Schulter gebraucht hättest.
Ich wäre gerne die Schulter gewesen;
Ich wäre gerne mehr als die Schulter gewesen, die ganze Zeit.
Ich wäre gerne jemand gewesen für dich.
Heute war es der Hiphopfan, der sich Sorgen um dich gemacht hat, und das, obwohl er selbst einiges intus hatte, wie ich später erfuhr und wie man auch roch,wenn man an ihm vorbeilief;
heute war nicht ich diejenige, die auf dich aufgepasst hat, im Stillen, ohne, dass du es merkst,
und ich werde es nie mehr sein.
Solltest du eines Tages, zum Beispiel am Rosenmontag, wenn ich wieder Dienst habe, auf meiner Trage liegen und ein Notfall sein, werde ich dir helfen, aber nicht,weil ich es will,sondern weil es meine Pflicht ist;
weil es meine Pflicht ist, jedem zu helfen, der Hilfe braucht, denn ich bin beim Roten Kreuz und das mit Herz und Seele, werde ich dir helfen, wie ich jedem anderen auch helfe, und falls du an die Rettungssanitäter übergeben werden musst, wovon ich ausgehe, werde ich dir nachsehen, wie ich jedem nachsehe, den wir weitergegeben haben.
Danach werde ich meinem Kollegen helfen, den Wagen wieder zu säubern, und wenn er fragt,ob alles in Ordnung ist, werde ich Ja sagen.
Vielleicht werde ich auch nein sagen, weil du immer etwas besonderes für mich bleiben wirst;
Aber ich werds überstehen, denn du bist nicht mehr auf die eine Art und Weise besonders.
Du hast mein Herz nicht mehr, ich nehme es hiermit offiziell wieder an mich; du hast es nicht mehr verdient, genauso wenig, wie du meinen Respekt verdient hast; nichts von mir hast du verdient, so viel von mir hast du kaputt gemacht.
Wirst immer den so oft in Kitschromanen und Liebesfilmen zitierten Platz in meinem Herz haben,einfach, weil du immer besonders bleiben wirst, für mich.
Besonders bleiben wirst,weil du mal die Welt für mich warst, und noch viel mehr;
aber ich habe mich dafür entschieden, dir diesen Platz abzunehmen, schrittweise, und ihn wieder frei zu machen, so, wie ich mich entschieden habe, mir mein Herz zurückzuholen.
Ich räume dir deinen Platz darin ein, nach all den Jahren, aber du wirst ihn nicht überschreiten.
Nie wieder wirst du mein ganzes Herz haben, und nie wieder wirst du meine ganze Welt sein, hörst du?
Warum?
Weil ich es nicht will.
Ich will es nicht mehr und wollte es schon so lange nicht mehr, kann es nicht mehr und möchte es nicht mehr.
Ich möchte nicht mehr,dass du mein Herz hast.
Eigentlich wollte ich keinen Eintrag mehr schreiben, nur über dich, so oft habe ich all das schon geschrieben;
eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben unter diesem Titel, aber dann kam mir wieder dein Bild in den Kopf, wie du den Musikmenschen angemault hast und durch die Gegend geschwankt bist, und wie du dich wieder hinter deiner Sonnenbrille und unter deinem Cap versteckt hast.
Dein Selbstbewusstsein ist geschrumpft, und du musst deine Unsicherheiten immernoch so verstecken.
Wenn du das möchtest,kann ich dich nicht davon abhalten; überhaupt kann ich dich von nichts abhalten, weder vom coolfühlen, noch vom Freundin haben, noch vom Trinken, und ich habe auch nicht länger vor, dir irgendwie helfen zu wollen.
Ich möchte, dass du weißt, dass du diesen einen Platz in meinem Herzen immer haben wirst, aber auch,dass ich dir nicht mehr einräumen werde;
dass du weißt, dass ich dir nicht helfen werde, außer,wenn ich muss;
dass du weißt, dass ich nicht mehr länger versuchen werde, irgendjemand für dich zu sein;
dass du weißt, dass ich nie wieder in meiner optischen Gestaltung auf das Rücksicht nehmen werde, was du schön findest;
dass ich nie wieder irgendwo hin gehe, wo ich dich vermute.
Dass ich versuchen werde, endlich zu begreifen,dass du eine Freundin hast;
zu begreifen, dass es endet, die Zeit, die du hier bist,und zwar jetzt;
zu begreifen, dass du nicht das bist,was ich mir vorstelle,denn ich neige zum Idealisieren;
zu begreifen, dass du anders besser aufgehoben bist;
und dass ich nicht in dein Leben gehöre, auch,wenn du vielleicht in meins gehören solltest.
Vielleicht wirst du da auch bleiben, ein Stück weit, in schwachen Momenten präsenter als in starken;
Ich habe viel mehr schwache als starke Momente und besonders die Prozesse des Begreifens werden eine Weile dauern, sollte ich sie überhaupt auf die Reihe bekommen;
Aber ich lasse es jetzt so sein,wie es ist.
Ich lasse es jetzt so sein, wie es ist, mit all dem Schmerz und dem Weinen und den anderen Dingen, und in meinem Kopf ist das Bild von dir in deinen Sportklamotten, mit deiner Sonnenbrille und dem Cap, und ich weiß nicht,ob es da jetzt bleibt oder morgen von dem, was ich gerne als deine Normalform wüsste, wieder verdrängt wird;
vielleicht ist dann morgen wieder ein schwacher Moment.
Aber ich werde meine Energie nicht mehr darauf verwenden, dir helfen zu wollen, dir gefallen zu wollen oder mir meinen Platz in deinem Leben zu erkämpfen. Happy End- Wunsch hin oder her.
Ab heute.
Denn heute war der Tag, an dem du meinen Respekt verloren hast, an dem ich vor lauter Krämpfen und Fieber und Schüttelfrost meinen Vater anrief, um mich abzuholen,
an dem ich somit die ersten Fehlstunden meines Oberstufendarseins sammelte,
an dem ich das erste Schulsanitätertreffen seit Beginn meines Schaffens ausfallen ließ,
an dem ich unfreundlich zu meinem Großvater war,
und an dem ich eine Zwölfpunkte-Matheabfrage hinlegte.
Heute war der Tag, an dem kein Positivgefühl mehr da war, als ich dich angeschaut habe.
Heute war der Tag, an dem du mir egal warst.
Ich wankte neben der zweiten Zweckgemeinschaft alias Blondine Nr.1 die Treppe hinunter, Richtung Pausenhalle, krampfgeschüttelt, mit Fieber im Kopf und Schmerzen in Bauch und Waden, die Fünftklässler rannten an uns vorbei, um ja nicht zu spät zu kommen, und dann seid ihr los.
Gerade waren die Blondine und ich in der Pausenhalle angekommen, als ihr, verkleidet mit dem Motto "Barbie&Ken", in die Aula gestürmt seid, Bonbons werfend, schreiend, wahlweise auf Lehrer oder auf meine Jahrgangsstufe schimpfend, mit Britney Spears als Hintergrundmusik.
Fasching. Abiturientenfasching. Wie jedes Jahr, die Horde tanzt in der Pause und überfällt dann die einzelnen Klassenzimmer. Wie jedes Jahr.
Nur mit dem Unterschied, dass es diesmal deine Jahrgangsstufe war.
Und nicht auf irgendeine Q11 geschimpft wurde, sondern auf uns.
Dass ich nicht mehr eine derer war, die begeistert das Spektakel beobachteten, sondern mit Routine langsam zum Ort des Geschehens kam, den Teil, der immer gleich sein musste,schon auswendig konnte, und die Abiturienten, die da tanzten, nicht irgendwer für mich waren, sondern Freunde, Bekannte oder auch du.
Beinahe jeden einzelnen kannte ich mit Namen, und bei beinahe jedem einzelnen wollte es mir nicht in den Kopf, wie diese Leute, die da waren, wie ihr die Großen, die Erwachsenen sein solltet.
Manche haben nicht mitgemacht, der Hipster zum Beispiel, manche wollten sich nicht verkleiden, die hatten ihre normale Kleidung an und ein Blockblatt mit "Ken"-Beschriftung auf den Rücken geklebt.
Einige Jungs hatten sich auch todesmutig in Frauenkleidung geworfen, einer trug sogar eine lange, rote Perücke und konnte problemlos in mindestens zehn Zentimeter Absätzen hüpfen und tanzen, faszinierend.
Du hattest dich nicht verkleidet.
Warst da in deinen Sportshorts und schwarzer Kapuzenjacke, so wie immer, mit deinem Cap auf dem Kopf und Sonnenbrille im Gesicht, wie immer, wenn du betrunken bist und cool sein willst.
Tatsächlich warst zu betrunken, ich fragte mich, wie du das so schnell geschafft hattest in der halben Stunde, während der ich dich nicht gesehen hatte.
Tatsache war aber,dass du völlig dicht warst, während die anderen beim Tanzen gerade Bodenelemente durchturnten, standest du orientierungslos und dumm grinsend am Fleck, du hast dich immer in die falschen Richtungen gedreht, wenn überhaupt, und mehr als einmal wären andere Abiturienten fast über dich drübergestolpert, weil du dich nur ansatzweise und unkoordiniert bewegt hast.
Ich kenne dich,du wolltest dir bestimmt Mut antrinken, damit du dich traust, vor der ganzen Schule zu tanzen, und das immerhin in einem pinken Top, das du dir von deiner Freundin geliehen hast, erwartungsgemäß hat die für dich zu große Menge Alkohol aber nur dazu geführt, dass du dich wieder einmal zur coolsten Sau der Welt erklärt und nichts auf die Reihe gekriegt hast.
Ich habe das so beobachtet, wie du so in deinem Suff cool sein wolltest, wie du zum Musikmenschen gelaufen bist und mit großer "Ey altha!"-Armaustreckgeste gesagt hast, er soll gefälligst lauter machen,als er euer zweites Lied, eins von den Atzen, auf voller Lautstärke laufen ließ, und wie du ihn angemault hast, als er dir sagte, lauter geht nicht.
Habe gesehen, wie der Hiphopfan krampfhaft versuchte, dich irgendwie zumindest in der Reihe zu halten, zusammen mit einem anderen, der in einem dieser Ganzkörperplüschtieranzüge steckte (Wie war das, Motto:Barbie&Ken?).
Wie du die ganze Zeit gegrinst hast, dieses im doppelten Sinne breite Grinsen, dieses bescheuerte Grinsen, in das ich mich seinerzeit verliebt hatte.
Habe dich auch beobachtet, als du Bonbons und Konfetti ins Publikum werfen solltest;selbst das hast du nicht mehr hingekriegt und in einer Kurzschlussreaktion den Inhalt des Konfettibeutels komplett über dem Hiphopfan ausgeleert, der noch Stunden später damit beschäftigt war, sich das Zeug aus seinem Barbieausschnitt zu holen.
Habe dich beobachtet, wie du bei der ersten Polonaise-Runde noch versucht hast, mitzumachen, dann aber aufgegeben und dich neben dem Hipster unter einer der Boxen niedergelassen hast, dein Gesicht versteckt hinter der großen Sonnenbrille, immernoch grinsend, immernoch mit dem Gefühl, der coolste auf der Welt zu sein.
Ein Trauerspiel.
Ja, ein Trauerspiel; du hast richtig gehört.
Es war nicht mehr als ein Trauerspiel, und ich hätte dir nicht geholfen.
der Hiphopfan hat dich irgendwann ins Oberstufenzimmer geschafft, auf ein Sofa gelegt und zugedeckt, du fandest dich immernoch cool, als der Hiphopfan den Kommentator fragte, ob er als Schulsanitäter bitte in seiner Freistunde auf dich aufpassen könnte.
Ich hätte dir nicht geholfen.
Du hättest nonstop kotzen können, meinetwegen in deiner Kotze liegen können, und ich hätte dir nicht geholfen.
Ich wäre hingegangen, hätte dir die Sonnenbrille abgesetzt, in deine,wie immer,wenn du betrunken bist,wässrigen und in die Ferne starrenden Augen gesehen und vor deinem Gesicht auf den Boden gespuckt,um dir zu zeigen, was ich von dir halte.
Ich halte nicht mehr von dir, für mich bist du nicht mehr als das; nicht heute.
Das ist kein Hass.
Ich bringe jeder Lebensform Respekt entgegen, aber heute, da hast du mir bewiesen,dass du es nicht mehr wert bist.
Dass du nicht mehr wert bist, als dir vor die Füße zu spucken und dich in deinem Erbrochenen liegen zu lassen; wobei ja nichtmal das geht, hast dich schon mehr als einmal im betrunkenen Zustand beim Kommentator beschwert, dass du Kotzen willst, damit es dir besser geht, aber es nicht klappt.
Heute hast du mir bewiesen,dass du immernoch der Alte bist, was deine negativen Eigenschaften betrifft.
Und du magst toll sein, du magst wunderbar sein und dieses Grinsen haben,das sonst keiner hat;
Meinen Respekt hast du nicht mehr.
Vielleicht warst du nicht der Einzige, der getrunken hatte, mit Sicherheit nicht; aber mal wieder warst du der Einzige, der es total übertrieben hat, weil du aus Prinzip sehr viel in sehr kurzer Zeit in dich reinschüttest, aber das eben nicht veträgst.
Aufgrund der Tatsache,dass du das ja immer so machst und trotzem hackedicht bist, dürftest du inzwischen eine Alkoholtoleranz haben, von der manche Kampftrinker nur träumen, aber trotzdem schaffst du es jedes Mal wieder, so voll zu sein,dass du jemandem effektiv die Veranstaltung versaust.
Sonst war ich es, die dich leidend beobachtet hat, aufgepasst hat,im Stillen, die sofort da gewesen wäre, wenn du hingefallen wärst und dir den Kopf aufgeschlagen hättest, wenn du umgekippt wärst, wieder eine Alkoholvergiftung gehabt hättest, sogar, wenn du sentimental geworden wärst und eine Schulter gebraucht hättest.
Ich wäre gerne die Schulter gewesen;
Ich wäre gerne mehr als die Schulter gewesen, die ganze Zeit.
Ich wäre gerne jemand gewesen für dich.
Heute war es der Hiphopfan, der sich Sorgen um dich gemacht hat, und das, obwohl er selbst einiges intus hatte, wie ich später erfuhr und wie man auch roch,wenn man an ihm vorbeilief;
heute war nicht ich diejenige, die auf dich aufgepasst hat, im Stillen, ohne, dass du es merkst,
und ich werde es nie mehr sein.
Solltest du eines Tages, zum Beispiel am Rosenmontag, wenn ich wieder Dienst habe, auf meiner Trage liegen und ein Notfall sein, werde ich dir helfen, aber nicht,weil ich es will,sondern weil es meine Pflicht ist;
weil es meine Pflicht ist, jedem zu helfen, der Hilfe braucht, denn ich bin beim Roten Kreuz und das mit Herz und Seele, werde ich dir helfen, wie ich jedem anderen auch helfe, und falls du an die Rettungssanitäter übergeben werden musst, wovon ich ausgehe, werde ich dir nachsehen, wie ich jedem nachsehe, den wir weitergegeben haben.
Danach werde ich meinem Kollegen helfen, den Wagen wieder zu säubern, und wenn er fragt,ob alles in Ordnung ist, werde ich Ja sagen.
Vielleicht werde ich auch nein sagen, weil du immer etwas besonderes für mich bleiben wirst;
Aber ich werds überstehen, denn du bist nicht mehr auf die eine Art und Weise besonders.
Du hast mein Herz nicht mehr, ich nehme es hiermit offiziell wieder an mich; du hast es nicht mehr verdient, genauso wenig, wie du meinen Respekt verdient hast; nichts von mir hast du verdient, so viel von mir hast du kaputt gemacht.
Wirst immer den so oft in Kitschromanen und Liebesfilmen zitierten Platz in meinem Herz haben,einfach, weil du immer besonders bleiben wirst, für mich.
Besonders bleiben wirst,weil du mal die Welt für mich warst, und noch viel mehr;
aber ich habe mich dafür entschieden, dir diesen Platz abzunehmen, schrittweise, und ihn wieder frei zu machen, so, wie ich mich entschieden habe, mir mein Herz zurückzuholen.
Ich räume dir deinen Platz darin ein, nach all den Jahren, aber du wirst ihn nicht überschreiten.
Nie wieder wirst du mein ganzes Herz haben, und nie wieder wirst du meine ganze Welt sein, hörst du?
Warum?
Weil ich es nicht will.
Ich will es nicht mehr und wollte es schon so lange nicht mehr, kann es nicht mehr und möchte es nicht mehr.
Ich möchte nicht mehr,dass du mein Herz hast.
Eigentlich wollte ich keinen Eintrag mehr schreiben, nur über dich, so oft habe ich all das schon geschrieben;
eigentlich wollte ich etwas ganz anderes schreiben unter diesem Titel, aber dann kam mir wieder dein Bild in den Kopf, wie du den Musikmenschen angemault hast und durch die Gegend geschwankt bist, und wie du dich wieder hinter deiner Sonnenbrille und unter deinem Cap versteckt hast.
Dein Selbstbewusstsein ist geschrumpft, und du musst deine Unsicherheiten immernoch so verstecken.
Wenn du das möchtest,kann ich dich nicht davon abhalten; überhaupt kann ich dich von nichts abhalten, weder vom coolfühlen, noch vom Freundin haben, noch vom Trinken, und ich habe auch nicht länger vor, dir irgendwie helfen zu wollen.
Ich möchte, dass du weißt, dass du diesen einen Platz in meinem Herzen immer haben wirst, aber auch,dass ich dir nicht mehr einräumen werde;
dass du weißt, dass ich dir nicht helfen werde, außer,wenn ich muss;
dass du weißt, dass ich nicht mehr länger versuchen werde, irgendjemand für dich zu sein;
dass du weißt, dass ich nie wieder in meiner optischen Gestaltung auf das Rücksicht nehmen werde, was du schön findest;
dass ich nie wieder irgendwo hin gehe, wo ich dich vermute.
Dass ich versuchen werde, endlich zu begreifen,dass du eine Freundin hast;
zu begreifen, dass es endet, die Zeit, die du hier bist,und zwar jetzt;
zu begreifen, dass du nicht das bist,was ich mir vorstelle,denn ich neige zum Idealisieren;
zu begreifen, dass du anders besser aufgehoben bist;
und dass ich nicht in dein Leben gehöre, auch,wenn du vielleicht in meins gehören solltest.
Vielleicht wirst du da auch bleiben, ein Stück weit, in schwachen Momenten präsenter als in starken;
Ich habe viel mehr schwache als starke Momente und besonders die Prozesse des Begreifens werden eine Weile dauern, sollte ich sie überhaupt auf die Reihe bekommen;
Aber ich lasse es jetzt so sein,wie es ist.
Ich lasse es jetzt so sein, wie es ist, mit all dem Schmerz und dem Weinen und den anderen Dingen, und in meinem Kopf ist das Bild von dir in deinen Sportklamotten, mit deiner Sonnenbrille und dem Cap, und ich weiß nicht,ob es da jetzt bleibt oder morgen von dem, was ich gerne als deine Normalform wüsste, wieder verdrängt wird;
vielleicht ist dann morgen wieder ein schwacher Moment.
Aber ich werde meine Energie nicht mehr darauf verwenden, dir helfen zu wollen, dir gefallen zu wollen oder mir meinen Platz in deinem Leben zu erkämpfen. Happy End- Wunsch hin oder her.
Ab heute.
Denn heute war der Tag, an dem du meinen Respekt verloren hast, an dem ich vor lauter Krämpfen und Fieber und Schüttelfrost meinen Vater anrief, um mich abzuholen,
an dem ich somit die ersten Fehlstunden meines Oberstufendarseins sammelte,
an dem ich das erste Schulsanitätertreffen seit Beginn meines Schaffens ausfallen ließ,
an dem ich unfreundlich zu meinem Großvater war,
und an dem ich eine Zwölfpunkte-Matheabfrage hinlegte.
Thema: gefunden.
Wie haben sie dich, Baum, verschnitten
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.
( Gestutzte Eiche von Herman Hesse)
Eigentlich eine weitere Tätowierung wert.
Wie stehst du fremd und sonderbar!
Wie hast du hundertmal gelitten,
Bis nichts in dir als Trotz und Wille war!
Ich bin wie du, mit dem verschnittnen,
Gequälten Leben brach ich nicht
Und tauche täglich aus durchlittnen
Roheiten neu die Stirn ins Licht.
Was in mir weich und zart gewesen,
Hat mir die Welt zu Tod gehöhnt,
Doch unzerstörbar ist mein Wesen,
Ich bin zufrieden, bin versöhnt,
Geduldig neue Blätter treib ich
Aus Ästen hundertmal zerspellt,
Und allem Weh zu Trotze bleib ich
Verliebt in die verrückte Welt.
( Gestutzte Eiche von Herman Hesse)
Eigentlich eine weitere Tätowierung wert.
Thema: monolog
1.
Stehen uns so gemeinschaftlich die Beine in den Bauch, die Kollegstufe, die nicht mehr so heißt seit dem G8, zusammengehalten wie eine Schafherde von der Betreuungslehrkraft, die sich schwer und mächtig stetig im Kreis um uns herum bewegt, als würde sie Angst haben, dass sich einer von der Gruppe entfernt und auf dem Bahnsteig verloren geht, und warten.
Dann und wann fährt ein Zug vorbei, jedes Mal ist es nicht unserer, einmal steigt trotzdem jemand ein,weil er es nicht mitbekommen hat, kommt aber gerade noch rechtzeitig wieder raus, um weiter mit uns zu warten, und während wir da so in unserer Herde stehen, mit hochgezogenen Schultern, die Gesichter in dicken Schals vergraben und die Füße gefühlt durch die Schuhe hindurch festgefroren, warte ich eigentlich nur noch auf Schnee, doch ein Blick aufs Ei-Phone des Kommentators offenbart, dass es mit -21,5 Grad selbst für Schnee zu kalt ist.
I
In meinen Ohren The Noose in der von mir nicht online gefundenen Studioversion,eines der Lieder, auf die "atmosphärisch" passt, auf meinen Ohren die Plüschohrwärmer, die dafür sorgen,dass ich zwar mit Abstand am seltsamsten aussehe, aber es auch mit Abstand am Wärmsten habe. Zumindest am Kopf.
Leider kann ich es nicht wie die Freundin des Problems handhaben, die sich fröstelnd an ihren Freund kuschelt und ebenfalls auf den Zug wartet, der, bevor er in der Zivilisation ankommt, zunächst jede Häuseransammlung ansteuert, die sich irgendwie an die Gleise gedrängt hat, und somit auch ihr Heimatdorf.
Irgendwann sieht man ihn dann, den Zug, ein schnaufender, dampfender roter Schrotthaufen, der sich behäbig den Berg hinaufquält, gefühlt fast wieder rückwärts hinunterrollt, es aber dann doch schafft, vor uns zum Stehen zu kommen.
Beim Einsteigen die charakteristische Gestankswolke, eine Mischung aus Alkohol, ein wenig Urin und daraus entstandenem Ammoniak, jahrealtem, unter die Sitze geklebten Kinderkaugummi und im ungünstigsten Fall irgendein Wurstbrot, das zuvor verspeist wurde oder eben immernoch daliegt.
Ohne Blondinenfraktion von ungewohnter Stille umgeben, suche ich mir ein Abteil, in dem noch niemand sitzt, und will mich gerade darüber freuen, als die Tür aufgeht und die Problemfreundin ihn hinter sich ins Abteil zieht. "Ey, ich sollt vielleicht bei meinem Kurs bleiben", protestiert er lachend, während sie ihn kichernd zu einer Sitzbank schleift.
Ich beschließe, die Musik lauter zu stellen.
Durchsagen,wann welcher Bahnhof erreicht ist? Unnötig, starre aus dem Fenster auf die tausendfach gefahrene Strecke, den einzigen Weg in die Zivilisation, vorbeirauschende Felder, die auch in der Prärie liegen könnten, ockerbraungelbverdorrt, im Vorbeifahren wirkt es eigentlich ganz idyllisch hier,im Vorbeifahren sieht man nicht, wie es ist,sondern nur, wie es aussieht.
Sonst war er für mich immer perfekt, das Problem.
Aber jetzt, Pickel hat er mit einem Mal, das, worüber er sich lustig gemacht hat, früher, als ich in der sechsten Klasse war, das einzige Mädchen mit Hautunreinheiten, die sind auch nicht so schnell wieder weggegangen und waren dementsprechend öfters Grund zum Spott, aber alle, die sich drüber lustig gemacht haben, sind jetzt selbst geplagt davon, während ich vergleichsweise meine Ruhe habe,ha, Karma.
Außer im Fall des Übersportlers, täglich Fitnessstudio hat ihm den anvisierten Muskelaufbau nicht in der gewünschten Geschwindigkeit gebracht und die Bodybuilder dort sagen, das bringt was.
Aber das Problem,das ist kein Übersportler, wenn auch sehr skibegeistert.
Sie bestimmt auch, hat er ja gesagt, er will eine Wintersporttaugliche.
Hm, schön,dass er eine gefunden hat, die anscheinend passt.
Ich denke mir das so und meine es nicht einmal ironisch, fühle eigentlich garnichts außer leichtem Druckschmerz.
Ist das jetzt echt dein Ernst?, frage ich meinen Verstand.
Ich glaube schon, antwortet er.
Sehe mir wieder das Problem in der Scheibenspiegelung an, mit den Nichtmehrwuschelhaaren, die heute geglättet sind, nie hätte er das von sich aus getan, war wohl ihre Idee, mit seinen ihn neuerdings plagenden Hautunreinheiten, der eigentlich zu großen Nase und dem eigentlich zu schmalen Gesicht, seinen Gammelklamotten (Standard, seit er mit dem coolen Hiphopfan befreundet ist) und der Standardbräune, die er jahreszeitenunabhängig immer hat, im Winter vom Skifahren, im Sommer vom Schwimmen, und mir fallen die Dinge auf, die nicht perfekt sind.
Schaue ihn mir so an, diesen Menschen, der so viel Bedeutung hat, der doch immer so perfekt war." Er war doch immer so perfekt", murmelt die Erinnerung ungläubig und das Herz will ihr eigentlich zustimmen, aber da meldet sich ganz leise das Gefühl, und ergänzt fast nicht hörbar,"aber eben nicht für dich". Das Gefühl spricht erstaunlich gefasst, erstaunlich ruhig und erstaunlich sanft. Ich atme tief durch und nehme mir vor, das so anzunehmen, wie das Gefühl es sagt.
With your halo slippin' down...
Es tut nicht weh, wenn ich ihn sehe. Nicht so sehr, wie ich erwartet habe, nur, wenn ich sein Mädchen sehe, drehe ich um und laufe einen anderen Weg zum Biologiesaal, auch,wenn das Verspätung bedeutet.
Aber der große Zusammenbruch bleibt aus.
Und der Verstand sagt, eigentlich ist das Wahnsinn. Weißt du Mayhem, eigentlich ist das alles der totale Wahnsinn.
Entweder der normale Jugendwahnsinn, oder Wahnsinn von der filmreifen Sorte.
2.
"Und finanzielle Unterstützung durch Ihr Unternehmen?"
Habe mich als Einzige getraut, noch eine Frage zu stellen, als es hieß, gibt es noch Fragen.
Und so sitze ich, klassisches "Arbeiterkind", in einer der drei renommiertesten Kliniken Deutschlands, und frage den Vortragenden, der von hohem Niveau, aber auch sehr guten Arbeitsbedingungen und allem von Gratismassage bis -maniküre für die Mitarbeiter erzählte, ob man, wenn man sein Psychologiestudium abgeschlossen hat und in dieser Hyperklinik für Burnout-, depressions- und Suchtgeplagte Neureiche, Halbberühmtheiten oder Erben anfangen möchte, den Psychotherapeutenschein mitfinanziert bekommt.
"Die Psychotherapeutenausbildung kostet nämlich laut Ihrem Seminarheft 4.800Euro mindestens!", ruft der Kommenator rein, sichtlich begeistert, weil er auch etwas beizutragen wusste, "Hab mir nämlich Ihr Infomaterial schon durchgelesen!"
Der Vortragende zupft am Kragen seines Poloshirts.
"Wissen Sie, Frau, äh", er schaut auf mein Namensklebeschildchen, "Frau Mayhem, das monatliche Gehalt eines Psychologen beträgt bei uns 3000 bis 4000 Euro netto und wir unterstützen Sie finanziell,wenn Sie nicht auf dem Klinikgelände wohnen möchten, insofern sollte das kein größeres Problem darstellen".
Er sagt das so, mit dem vielen Geld, als wäre das völlig normal.
So viel Geld, denke ich, davon könnte ich der Katze einen größeren Kratzbaum kaufen, einfach so.
Oder mir auch dann frischen Ingwer für meinen Tee mitnehmen, wenn er nicht reduziert ist. Mir dann sogar ein Bücherregal kaufen, das groß genug ist, um auch die Bücher meiner Mutter darin unterzubringen, nicht so wie jetzt, wo nicht einmal meine eigenen alle einen Platz haben.
Selbst mit dem "niedrigen" Gehalt würde ich beinahe dreimal so viel verdienen wie mein Vater, einfach mal so.
Ich erkundige mich, wie viele Bewerber denn auf eine Stelle kämen, der Vortragende erklärt, sie hätten 70 Psychologen und entsprechend viele Ärzte, hätten auch gerne mehr eingestellt, allerdings habe er nach der Lektüre einiger Bewerbungen das Gefühl gehabt, selbst "ein paar Gesprächstherapien" zur Verarbeitung des Gelesenen zu brauchen.
Beschließe, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit und against all odds (Unfähigkeit, sich aufzuraffen, sowohl meinerseits als auch seitens der Lehrkräfte, riesige Wissenslücken, die sich nicht mehr füllen lassen, unfähige Lehrer, utopische Anforderungen) nicht nur ein ausreichend gutes Abitur hinzulegen, sondern auch die greifbarste Uni in Grund und Boden zu studieren, um in dieser verdammten Klinik Arbeit zu bekommen, wenn möglich nicht nur als "Raumpflegefachkraft".
Nicht weit weg von der Absteige, im tödlichen Radius des Atomkraftwerks, vegetarisches Essen bevorzugt, alles fairtrade, Geburtstagsfeiern für die Mitarbeiter. Durchschnittsklient versnobt-arroganter Mittvierziger, dem "doch eigentlich nichts fehlt", laut eigener Aussage, der aber trotzdem da ist, seltsamerweise.
Sehe mich schon jetzt über meine Klienten ("Wir nennen sie nicht "Patienten", sondern "Klienten"") jammern.
Habe vor,denen, die keinen Weg mehr sehen, bei der Suche zu helfen, und für die Minderheit, die traumatisierten Kinder, da zu sein.
Da sein, das kann ich. Alles andere wird sich zeigen,wenn es so weit ist.
3.
Aber ich will den Büchern meiner Mutter einen gemütlichen Platz geben, und ich will ein Bild von ihr aufstellen.
Ich will ein Bild von ihr aufstellen und das von mir und meinem Vater, aus dem Urlaub, damals, mit 5 oder maximal 7, und wenn sie mal nicht mehr ist, auch die Asche meiner Katze dort hinstellen;
Von meiner Arbeit nach Hause kommen und das Gefühl haben,dass es das Richtige ist, was ich tue, auch,wenn es nicht leicht ist, so wie jetzt auch, wenn ich Bereitschaftsdienst habe, nur anders;
Und sollte es sich aus irgendeinem Grund doch ergeben,dass entgegen jeder Intention einmal Klein-Mayhem das Licht der Welt erblickt, will ich, dass er/sie/es sich keine Gedanken machen muss, wie zur Hölle die Berlinfahrt jetzt auch noch finanziert werden soll, oder ein Besuch im Kino.
Aber vor allem soll der/die/das Klein-Mayhem eine Familie haben, eine richtige.
Und weil das nicht geht, weil es niemals so sein wird, dass ich komplett mit mir selbst klarkomme (wie soll ich es dann bei anderen Nahestehenden schaffen?) oder das alles, was war, ruhen lassen kann, weil schon meine leicht verstörte Mutter schrieb, sie wolle niemals so sein wie ihre Mutter, und dann doch hundertfach schlimmer war, wird es kein Klein-Mayhem geben.
Katzen kommen mit mir klar, meistens; von allen anderen Lebensformen wäre es wohl auf Dauer zu viel verlangt.
Stehen uns so gemeinschaftlich die Beine in den Bauch, die Kollegstufe, die nicht mehr so heißt seit dem G8, zusammengehalten wie eine Schafherde von der Betreuungslehrkraft, die sich schwer und mächtig stetig im Kreis um uns herum bewegt, als würde sie Angst haben, dass sich einer von der Gruppe entfernt und auf dem Bahnsteig verloren geht, und warten.
Dann und wann fährt ein Zug vorbei, jedes Mal ist es nicht unserer, einmal steigt trotzdem jemand ein,weil er es nicht mitbekommen hat, kommt aber gerade noch rechtzeitig wieder raus, um weiter mit uns zu warten, und während wir da so in unserer Herde stehen, mit hochgezogenen Schultern, die Gesichter in dicken Schals vergraben und die Füße gefühlt durch die Schuhe hindurch festgefroren, warte ich eigentlich nur noch auf Schnee, doch ein Blick aufs Ei-Phone des Kommentators offenbart, dass es mit -21,5 Grad selbst für Schnee zu kalt ist.
I
In meinen Ohren The Noose in der von mir nicht online gefundenen Studioversion,eines der Lieder, auf die "atmosphärisch" passt, auf meinen Ohren die Plüschohrwärmer, die dafür sorgen,dass ich zwar mit Abstand am seltsamsten aussehe, aber es auch mit Abstand am Wärmsten habe. Zumindest am Kopf.
Leider kann ich es nicht wie die Freundin des Problems handhaben, die sich fröstelnd an ihren Freund kuschelt und ebenfalls auf den Zug wartet, der, bevor er in der Zivilisation ankommt, zunächst jede Häuseransammlung ansteuert, die sich irgendwie an die Gleise gedrängt hat, und somit auch ihr Heimatdorf.
Irgendwann sieht man ihn dann, den Zug, ein schnaufender, dampfender roter Schrotthaufen, der sich behäbig den Berg hinaufquält, gefühlt fast wieder rückwärts hinunterrollt, es aber dann doch schafft, vor uns zum Stehen zu kommen.
Beim Einsteigen die charakteristische Gestankswolke, eine Mischung aus Alkohol, ein wenig Urin und daraus entstandenem Ammoniak, jahrealtem, unter die Sitze geklebten Kinderkaugummi und im ungünstigsten Fall irgendein Wurstbrot, das zuvor verspeist wurde oder eben immernoch daliegt.
Ohne Blondinenfraktion von ungewohnter Stille umgeben, suche ich mir ein Abteil, in dem noch niemand sitzt, und will mich gerade darüber freuen, als die Tür aufgeht und die Problemfreundin ihn hinter sich ins Abteil zieht. "Ey, ich sollt vielleicht bei meinem Kurs bleiben", protestiert er lachend, während sie ihn kichernd zu einer Sitzbank schleift.
Ich beschließe, die Musik lauter zu stellen.
Durchsagen,wann welcher Bahnhof erreicht ist? Unnötig, starre aus dem Fenster auf die tausendfach gefahrene Strecke, den einzigen Weg in die Zivilisation, vorbeirauschende Felder, die auch in der Prärie liegen könnten, ockerbraungelbverdorrt, im Vorbeifahren wirkt es eigentlich ganz idyllisch hier,im Vorbeifahren sieht man nicht, wie es ist,sondern nur, wie es aussieht.
Sonst war er für mich immer perfekt, das Problem.
Aber jetzt, Pickel hat er mit einem Mal, das, worüber er sich lustig gemacht hat, früher, als ich in der sechsten Klasse war, das einzige Mädchen mit Hautunreinheiten, die sind auch nicht so schnell wieder weggegangen und waren dementsprechend öfters Grund zum Spott, aber alle, die sich drüber lustig gemacht haben, sind jetzt selbst geplagt davon, während ich vergleichsweise meine Ruhe habe,ha, Karma.
Außer im Fall des Übersportlers, täglich Fitnessstudio hat ihm den anvisierten Muskelaufbau nicht in der gewünschten Geschwindigkeit gebracht und die Bodybuilder dort sagen, das bringt was.
Aber das Problem,das ist kein Übersportler, wenn auch sehr skibegeistert.
Sie bestimmt auch, hat er ja gesagt, er will eine Wintersporttaugliche.
Hm, schön,dass er eine gefunden hat, die anscheinend passt.
Ich denke mir das so und meine es nicht einmal ironisch, fühle eigentlich garnichts außer leichtem Druckschmerz.
Ist das jetzt echt dein Ernst?, frage ich meinen Verstand.
Ich glaube schon, antwortet er.
Sehe mir wieder das Problem in der Scheibenspiegelung an, mit den Nichtmehrwuschelhaaren, die heute geglättet sind, nie hätte er das von sich aus getan, war wohl ihre Idee, mit seinen ihn neuerdings plagenden Hautunreinheiten, der eigentlich zu großen Nase und dem eigentlich zu schmalen Gesicht, seinen Gammelklamotten (Standard, seit er mit dem coolen Hiphopfan befreundet ist) und der Standardbräune, die er jahreszeitenunabhängig immer hat, im Winter vom Skifahren, im Sommer vom Schwimmen, und mir fallen die Dinge auf, die nicht perfekt sind.
Schaue ihn mir so an, diesen Menschen, der so viel Bedeutung hat, der doch immer so perfekt war." Er war doch immer so perfekt", murmelt die Erinnerung ungläubig und das Herz will ihr eigentlich zustimmen, aber da meldet sich ganz leise das Gefühl, und ergänzt fast nicht hörbar,"aber eben nicht für dich". Das Gefühl spricht erstaunlich gefasst, erstaunlich ruhig und erstaunlich sanft. Ich atme tief durch und nehme mir vor, das so anzunehmen, wie das Gefühl es sagt.
With your halo slippin' down...
Es tut nicht weh, wenn ich ihn sehe. Nicht so sehr, wie ich erwartet habe, nur, wenn ich sein Mädchen sehe, drehe ich um und laufe einen anderen Weg zum Biologiesaal, auch,wenn das Verspätung bedeutet.
Aber der große Zusammenbruch bleibt aus.
Und der Verstand sagt, eigentlich ist das Wahnsinn. Weißt du Mayhem, eigentlich ist das alles der totale Wahnsinn.
Entweder der normale Jugendwahnsinn, oder Wahnsinn von der filmreifen Sorte.
2.
"Und finanzielle Unterstützung durch Ihr Unternehmen?"
Habe mich als Einzige getraut, noch eine Frage zu stellen, als es hieß, gibt es noch Fragen.
Und so sitze ich, klassisches "Arbeiterkind", in einer der drei renommiertesten Kliniken Deutschlands, und frage den Vortragenden, der von hohem Niveau, aber auch sehr guten Arbeitsbedingungen und allem von Gratismassage bis -maniküre für die Mitarbeiter erzählte, ob man, wenn man sein Psychologiestudium abgeschlossen hat und in dieser Hyperklinik für Burnout-, depressions- und Suchtgeplagte Neureiche, Halbberühmtheiten oder Erben anfangen möchte, den Psychotherapeutenschein mitfinanziert bekommt.
"Die Psychotherapeutenausbildung kostet nämlich laut Ihrem Seminarheft 4.800Euro mindestens!", ruft der Kommenator rein, sichtlich begeistert, weil er auch etwas beizutragen wusste, "Hab mir nämlich Ihr Infomaterial schon durchgelesen!"
Der Vortragende zupft am Kragen seines Poloshirts.
"Wissen Sie, Frau, äh", er schaut auf mein Namensklebeschildchen, "Frau Mayhem, das monatliche Gehalt eines Psychologen beträgt bei uns 3000 bis 4000 Euro netto und wir unterstützen Sie finanziell,wenn Sie nicht auf dem Klinikgelände wohnen möchten, insofern sollte das kein größeres Problem darstellen".
Er sagt das so, mit dem vielen Geld, als wäre das völlig normal.
So viel Geld, denke ich, davon könnte ich der Katze einen größeren Kratzbaum kaufen, einfach so.
Oder mir auch dann frischen Ingwer für meinen Tee mitnehmen, wenn er nicht reduziert ist. Mir dann sogar ein Bücherregal kaufen, das groß genug ist, um auch die Bücher meiner Mutter darin unterzubringen, nicht so wie jetzt, wo nicht einmal meine eigenen alle einen Platz haben.
Selbst mit dem "niedrigen" Gehalt würde ich beinahe dreimal so viel verdienen wie mein Vater, einfach mal so.
Ich erkundige mich, wie viele Bewerber denn auf eine Stelle kämen, der Vortragende erklärt, sie hätten 70 Psychologen und entsprechend viele Ärzte, hätten auch gerne mehr eingestellt, allerdings habe er nach der Lektüre einiger Bewerbungen das Gefühl gehabt, selbst "ein paar Gesprächstherapien" zur Verarbeitung des Gelesenen zu brauchen.
Beschließe, entgegen jeder Wahrscheinlichkeit und against all odds (Unfähigkeit, sich aufzuraffen, sowohl meinerseits als auch seitens der Lehrkräfte, riesige Wissenslücken, die sich nicht mehr füllen lassen, unfähige Lehrer, utopische Anforderungen) nicht nur ein ausreichend gutes Abitur hinzulegen, sondern auch die greifbarste Uni in Grund und Boden zu studieren, um in dieser verdammten Klinik Arbeit zu bekommen, wenn möglich nicht nur als "Raumpflegefachkraft".
Nicht weit weg von der Absteige, im tödlichen Radius des Atomkraftwerks, vegetarisches Essen bevorzugt, alles fairtrade, Geburtstagsfeiern für die Mitarbeiter. Durchschnittsklient versnobt-arroganter Mittvierziger, dem "doch eigentlich nichts fehlt", laut eigener Aussage, der aber trotzdem da ist, seltsamerweise.
Sehe mich schon jetzt über meine Klienten ("Wir nennen sie nicht "Patienten", sondern "Klienten"") jammern.
Habe vor,denen, die keinen Weg mehr sehen, bei der Suche zu helfen, und für die Minderheit, die traumatisierten Kinder, da zu sein.
Da sein, das kann ich. Alles andere wird sich zeigen,wenn es so weit ist.
3.
Aber ich will den Büchern meiner Mutter einen gemütlichen Platz geben, und ich will ein Bild von ihr aufstellen.
Ich will ein Bild von ihr aufstellen und das von mir und meinem Vater, aus dem Urlaub, damals, mit 5 oder maximal 7, und wenn sie mal nicht mehr ist, auch die Asche meiner Katze dort hinstellen;
Von meiner Arbeit nach Hause kommen und das Gefühl haben,dass es das Richtige ist, was ich tue, auch,wenn es nicht leicht ist, so wie jetzt auch, wenn ich Bereitschaftsdienst habe, nur anders;
Und sollte es sich aus irgendeinem Grund doch ergeben,dass entgegen jeder Intention einmal Klein-Mayhem das Licht der Welt erblickt, will ich, dass er/sie/es sich keine Gedanken machen muss, wie zur Hölle die Berlinfahrt jetzt auch noch finanziert werden soll, oder ein Besuch im Kino.
Aber vor allem soll der/die/das Klein-Mayhem eine Familie haben, eine richtige.
Und weil das nicht geht, weil es niemals so sein wird, dass ich komplett mit mir selbst klarkomme (wie soll ich es dann bei anderen Nahestehenden schaffen?) oder das alles, was war, ruhen lassen kann, weil schon meine leicht verstörte Mutter schrieb, sie wolle niemals so sein wie ihre Mutter, und dann doch hundertfach schlimmer war, wird es kein Klein-Mayhem geben.
Katzen kommen mit mir klar, meistens; von allen anderen Lebensformen wäre es wohl auf Dauer zu viel verlangt.
Thema: gefunden.
"Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stufe zur andern
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab."
(aus F.Hölderlin: Hyperions Schicksalslied )
Auf keiner Stätte zu ruhn
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stufe zur andern
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab."
(aus F.Hölderlin: Hyperions Schicksalslied )
