Thema: kurz gemeldet
Nächste Woche ist es also ein Jahr. Nicht in Tagen, aber dieses Jahr findet das Jubiläum statt, es ist das 10. Mal, damals war es das 9.Mal, also zählt es als ein Jahr.
Damals hörte sich das noch so
an.
Ein Jahr ist es her,dass ich mit der Mitgitarristin vor der Spelunke saß und auf die alte Sache samt Schwester wartete, nervös, wie immer, wenn es um ihn ging. Fast wäre ich umgekippt, als er dann auftauchte, so toll fand ich ihn. Wir waren gerade vom Piercer gekommen, mein rechtes Ohr pochte wie verrückt, aber schließlich war mir auch gerade ein Stab waagrecht durch den kompletten oberen Knorpelbereich gejagt worden, und als wir dann in der Spelunke saßen,war er gesprächig wie immer, nämlich garnicht.
Irgendwann löste sich das genauso in Luft auf wie die Nüchternheit der Mitgitarristin, leider wurde er nicht mir gegenüber gesprächig, sondern ihr, und in meine Verunsicherung aufgrund der Tatsache,dass da diese für mich so erwachsenen Fremden am Tisch saßen, mischte sich das Seelenleid, weil er da so einfach mit ihr redete. Was fiel ihm auch ein, diese fast Gleichaltrige, selbstsichere, offene Frau toller zu finden als mich?
An diesem Abend habe ich seine jetzige Freundin kennengelernt, und die Feindin.
Wir haben uns etwas irritiert angestarrt und es nicht geschafft, miteinander zu reden; die Feindin,damals noch braunhaarig, wechselte nur einen Satz mit mir und das wars auch.
Ich war also relativ alleine, mit der Mitgitarristin, die zeitweise mit dem Kopf auf dem Tisch lag, weil ich es in meiner Verunsicherung nicht geschafft hatte, sie vom Betrunkenwerden abzuhalten, und der Schwester der alten Sache, an die ich mich ein Stück weit klammerte, denn dieser Mensch, die Schwester, war sehr selten genervt von mir, eigentlich war sie das noch nie; und auch,wenn sie oft nicht versteht,was ich sage, tut sie wenigstens so, als würde sie es verstehen, und sie scheint mich zu mögen. Findet mich in Ordnung. Einfach so.
An diesem Abend war auch die Frau da, die irgendwie immernoch denkt, ich würde ihr Faust ausspannen wollen, und sie hat mein Verunsicherungsgefühl komplett gemacht, überhaupt wäre ich an diesem Abend am liebsten vom Erdboden verschluckt worden, aber dann hätte ich von der Seite der alten Sache weichen müssen, neben dem ich saß; und das war einfach keine Option.
Es hat angefangen, mir zu entgleiten, an diesem Abend;
Die oberflächliche Freundschaft zur Feindin hat angefangen, an diesem Abend.
Damals habe ich Faust wiedergesehen, nach Ewigkeiten, und den Intellektuellen, zwei Mitglieder dieser einzigartigen Theatergruppe, die wir waren und die wir zu Grabe getragen haben; sie ist zum akuten Problem geworden,das sich im Nachhinein zwar verabschiedet hat, aber nicht wie gewünscht; und es war der erste Schritt in Richtung mayhem 2.0.
Weil ich damals angefangen habe, zu lernen, dass diese Leute, egal, wie komisch sie wirken, mich nicht zwingend genauso schlecht finden wie ich das an manchen Tagen selbst tue.
Weil ich Gelassenheit geübt habe, die Gelassenheit, die trotz allem von der alten Sache ein bisschen auf mich übergegangen ist und manchmal die innere Ruhe auf den Plan treten lässt, von der ich nicht dachte, dass ich sie vor meinem 30. Geburtstag erreichen werde.
Nächste Woche um diese Zeit werde ich wieder nach Hause kommen, und ich werde schreiben, wie beim letzten Mal auch.
Wovon,das weiß ich noch nicht.
Wie ich überhaupt wieder heimkomme, auch noch nicht.
Letztes Mal ist der Intellektuelle gefahren, bei ihm war der Medizinstudent, der meinte, schade, dass ich noch so jung bin, eigentlich sei ich ja ganz süß; inzwischen hat er eine ganz süße Freundin, die jedes Mal hilflos große Augen macht,wenn er wieder fremdflirtet, wobei sie froh sein kann, wenn er nur das tut; monogame Beziehungen scheinen für ihn ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
Aber es geht hier nicht um den Medizinstudenten, es geht darum,dass nächste Woche wieder die Welt untergehen wird.
Die Welt wird untergehen, mit einem lauten Knall und Spelunkenmusik im Hintergrund, und ich werde mittendrin sein und mit dem Weltuntergang anstoßen, entweder mit meinem stillen Wasser oder einem Guinness, und dabei werde ich ihm äußerst verwegen ins Gesicht grinsen, dem Weltuntergang, und sagen, na, altes Haus, schauste auch mal wieder vorbei.
Damals hörte sich das noch so
an.
Ein Jahr ist es her,dass ich mit der Mitgitarristin vor der Spelunke saß und auf die alte Sache samt Schwester wartete, nervös, wie immer, wenn es um ihn ging. Fast wäre ich umgekippt, als er dann auftauchte, so toll fand ich ihn. Wir waren gerade vom Piercer gekommen, mein rechtes Ohr pochte wie verrückt, aber schließlich war mir auch gerade ein Stab waagrecht durch den kompletten oberen Knorpelbereich gejagt worden, und als wir dann in der Spelunke saßen,war er gesprächig wie immer, nämlich garnicht.
Irgendwann löste sich das genauso in Luft auf wie die Nüchternheit der Mitgitarristin, leider wurde er nicht mir gegenüber gesprächig, sondern ihr, und in meine Verunsicherung aufgrund der Tatsache,dass da diese für mich so erwachsenen Fremden am Tisch saßen, mischte sich das Seelenleid, weil er da so einfach mit ihr redete. Was fiel ihm auch ein, diese fast Gleichaltrige, selbstsichere, offene Frau toller zu finden als mich?
An diesem Abend habe ich seine jetzige Freundin kennengelernt, und die Feindin.
Wir haben uns etwas irritiert angestarrt und es nicht geschafft, miteinander zu reden; die Feindin,damals noch braunhaarig, wechselte nur einen Satz mit mir und das wars auch.
Ich war also relativ alleine, mit der Mitgitarristin, die zeitweise mit dem Kopf auf dem Tisch lag, weil ich es in meiner Verunsicherung nicht geschafft hatte, sie vom Betrunkenwerden abzuhalten, und der Schwester der alten Sache, an die ich mich ein Stück weit klammerte, denn dieser Mensch, die Schwester, war sehr selten genervt von mir, eigentlich war sie das noch nie; und auch,wenn sie oft nicht versteht,was ich sage, tut sie wenigstens so, als würde sie es verstehen, und sie scheint mich zu mögen. Findet mich in Ordnung. Einfach so.
An diesem Abend war auch die Frau da, die irgendwie immernoch denkt, ich würde ihr Faust ausspannen wollen, und sie hat mein Verunsicherungsgefühl komplett gemacht, überhaupt wäre ich an diesem Abend am liebsten vom Erdboden verschluckt worden, aber dann hätte ich von der Seite der alten Sache weichen müssen, neben dem ich saß; und das war einfach keine Option.
Es hat angefangen, mir zu entgleiten, an diesem Abend;
Die oberflächliche Freundschaft zur Feindin hat angefangen, an diesem Abend.
Damals habe ich Faust wiedergesehen, nach Ewigkeiten, und den Intellektuellen, zwei Mitglieder dieser einzigartigen Theatergruppe, die wir waren und die wir zu Grabe getragen haben; sie ist zum akuten Problem geworden,das sich im Nachhinein zwar verabschiedet hat, aber nicht wie gewünscht; und es war der erste Schritt in Richtung mayhem 2.0.
Weil ich damals angefangen habe, zu lernen, dass diese Leute, egal, wie komisch sie wirken, mich nicht zwingend genauso schlecht finden wie ich das an manchen Tagen selbst tue.
Weil ich Gelassenheit geübt habe, die Gelassenheit, die trotz allem von der alten Sache ein bisschen auf mich übergegangen ist und manchmal die innere Ruhe auf den Plan treten lässt, von der ich nicht dachte, dass ich sie vor meinem 30. Geburtstag erreichen werde.
Nächste Woche um diese Zeit werde ich wieder nach Hause kommen, und ich werde schreiben, wie beim letzten Mal auch.
Wovon,das weiß ich noch nicht.
Wie ich überhaupt wieder heimkomme, auch noch nicht.
Letztes Mal ist der Intellektuelle gefahren, bei ihm war der Medizinstudent, der meinte, schade, dass ich noch so jung bin, eigentlich sei ich ja ganz süß; inzwischen hat er eine ganz süße Freundin, die jedes Mal hilflos große Augen macht,wenn er wieder fremdflirtet, wobei sie froh sein kann, wenn er nur das tut; monogame Beziehungen scheinen für ihn ein Ding der Unmöglichkeit zu sein.
Aber es geht hier nicht um den Medizinstudenten, es geht darum,dass nächste Woche wieder die Welt untergehen wird.
Die Welt wird untergehen, mit einem lauten Knall und Spelunkenmusik im Hintergrund, und ich werde mittendrin sein und mit dem Weltuntergang anstoßen, entweder mit meinem stillen Wasser oder einem Guinness, und dabei werde ich ihm äußerst verwegen ins Gesicht grinsen, dem Weltuntergang, und sagen, na, altes Haus, schauste auch mal wieder vorbei.
Thema: gefunden.
09. März 12 | Autor: mayhem | 0 Kommentare | Kommentieren
Mal wieder, weils so schön ist (diesmal aber eine Coverversion):
"Was für die Raupe das Ende der Welt ist, nennt die Welt Schmetterling."
(Laozi)
"Was für die Raupe das Ende der Welt ist, nennt die Welt Schmetterling."
(Laozi)
Thema: oh happy day.
...fragte schon Bushido seinerzeit in alles verloren, und nach der heutigen Fahrt kann ich antworten: Jo, Homie!
Alles begann, als ich, leicht verwirrt, weil an der üblichen Haltestelle kein Bus in meine Richtung fuhr und der letzte Zug im wahrsten Sinne des Wortes bereits abgefahren war, von einem netten Mitkollegiaten den Hinweis bekam, der Bus mit der richtigen Aufschrift sei gerade an ihm vorbeigefahren, Richtung? "Vorwärts halt". Vielen Dank.
Das Schicksal hatte ein Einsehen, ich schaffte es noch,den Bus zu erreichen, allerdings nicht auf Anhieb, in den Bereich hinterm Personenzurückhalteschlaggerät (der integrierte Baseballschläger, der hinterm Fahrersitz festgeschraubt ist und Eintrittsbereich und Personentransportraum voneinander trennt) zu gelangen, doch nach ein paar amoklaufverdächtig-aggressiven Schreien des auf mich nicht nur leicht cholerisch wirkenden Busfahrers in Richtung der restlichen Insassen meisterte ich selbst dieses Hindernis, wollte mich zufrieden verkabeln, stellte anhand der Lautstärke aber nach nicht einmal einer Minute fest, dass der Akku meines treuen mp3-Players, dessen Display beinahe nichts mehr anzeigt, seitdem da mal jemand drauflag, wohl bald leer sein würde, was auch genau 20 Sekunden später der Fall war.
Und dann ging es bergab.
Sehr verstört (Wie sollte ich schließlich eine Fahrt ohne Musik überstehen) nahm ich die Geräusche der Welt um mich herum auf, das Stimmengewirr, dann und wann ein paar zankende Fünftklässer, das Handy des Mädchens neben mir, ihr Telefonat- und dann das Ghetto.
Ich hörte das Ghetto zunächst, weil es über vier Menschen hinweg schrie:"Aldaaah, Jenny, mit wem telstn du?" und sich als direkte Reaktion auf die Antwort "Mitm Mirko" an eben jenen vier Menschen vorbeiquetschte, nicht ohne sich dabei lautstark zu beschweren,was ihnen denn einfiele, mitten auf dem Gang zu stehen, mit Jenny ans Telefon hängte und auf deren "Ja Mirko, das Ghetto hört mit, die will ja eh was von dir" sofort in den Coolnessmodus umschaltete .
"Ey du Wichsa, ich will frei voll garnich was von dir, man!"
Erstes Augenverdrehen bei den Zartbesaiteten und denen, die nicht regelmäßig Bus fahren.
"Ja, die schreit immer so". Jenny scheint sich etwas für das Ghetto zu schämen, seltsam.
Der ominöse Mirko sagt etwas, was ich aufgrund der Tatsache,dass er den anderen Teil des Telefonats neben mir darstellt,nicht verstehen kann, doch an der Reaktion des Ghettos kann ich ablesen, dass es wohl nichts gutes war: "Boah ey du Muschi! Ich geb dir. Pass auf ey, ich, ich,ich..gib mir deine Handynummer, ich schick dir 200 Spam-sms, pass bloß auf, du wichsa! das geht per, äh, sms-Provider, dann kriegste im,äh, 0,5-Sekundentakt sms. Na, wie is das, du Spast??"
Der cholerische Busfahrer scheint sich zu wünschen, das Personenzurückhalteschlaggerät in Basebalschlägerform auch als solchen benutzen zu können, Jenny wirkt etwas überlastet,weil Mirko bei ihr angerufen, aber das Ghetto das Gespräch übernommen hat.
"Mirko, gib mir ma space, ja?", bittet sie den anderen Menschen, wiederholt sich dann, "Gib mir ma kurz space, alter", und wendet sich dann ans Ghetto, das mit seinen ultracoolen Fluchtiraden die Zweiergruppe, die wohl den dazugehörigen Fanclub darstellte, zum peergroup-Kichern gebracht hatte, und ihr das Handy aus der Hand reißt, bevor sie etwas sagen kann.
"Ey altha, was labbersd (man denke es sich bitte so ausgesprochen, wie es dasteht) du eig für nen Scheiß ey, du blöder Spast. Ich fick deine Mudder, ey!"
Darauf habe ich gewartet.
Irgendwann geht das Handy an Jenny zurück, und das Ghetto fährt fort, der Peergroup-Kicherfront seine Coolness zu demonstrieren, natürlich so laut,dass es auch Mirko, der ja eigentlich nur mit der rechtmäßigen Besitzerin des Handys hatte telefonieren wollen, mitbekam:
"Ey ok, Cindy. Ich hatte was mitm Justin. Jaaaaaaaaah, passiert halt, da is aber danach nixmehr gelaufen".
Als ich noch in dem Alter war, bedeutete "da ist was gelaufen" noch, dass man händchenhaltend zum Dorfladen ging, sich dort Eis und eine Flasche Cola holte, er bezahlte und man den restlichen Tag händchenhaltend damit verbrachte, sein Eis zu essen, Cola zu trinken und die Füße in den Bach zu hängen.
Normal reden konnten wir meistens auch. Vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang...
"Boah Ghetto, du bist voll erwachsen", meint Cindys Sitznachbarin und schaut das Ghetto bewundernd an.
"Ja, ich bin halt meiner Zeit voraus. Voll intellent und reif, weißte?" Autsch, ich hätte nicht gedacht, dass "intellent" außerhalb semi-guter Witze noch existiert..
"Ja, voll ey". Einzig Jenny zeigt etwas Ironie und nur mittelstarken Ghettoslang während des ganzen Telefonats, das ihr zusehends durchs nonstop redende, oder eher schreiende, Ghetto erschwert wird. Ich will ihr sagen, der Mirko da, der scheint dich echt gern zu haben, wenn er immernoch verzweifelt versucht, mit dir zu reden und dich anscheinend immer wieder zum lachen bringt, lasse es aber, weil das Ghetto mich dann wohl töten würde, durch einen ultracoolen Blick, oder die Nieten an seinen Schuhen.
Tatsächlich trägt das Ghetto, bei dem es sich um ein geschätzt 12- bis maximal 14jähriges Mädchen handelte, turnschuhartiges, schwarzes Schuhwerk,das mit Spitznieten verziert war. Zusammen mit der am tiefsten durchhängenden Jeans-Haremshose, die meine gequälten Augen je erblickt haben, der zu engen und zu kurzen Lederjacke und einer Komposition aus sehr schlecht braun gefärbten Haaren und noch schlechter aufgetragenem Make Up schrie das ja förmlich nach Coolness.
Wäre sie nicht so ghettocool gewesen, hätte ich ihr vielleicht den Tipp gegeben, keine zu dunkle und orangelastige Kriegsbemalung als Grundierung aufzutragen und die Augenumrandung mit Kajal oder Eyeliner oder Lidschatten zu vollziehen, anstatt alle drei in jeweils 2cm-Breite aufzutragen und eine gute Prise Glitzer drüberzustreuen. Oder ihr angeboten, ihr die Haare zu färben, das kann ja am Anfang der Färbekarriere, wenn man sich sein Haarfärbmittel (Tönung wäre zu vernünftig und unerwachsen ) gekauft hat, obwohl Mutti nein gesagt hat, eine ziemlich aufregende Sache sein, und wenn man weder Talent, noch Erfahrung hat, danach einen Neuanstrich des Badezimmers nötig machen.
So konzentrierte ich mich darauf, meinen angespannten Geduldsfaden wieder zu lockern, während sie weiter ghettoisierte.
"Ja, ich hab schon nen krassen Style", erklärte sie gerade passenderweise Cindy, während sie dabei in Richtung des Handys schrie, "Der Pinguin da, an meiner Kette, den hab ich beim Drogeriemarkt beim Schmuck gekau-, äh, geklaut,jaaaa!".
"Alter, du klaust?" Die bewundernden Augen der Cindy-Nebensitzerin werden noch größer.
"Ja man, ich hab schon voll viel geklaut, ey; so Schmuck und Schminke und Kleidung undso! Das würdst du dich nicht trauen, ne?"
"Nee, würd ich nicht.." Arme Cindynebensitzerin. Aber pass auf, das wird noch.Wenn du dann beim Schmuck und der Schminke bist, macht das Ghetto bei den Kippen aus Papas Auto weiter.
"Tja." Triumph in der Stimme des Ghettos.
Als ich der alten Dame, die sich in der allerersten Sitzbank vorm Ghetto versteckt und partout geweigert hatte, jemand neben sich sitzen zu lassen, und ihrer Einkaufstasche aus dem Bus helfe, schreit sie mir ins Ohr:
"Ich bin zwar schwerhörig..."-Oh ja-das merke ich-, "..aber das da drinnen, das war ja nicht mehr normal! Da sieht man wieder, wie die Jugend ist, die haben alle keine Manieren mehr und denken nur an sich! Alles egoistische, respektlose, unfreundliche Nichtsnutze! Ich bin froh,dass ich meine Brille nicht aufhatte, die sehen ja meistens noch schlimmer aus, als sie sind!"
Ich verzichte darauf, ihr zu erklären,dass ich ein Teil der unfreundlichen, respektlosen, egoistischen Jugend ohne Manieren bin,manövriere sie in das Buswartehäuschen, erkläre ihr,dass sie nicht in den nächsten, sondern den übernächsten Bus einsteigen muss und mache mich dann auf den Heimweg.
Hintergrundmusik:Das heroische "die einsame Heldin"-Thema erklingt.
Es ist ein weiter Weg, und niemand begleitet mich, nicht einmal meine Musik, denn der Akku meines treuen Gefährten, des mp3-Players, ist leer, und so gehe ich diesen Weg alleine; alleine mit meinem gedankenschweren Verstand gehe einer ungewissen Zukunft entgegen.
Es lebt. Das Ghetto lebt. Ich habe es gesehen.
Mein Gott, ich habe das Ghetto gesehen.
edit:" Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer...."
Entschuldigung, aber das musste jetzt sein.
-------------
Für die, die es nicht wussten: das zweite Zitat stammt aus dieser Weg von Xavier Naidoo.
Und hat sich in meinen Kopf gedrängt, weil ich eine halbe Fußball-WM lang damit beschallt wurde, egal, wohin mich mein Weg führte.
Alles begann, als ich, leicht verwirrt, weil an der üblichen Haltestelle kein Bus in meine Richtung fuhr und der letzte Zug im wahrsten Sinne des Wortes bereits abgefahren war, von einem netten Mitkollegiaten den Hinweis bekam, der Bus mit der richtigen Aufschrift sei gerade an ihm vorbeigefahren, Richtung? "Vorwärts halt". Vielen Dank.
Das Schicksal hatte ein Einsehen, ich schaffte es noch,den Bus zu erreichen, allerdings nicht auf Anhieb, in den Bereich hinterm Personenzurückhalteschlaggerät (der integrierte Baseballschläger, der hinterm Fahrersitz festgeschraubt ist und Eintrittsbereich und Personentransportraum voneinander trennt) zu gelangen, doch nach ein paar amoklaufverdächtig-aggressiven Schreien des auf mich nicht nur leicht cholerisch wirkenden Busfahrers in Richtung der restlichen Insassen meisterte ich selbst dieses Hindernis, wollte mich zufrieden verkabeln, stellte anhand der Lautstärke aber nach nicht einmal einer Minute fest, dass der Akku meines treuen mp3-Players, dessen Display beinahe nichts mehr anzeigt, seitdem da mal jemand drauflag, wohl bald leer sein würde, was auch genau 20 Sekunden später der Fall war.
Und dann ging es bergab.
Sehr verstört (Wie sollte ich schließlich eine Fahrt ohne Musik überstehen) nahm ich die Geräusche der Welt um mich herum auf, das Stimmengewirr, dann und wann ein paar zankende Fünftklässer, das Handy des Mädchens neben mir, ihr Telefonat- und dann das Ghetto.
Ich hörte das Ghetto zunächst, weil es über vier Menschen hinweg schrie:"Aldaaah, Jenny, mit wem telstn du?" und sich als direkte Reaktion auf die Antwort "Mitm Mirko" an eben jenen vier Menschen vorbeiquetschte, nicht ohne sich dabei lautstark zu beschweren,was ihnen denn einfiele, mitten auf dem Gang zu stehen, mit Jenny ans Telefon hängte und auf deren "Ja Mirko, das Ghetto hört mit, die will ja eh was von dir" sofort in den Coolnessmodus umschaltete .
"Ey du Wichsa, ich will frei voll garnich was von dir, man!"
Erstes Augenverdrehen bei den Zartbesaiteten und denen, die nicht regelmäßig Bus fahren.
"Ja, die schreit immer so". Jenny scheint sich etwas für das Ghetto zu schämen, seltsam.
Der ominöse Mirko sagt etwas, was ich aufgrund der Tatsache,dass er den anderen Teil des Telefonats neben mir darstellt,nicht verstehen kann, doch an der Reaktion des Ghettos kann ich ablesen, dass es wohl nichts gutes war: "Boah ey du Muschi! Ich geb dir. Pass auf ey, ich, ich,ich..gib mir deine Handynummer, ich schick dir 200 Spam-sms, pass bloß auf, du wichsa! das geht per, äh, sms-Provider, dann kriegste im,äh, 0,5-Sekundentakt sms. Na, wie is das, du Spast??"
Der cholerische Busfahrer scheint sich zu wünschen, das Personenzurückhalteschlaggerät in Basebalschlägerform auch als solchen benutzen zu können, Jenny wirkt etwas überlastet,weil Mirko bei ihr angerufen, aber das Ghetto das Gespräch übernommen hat.
"Mirko, gib mir ma space, ja?", bittet sie den anderen Menschen, wiederholt sich dann, "Gib mir ma kurz space, alter", und wendet sich dann ans Ghetto, das mit seinen ultracoolen Fluchtiraden die Zweiergruppe, die wohl den dazugehörigen Fanclub darstellte, zum peergroup-Kichern gebracht hatte, und ihr das Handy aus der Hand reißt, bevor sie etwas sagen kann.
"Ey altha, was labbersd (man denke es sich bitte so ausgesprochen, wie es dasteht) du eig für nen Scheiß ey, du blöder Spast. Ich fick deine Mudder, ey!"
Darauf habe ich gewartet.
Irgendwann geht das Handy an Jenny zurück, und das Ghetto fährt fort, der Peergroup-Kicherfront seine Coolness zu demonstrieren, natürlich so laut,dass es auch Mirko, der ja eigentlich nur mit der rechtmäßigen Besitzerin des Handys hatte telefonieren wollen, mitbekam:
"Ey ok, Cindy. Ich hatte was mitm Justin. Jaaaaaaaaah, passiert halt, da is aber danach nixmehr gelaufen".
Als ich noch in dem Alter war, bedeutete "da ist was gelaufen" noch, dass man händchenhaltend zum Dorfladen ging, sich dort Eis und eine Flasche Cola holte, er bezahlte und man den restlichen Tag händchenhaltend damit verbrachte, sein Eis zu essen, Cola zu trinken und die Füße in den Bach zu hängen.
Normal reden konnten wir meistens auch. Vielleicht besteht da ja ein Zusammenhang...
"Boah Ghetto, du bist voll erwachsen", meint Cindys Sitznachbarin und schaut das Ghetto bewundernd an.
"Ja, ich bin halt meiner Zeit voraus. Voll intellent und reif, weißte?" Autsch, ich hätte nicht gedacht, dass "intellent" außerhalb semi-guter Witze noch existiert..
"Ja, voll ey". Einzig Jenny zeigt etwas Ironie und nur mittelstarken Ghettoslang während des ganzen Telefonats, das ihr zusehends durchs nonstop redende, oder eher schreiende, Ghetto erschwert wird. Ich will ihr sagen, der Mirko da, der scheint dich echt gern zu haben, wenn er immernoch verzweifelt versucht, mit dir zu reden und dich anscheinend immer wieder zum lachen bringt, lasse es aber, weil das Ghetto mich dann wohl töten würde, durch einen ultracoolen Blick, oder die Nieten an seinen Schuhen.
Tatsächlich trägt das Ghetto, bei dem es sich um ein geschätzt 12- bis maximal 14jähriges Mädchen handelte, turnschuhartiges, schwarzes Schuhwerk,das mit Spitznieten verziert war. Zusammen mit der am tiefsten durchhängenden Jeans-Haremshose, die meine gequälten Augen je erblickt haben, der zu engen und zu kurzen Lederjacke und einer Komposition aus sehr schlecht braun gefärbten Haaren und noch schlechter aufgetragenem Make Up schrie das ja förmlich nach Coolness.
Wäre sie nicht so ghettocool gewesen, hätte ich ihr vielleicht den Tipp gegeben, keine zu dunkle und orangelastige Kriegsbemalung als Grundierung aufzutragen und die Augenumrandung mit Kajal oder Eyeliner oder Lidschatten zu vollziehen, anstatt alle drei in jeweils 2cm-Breite aufzutragen und eine gute Prise Glitzer drüberzustreuen. Oder ihr angeboten, ihr die Haare zu färben, das kann ja am Anfang der Färbekarriere, wenn man sich sein Haarfärbmittel (Tönung wäre zu vernünftig und unerwachsen ) gekauft hat, obwohl Mutti nein gesagt hat, eine ziemlich aufregende Sache sein, und wenn man weder Talent, noch Erfahrung hat, danach einen Neuanstrich des Badezimmers nötig machen.
So konzentrierte ich mich darauf, meinen angespannten Geduldsfaden wieder zu lockern, während sie weiter ghettoisierte.
"Ja, ich hab schon nen krassen Style", erklärte sie gerade passenderweise Cindy, während sie dabei in Richtung des Handys schrie, "Der Pinguin da, an meiner Kette, den hab ich beim Drogeriemarkt beim Schmuck gekau-, äh, geklaut,jaaaa!".
"Alter, du klaust?" Die bewundernden Augen der Cindy-Nebensitzerin werden noch größer.
"Ja man, ich hab schon voll viel geklaut, ey; so Schmuck und Schminke und Kleidung undso! Das würdst du dich nicht trauen, ne?"
"Nee, würd ich nicht.." Arme Cindynebensitzerin. Aber pass auf, das wird noch.Wenn du dann beim Schmuck und der Schminke bist, macht das Ghetto bei den Kippen aus Papas Auto weiter.
"Tja." Triumph in der Stimme des Ghettos.
Als ich der alten Dame, die sich in der allerersten Sitzbank vorm Ghetto versteckt und partout geweigert hatte, jemand neben sich sitzen zu lassen, und ihrer Einkaufstasche aus dem Bus helfe, schreit sie mir ins Ohr:
"Ich bin zwar schwerhörig..."-Oh ja-das merke ich-, "..aber das da drinnen, das war ja nicht mehr normal! Da sieht man wieder, wie die Jugend ist, die haben alle keine Manieren mehr und denken nur an sich! Alles egoistische, respektlose, unfreundliche Nichtsnutze! Ich bin froh,dass ich meine Brille nicht aufhatte, die sehen ja meistens noch schlimmer aus, als sie sind!"
Ich verzichte darauf, ihr zu erklären,dass ich ein Teil der unfreundlichen, respektlosen, egoistischen Jugend ohne Manieren bin,manövriere sie in das Buswartehäuschen, erkläre ihr,dass sie nicht in den nächsten, sondern den übernächsten Bus einsteigen muss und mache mich dann auf den Heimweg.
Hintergrundmusik:Das heroische "die einsame Heldin"-Thema erklingt.
Es ist ein weiter Weg, und niemand begleitet mich, nicht einmal meine Musik, denn der Akku meines treuen Gefährten, des mp3-Players, ist leer, und so gehe ich diesen Weg alleine; alleine mit meinem gedankenschweren Verstand gehe einer ungewissen Zukunft entgegen.
Es lebt. Das Ghetto lebt. Ich habe es gesehen.
Mein Gott, ich habe das Ghetto gesehen.
edit:" Dieser Weg wird kein leichter sein, dieser Weg wird steinig und schwer...."
Entschuldigung, aber das musste jetzt sein.
-------------
Für die, die es nicht wussten: das zweite Zitat stammt aus dieser Weg von Xavier Naidoo.
Und hat sich in meinen Kopf gedrängt, weil ich eine halbe Fußball-WM lang damit beschallt wurde, egal, wohin mich mein Weg führte.
Thema: oh happy day.
..that are sinking to the ground...
Ich bin heute aufgestanden.
Nachdem mein Vater wieder in Feldwebelmanier und in tiefster, dunkelster Nacht gegen die Zimmertür getrommelt hatte , sodass ich schon fürchtete, gleich würde seine Faust durchbrechen, und sein "Aufstehen!" auf mich abgefeuert hatte, bin ich ins Bad gegangen, habe mich wieder hingelegt, als er und die Vatersfreundin weg waren, und bin 3h später richtig aufgestanden.
Es klingt für normale Menschen wohl unbegreiflich, aber für mich war das eine Leistung, das aufstehen ohne einen Zwang von außen. Und dann, dann habe ich sogar das Bad geputzt und die Spülmaschine angemacht und mich um meine Wäsche gekümmert. Richtig motiviert, für meine Verhältnisse, an den meisten Tagen bin ich froh,wenn ich es schaffe, aufzustehen, weil da das graue Etwas meinen kompletten Verstand und mein Herz gleich mit einnimmt. Das tat es heute auch, aber ich bin aufgestanden und habe was gemacht.
Die Vatersfreundin hat in einer der endlosen Streitrunden, die wir zu dritt führen, wenn sie da ist, mal gesagt, dass das gut ist,kleine Schritte, und ok ist. In kleinen Schritten was machen.
Für mich waren die kleinen Schritte heute ziemlich groß, besonders,wenn man sie mit den Tagen davor vergleicht, könnte ich das so einfach, stolz auf mich sein, dann wäre ich es heute ein bisschen gewesen.
Dieses Gefühl hielt genau so lange an, bis sie wieder heimkamen, mein Vater und seine Freundin.
Schwiegen mich eine Viertelstunde an, bis sie ein "Was hast du heute eigentlich gemacht?" auf mich abfeuerte und es daraufhin wieder los ging. Die ganze Diskussion, die übliche Abendgestaltung. Das Übliche: Sie sagt, es kann so nicht weitergehen, mein Vater sagt nichts, bis ich etwas sage. Wenn ich dann spreche, unterbricht er mich, sagt, dass das keinen Sinn hat alles, dass reden nichts, aber auch garnichts bringt und ich gefälligst meine Klappe halten und einfach machen soll.
Heute, da hat er gesagt, ich würde ihn und seine Freundin erpressen. Erpressen würde ich sie, weil ich nichts machen würde.
Ich habe ihn angeschaut und gefragt, wieso erpressen. Gesagt, erpressen ist, wenn ich was böses mache, um etwas zu bekommen, was ich will.
Er hat gesagt, ich soll meine Klappe halten, ich würde sie erpressen.
Wieder hab ich versucht, es zu erklären,dass ich sie nicht erpressen will, und dann hat er gelacht.
Das Lachen ist immer das Schlimmste; allen Hass und alle Aggression, die er empfinden muss, wenn er mich sieht, steckt er in dieses Lachen, nichtmal die USA würden es als Foltermethode nutzen,das Lachen, so schlimm ist das.
Er hat wieder gelacht, das böse lachen, und dann ist er rausgegangen, hat vorher noch gesagt, ich hätte mich dumm studiert, und dann war er draußen. Dabei studiere ich doch noch garnicht.
Siehst du, habe ich zur Vatersfreundin gesagt, leicht stockend, weil ich wieder mal sehr nah am Heulen war, Siehst du, und deswegen habe ich dir gesagt, dass es nichts bringt.
Ich habe ihr gesagt, dass diese Gesprächsrunden, in der erst alle Beteiligten auf mir herumhacken und sie dann versucht, uns zum Lösungsfinden zu motivieren und alle Vorschläge ablehnt, um danach auf heile Welt zu machen, dass die nichts bringen; und dass die Lösung ist, dass ich meine Zeit noch absitze, mit 18 ausziehe, hoffentlich eine Arbeit finde und das Jahr bis zum Abitur und eben dieses in einer netten Plattenbauwohnung alleine mit der Katze absitze.
Sie hat gesagt, das ist Wegrennen.
Kann sein, meinte ich. Kann sein,dass das Wegrennen ist, aber alles andere geht nicht, Coexistenz schon lange nicht mehr und jeden Tag geht es weiter kaputt und ich gleich mit.
Sie hat wieder angefangen, genau so wie er hat sie angefangen, ich müsse doch einfach nur was machen.
Da habe ich gemerkt,dass auch sie es nicht verstanden hat, und versucht, mich geistig auszuklinken.
Einfach über der Sache schweben, auch, als mein Großvater begeistert angefangen hat, aufzuzählen,was er heute alles im Haushalt gemacht hat, habe ich mich weiter darauf konzentriert, über der Sache zu schweben und das klappte ganz gut, aber als mein Vater wiederkam und sagte, es hat keinen Sinn, das alles, weil ich sie erpressen würde, nichts mache und immer im Kreis rede, als er mich nicht hat ausreden lassen, als ich meinte, ich wiederhole mich nur deshalb, weil du mich nie zu Ende sprechen lässt, geschweige denn, darüber nachdenkst,was ich sage, als er wieder alles an Hass, was er in sich finden konnte, losgeschleudert hat auf mich, da hat er mich erwischt.
Und ich konnte mich hinter meinem Haar verstecken und die Augen schließen, aber nicht mehr über der Sache schweben.
Die Vatersfreundin versuchte wieder, Gespräche zu erzwingen, sagte, sie gehe jetzt rauchen und wenn sie wiederkommt, will sie ein Ergebnis hören und derartiges.
Mein Vater saß auf seinem Stuhl und begann, die Zeitung zu lesen.
Einfach so, saß einfach da, dieser kaputtgearbeitete, gealterte Mann, der mein Vater sein soll, und hat seine Zeitung gelesen.
Ich habe zwei Minuten lang versucht, etwas zu sagen, aber schon beim Versuch schossen mir die verdammten Tränen in die Augen, deshalb habe ich es jedes Mal wieder gelassen und nochmal neu angefangen, bis ich es dann sagen konnte.
Dass ich glaube,dass er auch nicht klarkommt mit allem,was war, aber er immernoch verdrängt; und dass er genauso wenig über Gefühle und Probleme reden kann wie ich, aber das wichtig ist; und es schwierig für mich ist, ich habe mich ja nicht einmal getraut, ihn zu fragen, wie es ihm geht, als der Todestag seiner Mutter war,geschweige denn, ihn zu umarmen oder sowas.
Er hat nur umgeblättert und weiter Zeitung gelesen.
Und ich saß so da, in der üblichen Diskussionsrunde, ich hatte meinem Großvater ein leises "nicht jetzt, bitte" entgegen gesetzt, als er, mitten im Gespräch, wieder anfing mit seinem Gerede, aber das "nicht jetzt, bitte", das für mich eine so riesengroße Leistung darstellte, das hat er einfach überhört und die Vatersfreundin gefragt, wann sie ihr Auto gekauft hat, und ob es ein Gebrauchtwagen ist oder ein neuer.
So ging es mal wieder den halben Abend, mein Vater schweigend oder verletzend, sie in ihrem verzweifelten "Ja aber so geht das doch nicht!", nicht richtig auf meiner Seite, aber auch nicht neutral, sondern logischerweise eher hinter ihm stehend, und ich arbeitete mich von wenig sagen hin zu "nichts mehr sagen" und versuchte, auf der Stelle zu verschwinden. Leider löst man sich nicht einfach so in Luft auf, also habe ich dann irgendwann doch geweint,auf meine zurückhaltende Art und Weise, ihm ist das egal, er sagt, ich solle mir das Geflenne sparen, sie sagt, wir drehen uns im Kreis, mein Großvater sagt, er hat heute auch gestaubsaugt.
Dabei bin ich heute aufgestanden.
Kleine Schritte machen, hat sie gesagt. Hat sie gesagt, und ich dachte, sie meint das ernst, und ich dachte, ich hätte heute ausnahmsweise etwas auf die Reihe bekommen, auch,wenn es für mich viel mehr war als für sie und für ihn, aber wir haben doch letztes Mal gesagt, dass das in Ordnung ist.
Und ich habe gedacht, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, und dass es mir eventuell nicht ganz gut geht, wegen dem grauen Etwas, dass sie es akzeptieren und eine Sekunde lang sogar, dass sie es verstehen, ansatzweise.
Ich sollte aufhören, in Menschen menschliches sehen zu wollen.
Dieses menschliche, was ich gerne sehen würde, vielleicht gibt es das ja gar nicht.
Vielleicht sind ja alle so, wenn man lange genug mit ihnen zu tun hat. Bis jetzt war es jedes Mal so. Menschen verlieren ihr menschliches, wenn man lange genug mit ihnen zu tun hat.
Vielleicht liegt es ja an mir.
Mein Vater sagt, es liegt an mir, ich habe sie so werden lassen. Hat er gesagt, als wir mal zu zweit gestritten haben.
Wie immer wurde die heutige Diskussion mit einem "und jetzt machen wir alle alles anders", das mir bestätigte, dass ich es wieder nicht geschafft hatte, oder sie es nicht verstehen wollten oder konnten, beendet, und als ich den Müll rausbrachte und sie rauchte, habe ich versucht, der Vatersfreundin das graue Etwas zu erklären.
Habe gesagt, Vatersfreundin, ich fand das verletzend heute, das "Was hast du den ganzen Tag gemacht?". Dass es schon eine Leistung war, aufzustehen,weil ich nicht weiß,wofür das alles.
Weiter durfte ich nicht reden, ein "Spinnst du?!?" hat sie ausgerufen, ein richtig lautes, richtig böses, und mir gesagt, ich hätte doch einen Schlag, wenn ich nicht weiß, wofür ich morgens aufstehe und wofür ich vor mich hin lebe.
Gäbe so viel wichtiges im Leben. Ich würde doch spinnen.
Danke fürs Michnichtausredenlassen, hab ich gesagt,als sie fertig war. Ganz leise, weil ich mich wieder vom Weinen abhalten musste, wie immer. Ich habe es schon mal geschrieben, ich bin nicht nahe am Wasser gebaut, sondern mitten im Fluss.
Ja, dann rede halt. Wieder dieser aggressive Ton.
Ich solle doch einfach reden.
Sagt sie, die kurz zuvor gesagt hat, ich soll aufhören, zu reden. Einfach machen.
Als ich das erwähne, gibt sie wieder einen genervt-pseudoverzweifelten Seufzlaut von sich.
Ich versuche es trotzdem, und kann nicht ausmachen,ob sie es versteht oder nicht.
Aber als ich die Wohnung wieder betrete, als letzte, weil ich vorher überlegt hatte, einfach wegzugehen, zu laufen, wohin meine Füße mich führen, sitzen sie wieder da, im Wohnzimmer, auf dem Sofa, jeder sein Glas Wein vor sich, am Telefon lachen sie, dann, als der Anrufer aufgelegt hat, auch wieder das übliche Totschweigen, wie immer nach einer Diskussionsrunde, und Großvater Mayhem sitzt auf einem Extrastuhl und fängt an, Belang- und Zusammenhangsloses zu reden. Wie immer.
Scheint vergessen zu haben, wie mein Vater, sein Sohn, ihn angeschrien hat, und als sie mich sieht, fragt die Vatersfreundin in neutral-freundlich, ob ich die Fernsehzeitung gesehen hätte und einen Tee wolle.
As I'm falling into the deep.
Ich bin heute aufgestanden.
Nachdem mein Vater wieder in Feldwebelmanier und in tiefster, dunkelster Nacht gegen die Zimmertür getrommelt hatte , sodass ich schon fürchtete, gleich würde seine Faust durchbrechen, und sein "Aufstehen!" auf mich abgefeuert hatte, bin ich ins Bad gegangen, habe mich wieder hingelegt, als er und die Vatersfreundin weg waren, und bin 3h später richtig aufgestanden.
Es klingt für normale Menschen wohl unbegreiflich, aber für mich war das eine Leistung, das aufstehen ohne einen Zwang von außen. Und dann, dann habe ich sogar das Bad geputzt und die Spülmaschine angemacht und mich um meine Wäsche gekümmert. Richtig motiviert, für meine Verhältnisse, an den meisten Tagen bin ich froh,wenn ich es schaffe, aufzustehen, weil da das graue Etwas meinen kompletten Verstand und mein Herz gleich mit einnimmt. Das tat es heute auch, aber ich bin aufgestanden und habe was gemacht.
Die Vatersfreundin hat in einer der endlosen Streitrunden, die wir zu dritt führen, wenn sie da ist, mal gesagt, dass das gut ist,kleine Schritte, und ok ist. In kleinen Schritten was machen.
Für mich waren die kleinen Schritte heute ziemlich groß, besonders,wenn man sie mit den Tagen davor vergleicht, könnte ich das so einfach, stolz auf mich sein, dann wäre ich es heute ein bisschen gewesen.
Dieses Gefühl hielt genau so lange an, bis sie wieder heimkamen, mein Vater und seine Freundin.
Schwiegen mich eine Viertelstunde an, bis sie ein "Was hast du heute eigentlich gemacht?" auf mich abfeuerte und es daraufhin wieder los ging. Die ganze Diskussion, die übliche Abendgestaltung. Das Übliche: Sie sagt, es kann so nicht weitergehen, mein Vater sagt nichts, bis ich etwas sage. Wenn ich dann spreche, unterbricht er mich, sagt, dass das keinen Sinn hat alles, dass reden nichts, aber auch garnichts bringt und ich gefälligst meine Klappe halten und einfach machen soll.
Heute, da hat er gesagt, ich würde ihn und seine Freundin erpressen. Erpressen würde ich sie, weil ich nichts machen würde.
Ich habe ihn angeschaut und gefragt, wieso erpressen. Gesagt, erpressen ist, wenn ich was böses mache, um etwas zu bekommen, was ich will.
Er hat gesagt, ich soll meine Klappe halten, ich würde sie erpressen.
Wieder hab ich versucht, es zu erklären,dass ich sie nicht erpressen will, und dann hat er gelacht.
Das Lachen ist immer das Schlimmste; allen Hass und alle Aggression, die er empfinden muss, wenn er mich sieht, steckt er in dieses Lachen, nichtmal die USA würden es als Foltermethode nutzen,das Lachen, so schlimm ist das.
Er hat wieder gelacht, das böse lachen, und dann ist er rausgegangen, hat vorher noch gesagt, ich hätte mich dumm studiert, und dann war er draußen. Dabei studiere ich doch noch garnicht.
Siehst du, habe ich zur Vatersfreundin gesagt, leicht stockend, weil ich wieder mal sehr nah am Heulen war, Siehst du, und deswegen habe ich dir gesagt, dass es nichts bringt.
Ich habe ihr gesagt, dass diese Gesprächsrunden, in der erst alle Beteiligten auf mir herumhacken und sie dann versucht, uns zum Lösungsfinden zu motivieren und alle Vorschläge ablehnt, um danach auf heile Welt zu machen, dass die nichts bringen; und dass die Lösung ist, dass ich meine Zeit noch absitze, mit 18 ausziehe, hoffentlich eine Arbeit finde und das Jahr bis zum Abitur und eben dieses in einer netten Plattenbauwohnung alleine mit der Katze absitze.
Sie hat gesagt, das ist Wegrennen.
Kann sein, meinte ich. Kann sein,dass das Wegrennen ist, aber alles andere geht nicht, Coexistenz schon lange nicht mehr und jeden Tag geht es weiter kaputt und ich gleich mit.
Sie hat wieder angefangen, genau so wie er hat sie angefangen, ich müsse doch einfach nur was machen.
Da habe ich gemerkt,dass auch sie es nicht verstanden hat, und versucht, mich geistig auszuklinken.
Einfach über der Sache schweben, auch, als mein Großvater begeistert angefangen hat, aufzuzählen,was er heute alles im Haushalt gemacht hat, habe ich mich weiter darauf konzentriert, über der Sache zu schweben und das klappte ganz gut, aber als mein Vater wiederkam und sagte, es hat keinen Sinn, das alles, weil ich sie erpressen würde, nichts mache und immer im Kreis rede, als er mich nicht hat ausreden lassen, als ich meinte, ich wiederhole mich nur deshalb, weil du mich nie zu Ende sprechen lässt, geschweige denn, darüber nachdenkst,was ich sage, als er wieder alles an Hass, was er in sich finden konnte, losgeschleudert hat auf mich, da hat er mich erwischt.
Und ich konnte mich hinter meinem Haar verstecken und die Augen schließen, aber nicht mehr über der Sache schweben.
Die Vatersfreundin versuchte wieder, Gespräche zu erzwingen, sagte, sie gehe jetzt rauchen und wenn sie wiederkommt, will sie ein Ergebnis hören und derartiges.
Mein Vater saß auf seinem Stuhl und begann, die Zeitung zu lesen.
Einfach so, saß einfach da, dieser kaputtgearbeitete, gealterte Mann, der mein Vater sein soll, und hat seine Zeitung gelesen.
Ich habe zwei Minuten lang versucht, etwas zu sagen, aber schon beim Versuch schossen mir die verdammten Tränen in die Augen, deshalb habe ich es jedes Mal wieder gelassen und nochmal neu angefangen, bis ich es dann sagen konnte.
Dass ich glaube,dass er auch nicht klarkommt mit allem,was war, aber er immernoch verdrängt; und dass er genauso wenig über Gefühle und Probleme reden kann wie ich, aber das wichtig ist; und es schwierig für mich ist, ich habe mich ja nicht einmal getraut, ihn zu fragen, wie es ihm geht, als der Todestag seiner Mutter war,geschweige denn, ihn zu umarmen oder sowas.
Er hat nur umgeblättert und weiter Zeitung gelesen.
Und ich saß so da, in der üblichen Diskussionsrunde, ich hatte meinem Großvater ein leises "nicht jetzt, bitte" entgegen gesetzt, als er, mitten im Gespräch, wieder anfing mit seinem Gerede, aber das "nicht jetzt, bitte", das für mich eine so riesengroße Leistung darstellte, das hat er einfach überhört und die Vatersfreundin gefragt, wann sie ihr Auto gekauft hat, und ob es ein Gebrauchtwagen ist oder ein neuer.
So ging es mal wieder den halben Abend, mein Vater schweigend oder verletzend, sie in ihrem verzweifelten "Ja aber so geht das doch nicht!", nicht richtig auf meiner Seite, aber auch nicht neutral, sondern logischerweise eher hinter ihm stehend, und ich arbeitete mich von wenig sagen hin zu "nichts mehr sagen" und versuchte, auf der Stelle zu verschwinden. Leider löst man sich nicht einfach so in Luft auf, also habe ich dann irgendwann doch geweint,auf meine zurückhaltende Art und Weise, ihm ist das egal, er sagt, ich solle mir das Geflenne sparen, sie sagt, wir drehen uns im Kreis, mein Großvater sagt, er hat heute auch gestaubsaugt.
Dabei bin ich heute aufgestanden.
Kleine Schritte machen, hat sie gesagt. Hat sie gesagt, und ich dachte, sie meint das ernst, und ich dachte, ich hätte heute ausnahmsweise etwas auf die Reihe bekommen, auch,wenn es für mich viel mehr war als für sie und für ihn, aber wir haben doch letztes Mal gesagt, dass das in Ordnung ist.
Und ich habe gedacht, dass es in Ordnung ist, wie ich bin, und dass es mir eventuell nicht ganz gut geht, wegen dem grauen Etwas, dass sie es akzeptieren und eine Sekunde lang sogar, dass sie es verstehen, ansatzweise.
Ich sollte aufhören, in Menschen menschliches sehen zu wollen.
Dieses menschliche, was ich gerne sehen würde, vielleicht gibt es das ja gar nicht.
Vielleicht sind ja alle so, wenn man lange genug mit ihnen zu tun hat. Bis jetzt war es jedes Mal so. Menschen verlieren ihr menschliches, wenn man lange genug mit ihnen zu tun hat.
Vielleicht liegt es ja an mir.
Mein Vater sagt, es liegt an mir, ich habe sie so werden lassen. Hat er gesagt, als wir mal zu zweit gestritten haben.
Wie immer wurde die heutige Diskussion mit einem "und jetzt machen wir alle alles anders", das mir bestätigte, dass ich es wieder nicht geschafft hatte, oder sie es nicht verstehen wollten oder konnten, beendet, und als ich den Müll rausbrachte und sie rauchte, habe ich versucht, der Vatersfreundin das graue Etwas zu erklären.
Habe gesagt, Vatersfreundin, ich fand das verletzend heute, das "Was hast du den ganzen Tag gemacht?". Dass es schon eine Leistung war, aufzustehen,weil ich nicht weiß,wofür das alles.
Weiter durfte ich nicht reden, ein "Spinnst du?!?" hat sie ausgerufen, ein richtig lautes, richtig böses, und mir gesagt, ich hätte doch einen Schlag, wenn ich nicht weiß, wofür ich morgens aufstehe und wofür ich vor mich hin lebe.
Gäbe so viel wichtiges im Leben. Ich würde doch spinnen.
Danke fürs Michnichtausredenlassen, hab ich gesagt,als sie fertig war. Ganz leise, weil ich mich wieder vom Weinen abhalten musste, wie immer. Ich habe es schon mal geschrieben, ich bin nicht nahe am Wasser gebaut, sondern mitten im Fluss.
Ja, dann rede halt. Wieder dieser aggressive Ton.
Ich solle doch einfach reden.
Sagt sie, die kurz zuvor gesagt hat, ich soll aufhören, zu reden. Einfach machen.
Als ich das erwähne, gibt sie wieder einen genervt-pseudoverzweifelten Seufzlaut von sich.
Ich versuche es trotzdem, und kann nicht ausmachen,ob sie es versteht oder nicht.
Aber als ich die Wohnung wieder betrete, als letzte, weil ich vorher überlegt hatte, einfach wegzugehen, zu laufen, wohin meine Füße mich führen, sitzen sie wieder da, im Wohnzimmer, auf dem Sofa, jeder sein Glas Wein vor sich, am Telefon lachen sie, dann, als der Anrufer aufgelegt hat, auch wieder das übliche Totschweigen, wie immer nach einer Diskussionsrunde, und Großvater Mayhem sitzt auf einem Extrastuhl und fängt an, Belang- und Zusammenhangsloses zu reden. Wie immer.
Scheint vergessen zu haben, wie mein Vater, sein Sohn, ihn angeschrien hat, und als sie mich sieht, fragt die Vatersfreundin in neutral-freundlich, ob ich die Fernsehzeitung gesehen hätte und einen Tee wolle.
As I'm falling into the deep.
