Mittwoch, 9. Mai 2012
"Wir fahren".
Wenig später, wir sind da, und Papa Mayhem kann sich nur unzureichend hinter Grimmigkeit und Perfektionismus verstecken, ich weiß, wie es in ihm aussieht.
Intensivstation.
Ein Mann hat bereits geklingelt, schön, wenn Sie das schon gemacht haben, müssen wir ja nicht, smalltalkt Papa Mayhem gezwungen locker, und ich möchte ihn in den Arm nehmen und sagen, die Welt kann manchmal furchtbar grausam sein.
Krankenhausflur.
Er grüßt Angestellte, Angestellte grüßen zurück, wir laufen vorbei an verkabelten Menschen, die schlafend oder im künstlichen Koma, vielleicht auch im richtigen, in ihrem Bett liegen und weißer als leichenblass sind, verkabelten Menschen, die fernsehen, verkabelten Menschen, die Schach spielen und unverkabelten Menschen, die ihre Infusion in einer dieser Metallhutständer für Infusionsbeutel mit sich spazieren führen.

Opa Mayhem führt nichts spazieren.
Eine bürostuhlähnliche Konstruktion mit Tischplatte und einem Gurt hält ihn im Sitzen fest, von ihm weg führen mehr Schläuche und Kabel als von den Schach- und den Spaziergehmenschen auf einmal, und das EKG zeigt Kurven, die nicht besonders erbaulich wirken.
"Vater, ich bin wieder da. Mayhem auch", begrüßt ihn Papa Mayhem.
"Hmjajaah.." Er sieht nicht auf, die ganzen drei Stunden wird er nur sehr selten aufsehen, meistens sind seine Augen fast geschlossen und er hängt mit dem Kopf fast auf der Tischplatte, die Arme verschränkt oder die Hände gefaltet.
"Haben sie dir schon etwas zu Essen gebracht?"
-"Hmjajaah...:"
"Weißt du, wo du deine Patientenverfügung hingetan hast? Die brauchen wir."
-"Hmjajaah..."
"Wohin?"
-"Hmjajaah...."

Er sieht beinahe tot aus.
Niemand hatte sich die Mühe gemacht, das, was sonst ordentlich drapiert über den kreisrunden Haarausfall gekämmt wurde, in Form zu bringen, irgendjemand hatte ihn in einen Jogginganzug gesteckt und kümmerte sich, der Schmutzwäsche im Schrank nach zu urteilen, darum, dass seine Kleidung regelmäßig gewechselt wurde.
"Wir haben dir frische Kleidung mitgebracht, Vater."
"Jaja,jaja..."
Sein Blick ist schlimmer. Das, was man nicht sofort sieht.
Hängt da in seinem Stuhl, starrt auf den Boden, atmet entweder schwer oder fast garnicht.
Will uns zwischendurch etwas sagen, vergisst aber bereits am Anfang, wie sein Satz enden soll.
Schafft es nicht, die Worte auszusprechen, und so kommt außer Bestätigungsworten oder einem unwilligen Knurren meistens nur Buchstabenbrei.
Wir bemühen uns trotzdem, ihn zu verstehen.
Zeit lassen solle er sich, sagt mein Vater und legt seinem Vater die Hand auf die Schulter, während dieser verzweifelt versucht, sich zu erinnern, was er hatte fragen wollen.
Wir erfahren es nicht mehr.
Zwischendurch versucht er, sich hochzudrücken aus seinem Stuhl. Aufstehen müsse er, aufstehen.
Vater, du musst nicht aufstehen.
Doch, zur Toilette.
Vater, du musst nicht aufstehen dafür, sie haben dir einen Beutel angeschlossen.
Er muss aufstehen.
Warum?
Zur Toilette.
Aber er muss doch nicht, es ist doch alles geregelt.
Lässt sich in seinen Stuhl zurückfallen und verschränkt die Hände.

Seine Augen öffnet er nur, wenn eine Krankenschwester hereinkommt, so auch, als sein Essen gebracht wird.
Ob er alleine essen kann, fragt mein Vater.
"Jaja..."
Als er, immernoch mit fast geschlossenen Augen, mit den Fingern auf seinen belegten Broten herumdrückt, schiebt mein Vater seine Hand vorsichtig weg und schneidet kleinere Stücke.
Erster Versuch. Vater, ich habe sie dir kleiner geschnitten, jetzt kannst du sie leichter essen.
Er zieht den Belag runter, versucht, ihn zu essen, nimmt das Brotstückchen und will es auch kauen.
Essenbrocken fallen auf den Latz, den ihm eine Schwester angelegt hat.
Warte Vater, ich mache das schon.
Die nächsten zwanzig Minuten verbringt Papa Mayhem mit Wurst- und Käsebrote kleinschneiden und Opa Mayhem füttern.
Vater, ich mache das schon.
Trotzdem führt er immer wieder seine leere Hand in Richtung Mund und versucht, daraus zu essen.
Immer wieder ein "Vater, da habe ich dein Essen. Ich mache das schon", immer wieder wandert seine leere Hand zum Mund, oder zumindest vage in die Richtung; manchmal berühren seine gespitzen Finger auch seine Nase oder seine Stirn.
Vater, trink auch mal zwischenrein, dann bekommst du das leichter runter.
Jaja..
Da sitzt Papa Mayhem und füttert seinen Vater, weist ihn immer wieder darauf hin, dass er kein Essen in der Hand hält, und anfangs sagt er ihm auch, er solle die Augen auflassen.
Seine Lider bleiben fast geschlossen und nach dem dritten Versuch gibt mein Vater auf.
Zwischendurch verdünne ich den Tee, löslichen Zuckerwassertee haben sie ihm zum Essen gebracht, urinfarben und viel zu heiß, ein Tropfen, der daneben geht, lässt selbst Papa Mayhems Hand zurückzucken.
Ich verdünne den Tee mit Wasser in einer Kinderplastiktasse, so eine mit einem Trinknoppen dran, die man zusammen mit dem Rest und einer Tablette gebracht hat.
Herzrhythmusstörungen.
Da sind noch die Herzrhythmusstörungen, Papa Mayhem, sich festhaltend an Normalität und Sachlichkeit, hatte vorhin seinen Zollstock, den er, weil wir sofort, als ich von der Schule und er von der Arbeit heimgekommen war, losgefahren sind, entfaltet und mit der Spitze auf die Kurve gedeutet, die das zeigt.
Ich weiß, welche Kurve das ist, Papa. Und dass das Herzrhythmusstörungen sind.
-Ichmussaufstehn...
Nein, Vater, du musst nicht aufstehen. Der Beutel ist da, du kannst einfach laufen lassen.
-Ichmussaufstehn!
Vater...
Papa Mayhem fährt sich mit der Hand übers Gesicht, in der Sekunde, in der er nicht wieder aufschaut, hätte ich ihm gerne eine Hand auf die Schulter gelegt. Irgendwas, um ihm zu sagen, dass ich weiß, dass Normalität, Sachlichkeit und Ordnung ihn nicht mehr halten, weil die Normalität nicht mehr da ist und man nicht sachlich bleiben kann, wenn die Rollen sich umgedreht haben und der, der früher für einen gesorgt hat, jetzt versorgt werden muss.
Eine Sekunde später hält er Opa Mayhem von einem weiteren Ausbruchsversuch ab.
Da schau, jetzt läuft die Brühe. Seine Stimme ist leise und seine Sprache undeutlich, aber mit Anstrengung kann man verstehen, was er sagt.
Vater, du hast den Beutel!
Ihr könnt alle abhauen, ihr wollt mir nicht helfen!
Sein Unwillen, seine Sturheit, sein Unverständnis.
Sein Unvermögen.
Ich fülle Wasser auf und bin da. Kann nicht mehr als da sein.
Da sein, es sehen und fassungslos verloren gehen.

Papa Mayhem versucht weiter, mit ihm zu reden, und ich gelegentlich auch; dann, wenn ich reden kann, oder wenn er versucht hat, mich etwas zu fragen.
Lass dir Zeit beim Nachdenken, Opa Mayhem.
Immer wieder, lass dir Zeit, wenn er vergessen hat, was er sagen wollte, oder wenn er so undeutlich gesprochen hat, dass wir es nicht verstanden haben.
Wortmatsch.

Seine Hand ist dunkelviolett-schwarz verfärbt, ich frage mich, was die Krankenschwester getan hat, als sie ihm Blut abgezapft hat.
Mein Vater fragt den Arzt, was sie in der Zeit seit seinem letzten Besuch getan haben.
"Gehen wir lieber raus", sagt der Arzt, und sie lassen mich mit Opa Mayhem und seinem Neue Post lesenden und Kreuworträtsel lösenden Zimmerkollegen alleine.
Ich..muss...aufstehen!
Nein,Opa Mayhem.. Lege meine Hand vorsichtig auf seine schwarzviolette. Jetzt im Moment brauchst du nicht aufstehen.
Versuche, ihm in die Augen zu sehen. Sie bleiben geschlossen.
Opa, es ist gerade wirklich nicht schön, aber du kannst jetzt auch nicht aufstehen.. schau, wenn du musst, dann ist der Beutel jetzt da, und wenn du noch was brauchst, dann sagst du es mir, ja?
Jaja...
Der Zimmernachbar schaut mich böse an, weil ich so laut rede.
Ich muss laut reden, du blödes Arschloch, weil mein Opa nicht nur verschlaganfallt, sondern auch schwerhörig ist, will ich rüberschreien,lasse es aber, denn wenn ich schreie, hört mich auch mein Großvater, und der fände es bestimmt nicht toll, das mitzubekommen.
Also ignoriere ich den Zimmernachbarn und versuche, Opa Mayhem von weiteren Ausbruchsversuchen abzuhalten.
Wir schweigen uns an, dann wieder ein kurzer Redeintervall, den wir aber bald aufgeben, weil es nichts zu bereden gibt.
Ich passe auch auf, dass die Haustür immer abgeschlossen ist, Opa. Und die Rolläden herunten, und das niemand was aus dem Garten klaut.
-Jaja.. So machsusrich... kriegst dann dein Geld.
Welches Geld,Opa?
Wieder Wortmatsch.
Opa, du brauchst mir kein Geld geben.
-Jaja,kriegst dann dein Geld..
Diesmal versucht er, den Gurt, der ihn an den Stuhl schnallt, zu lösen.
Ich tue so,als hätte ich nichts gemerkt, und frage ihn, was er da macht.
Schduhl....Schdulverstelln.
Da warten wir lieber, bis Papa wieder da ist, ok, Opa Mayhem?
-Jaja...
Eine Minute später wieder die Anordnung, ich solle die verschraubte Tischplatte wegmachen, damit er aufstehen könne.
Ach, Opa Mayhem...

Nach gefühlten Stunden kommt mein Vater wieder, im Schlepptau den Arzt.
Der hat ihm erzählt, dass er gleich selbst dableiben kann, sein anderer Arm, der, der noch nicht operiert wurde, sei mindestens genauso schlimm dran wie der bereits gerichtete es war.
Papa Mayhem erwähnt es in möglichst alltäglichem Tonfall.
Papa, da ist kein Alltag und keine Routine, an dem oder an der du dich festhalten kannst.
Die Routine endet hier.

Er hat das Medikament nicht vertragen, man hatte es allerdings nicht für nötig gehalten, ein Gegenmittel zu verabreichen.
So alt, wie der schon ist,lohnt sich das doch eh nicht mehr, argumentiert die junge Krankenschwester mit der Dickrandbrille.
Papa Mayhem schaut sie auf aufgerissenen Augen an und krallt sich mit den Händen in das Krankenbett, auf dem er neben Opa Mayhems Stuhl sitzt.
"Sie Unmensch."
Bin aufgestanden und habe es ihr ins Gesicht gesagt, mit zusammengekniffenen Augen, damit sie nicht sieht, dass ich fast am Heulen bin.
Eine gefühlte Ewigkeit starren wir uns an, Papa Mayhem starrt uns an und auch der Oberarzt scheint etwas verwirrt.
Opa Mayhem hält seine Augen weiter fast geschlossen, erst, als der Arzt mir einen "Setz dich hin, dummes Kind"-Blick angedeihen lässt und anschließend mit seiner Bestandsaufnahme fortfährt, sieht er kurz auf, zur Krankenschwester.
Die fuhrwerkt hinter ihm herum, während ich erneut versuche, ihn zu beruhigen.
Opa Mayhem,ich weiß,dass du aufstehen willst.. aber es geht jetzt nicht. Das ist ja nicht für immer, das ändert sich auch bald wieder, aber jetzt am Anfang muss es so sein, und solange hast du den Beutel, wenn du musst, und Essen wird hergebracht. Zeitungen hat mein Onkel dir auch mitgebracht, wenn du lesen möchtest, und wir kommen dich auf jeden Fall weiter besuchen.
Es tut weh.
-Ach, ihr sollt alle weg, ich will euch nicht sehen..
Schweigen.
Der Arzt füllt einen Zettel aus.
-Können wir jetzt gehen?
Vater, das lassen wir lieber, sagt Papa Mayhem und legt ihm wieder eine Hand auf die Schulter.
-Ich muss aufstehen!
Vater, nein!
Die Krankenschwester erbarmt sich.
"Herr Mayhem senior, wenn ihr Besuch weg ist, stehe ich mit Ihnen auf, in Ordnung?"
-Haut ab, haut alle ab!
Also Vater, wir gehen dann.. Papa Mayhem bleibt in seinem alltäglich-freundlich-neutralen Plauderton, hinter dem er sich verstecken kann. Als wäre es nicht sein Vater, der da sitzt mit seinem halbtauben Gehirn, seinem Herzrhythmus, der komische Sachen macht, dem Sprachzentrum, das mitten im Mai Winterschlaf hält und den schlimmsten, weil deutlichsten Anzeichen des äußerlichen und innerlichen Verfalls, die ich an ihm bis jetzt gesehen habe.
Wir gehen, Opa. Lege zum Abschied meine Hand auf seine schwarzviolette, lasse mich auf dem Weg nach draußen vom Arzt daran erinnern, dass wir die Patientenverfügung mitbringen sollen, damit Opa Mayhem ein anderes Medikament, das helfen soll, aber relativ neu ist, verabreicht werden kann, und erinnere meinen Vater daran, dass wir beim nächsten mal Socken mitbringen müssen.

Auf der Heimfahrt versucht er es erst wieder mit Flucht in Fakten, fragt mich nach meinem Eindruck, erklärt die Medikamentenunverträglichkeit, und dass er nicht viel Hoffnung hat, dass das andere, neue Medikament das alles reparieren kann, auch, wenn es das soll.
Er sagt, er weiß nicht, ob wir Opa Mayhem nochmal so daheim sehen. Dass es vom Medikament abhängt. Ob es wirkt, ob er es verträgt, ob die Nebenwirkungen seinem dezimierten Restwesen so schlimm zusetzen wie das meistverwendete und nicht vertragene Mittel.
Dass er nicht weiß, wie es dann weitergeht.
Da müssten dann die von der Klinik einen Vorschlag machen.
Achja, die Vatersfreundin sei demnächst auch dort, wie lange, das wisse er noch nicht; sie habe aber seit neuestem immer mal das Problem, dass ihr Arm kribbelt oder sie ihn garnicht mehr spürt und man würde das dort näher anschauen.

Ich habe ihm gesagt, dass ich da bin.
Dass ich weiß, dass er mit sowas anders umgeht als ich, aber er, wenn er es möchte und wenn es geht, mit mir reden kann.
Darüber, wie es ist, seinen Vater zu verlieren.




Dienstag, 8. Mai 2012
Thema: monolog
So ein ausgeräumtes Zimmer birgt das Risiko, beim Einräumen Erinnerungen zu begegnen und von ihnen umgerempelt zu werden.
Da waren Bücher, schon lange nicht mehr gelesene Bücher, und mein Notizbuch, mittendrin abgebrochen und das einzige, in dem ich mehr Zahlen als Buchstaben festgehalten hatte.
Da war Kleidung, die zu weit geworden ist.
Die anderen haben aufgehört, direkt gemein zu sein und lästern nur noch im Hintergrund.
Da war auch Kleidung, die zu eng geworden ist.
Die Jeans, W27. Es wären nur noch ein paar Kilos gewesen.
Ich verfüge in dieser Hinsicht nicht über das Durchhaltevermögen meiner Mutter, und der Fakt, dass ich mich generell immer wieder aufzurappeln scheine, hat dem ganzen wohl einen Strich durch die Rechnung gemacht.

Da war die CD, Summer Swap 2011.
Auch, wenn es nicht meine Geschichte war, die die CD erzählt hat, konnte ich einige Nummern nicht zuende hören, und manches war auf einmal wieder da.

Als zum xten Mal The Doors und The End liefen, räumte ich gerade die letzten Teile in meinen Kleiderschrank zurück, die von dem auch vorher nicht überquellenden Inhalt übrig geblieben sind, und
telefonierte später mit der Optimistin, die meinte, würde sich doch alles super entwickeln, es würde alles einen viel besseren Eindruck machen jetzt und die Vatersfreundin wolle doch nur Liebe und Harmonie.

Ich tendiere ja eher zu "meinen Kopf".

**
Eventuell morgen ein Besuch bei Opa Mayhem, dessen Sprachzentrum immernoch meistens macht, was es will, aber nur sehr selten, was es soll.
**
Mit viel Glück bis Freitag endlich eigene Dienstkleidung, ansonsten wird der Dienst eben wieder in zu großer Uniform und einer Jacke, die auch mir bis zu den Knien reicht, absolviert.
Bin ja nicht zum gut aussehen da, sondern zum helfen, auch diesmal wieder mit freundlicher Unterstützung der sympathischsten aller Mitsanitäter.

Lesen Sie also diesen Samstagmorgen nach Dienstschluss, exklusiv und nur bei Just Listen:
Zwischen Zuhalten, Abdrücken und Mojito-
Papa Mayhem, der gesprächige Kollege und ich vs. The Dorffest.
Mit allen seinen netten Begleiterscheinungen.

Hoffentlich hab ich bis dahin wieder Einweghandschuhe.




Sonntag, 6. Mai 2012
Nach Kurzschlussreaktionsms das Wochenende sehr angenehm mehr oder weniger in der Ferne verbracht, nach Hause gekommen, mein Zimmer ausgeräumt und meine Sachen in Heizraum, Garage und Keller gelagert vorgefunden, nebenher erfahren, dass Opa Mayhem nach einem weiteren Schlaganfall im Krankenhaus liegt, und die Zeit, bis Papa Mayhem und Anhang endlich abgehauen sind, mit einer erneuten Krisensitzung verbracht, die zwischendurch garnicht so schlecht aussah, aber zumindest, was das Verhältnis zwischen der Vatersfreundin und mir betrifft, wieder beim alten Stand der Dinge endete.
Dafür scheint Papa Mayhem zu versuchen, akzeptieren zu können, dass er mein Seelenleben nicht verstehen kann, das aber nicht automatisch heißt, dass da alles in Ordnung ist.

Widme mich nun also dem Wäschezusammenlegen, da die Vatersfreundin meinen Kleiderschrank nicht nur leergeräumt, sondern auch den kompletten (sauberen, Schmutzwäsche landet in der dafür vorgesehen Box oder gleich in der Waschmaschine) Inhalt nochmals gewaschen hat.
Und dann erzählt sie mir, dass die Wasserrechnung zu hoch wäre.

Die Katze knurrt im Schlaf, das Räucherstäbchen räuchert, ich sitze da und sage es innerlich mantraartig auf. Einfach weiteratmen. Veratmen Sie den Schmerz.
Du musst einfach weiteratmen. Irgendwann hilft weiteratmen, oder ich habe es zumindest lange genug aufgesagt, um halbwegs daran zu glauben, und der Druck auf dem Herz wird weniger.
Dafür ist irgendein Teil wohl wieder mal kaputtgegangen; ich sollte endlich anfangen, mich an die Krisensitzungen zu gewöhnen.

Ich weiß nicht, ob ich es schaffe, Opa Mayhem im Krankenhaus zu besuchen.
Beim Gedanken daran ist da ist wieder diese eine Stelle aus Vogelstimmen, und der dazugehörige Autor hat Recht, wenn er schreibt, das Gehirn löst sich auf wie eine Brausetablette. Sehe es ja.
Täglich.

Mir fliegen Wortfetzen entgegen, wenn Papa Mayhem mit seinem Bruder telefoniert.
Da höre ich was von "hat uns nicht mehr erkannt" und einem betroffenen Sprachzentrum; Dass es sich erholt habe, aber irgendwie doch etwas nicht stimmen würde.
Und dass Opa Mayhem depressiv geworden ist, mein Opa Mayhem.
Ich sollte ihn besuchen.
Auch, wenn ich es eigentlich nicht kann.

Sein Gehirn zersprudelt langsam vor sich hin, und im ungünstigsten Fall wurde das durch den weiteren Schlaganfall noch beschleunigt.


Und so ganz nebenbei sollte/ habe ich eine mehr als nur vorzeigbare Bioklausur zu produzieren und allgemein zu funktionieren; oder wenigstens so zu wirken, als ob.




Freitag, 4. Mai 2012
"Wochenende bei der alten Sache" mutiert von wirdbestimmtgut zu "Ich fühle mich beim Gedanken daran mehr als massiv unwohl", zuhause bleiben ist dank der aktuellen Situation keine Option.

Meine Schulsanitäter sind ab morgen auf dem Wettkampf, der Februarsbesuch ist zu weit nördlich, um ihn mit dem Bayernticket besuchen zu können, und mein Geldbeutel sagt "nein" zu längeren Zugfahrten.


Entscheidungsschwierigkeiten kennt man ja von mir, problematisch wird es, wenn selbst mein Bauchgefühl keine eindeutige Aussage von sich gibt..




"Und dann bin ich auf der Wiese im Wasserschutzgebiet aufgewacht, nach zwei Stunden oder so!"
Was wie der Beginn einer weiteren hochdramatischen Erfindung eines schlecht bezahlten Autorenteams Offenbarung im qualitativ hochwertigen Nachmittagsfernsehen klang, beendete in Wahrheit den Bericht der Mitsanitäterin darüber, wie sie ihren Sonntagabend verbracht hatte.
Während Blondine Nr.3 und auch die Mitsanitäterin selbst darüber lachten, dass sie, nachdem ihr Freund um eine Beziehungsauszeit gebeten hatte, zwei Flaschen Billigbaileys geleert, sich danach noch auf ihr Fahrrad geschwungen, das Haus ihres Freundes aufgesucht und die ganze Nachbarschaft zusammengeschrien hatte, fand ich die ganze Sache mal wieder eher weniger lustig.
Als tendenziell bedenklich empfand ich dagegen den Fakt, dass die Mitsanitäterin, nachdem ihr Freund und seine Familie dann definitiv wach waren, anscheinend weggefahren war, einen totalen Filmriss hatte und 2h später, um fünf Uhr morgens, im Wasserschutzgebiet wieder aufgewacht war, weil ihr Freund sie dort gefunden hatte und im Begriff war, sie zu sich nach Hause zu tragen, damit sie in Sicherheit ihren vermutlich beträchtlichen Rausch ausschlafen konnte.
Der Rest der Welt verstand mal wieder nicht, wo mein Problem lag, es wäre ja schließlich nichts passiert.
Dass die Mitsanitäterin schön blöd sei, sich alleine daheim zwei Flaschen Billigbaileys reinzuziehen, schließlich sei Trinken ohne Gesellschaft irgendwie langweilig und sinnlos, fand man ; aber sonst..
Die Biokurskollegin ließ noch ein gespielt ernstes "Alkohol löst keine Probleme, mein Kind!" ab, und damit war die Sache dann auch vom Tisch.
In meinem Kopf machte ich einen weiteren Strich auf der Liste "Wochenenden, an denen die Mitsanitäterin mindestens so dicht wie der Fremde war" und legte vorsichtshalber schonmal ein weiteres Blatt bereit.

Die Mitsanitäterin ist eine sehr zwanghafte, verkrampfte Person.
Sie lernt nicht nur Hefteinträge, sondern ganze Schulbücher auswenig, putzt jedes Zimmer, das sie erreichen kann, bis auch die Möbel glänzen, setzt sich selbst massivst unter (schulischen) Leistungsdruck, im ständigen Wettkampf mit der, die letztes Jahr um 0,1 besser war, und hat auch keine Probleme damit, die Hefteinträge ihrer Mitschüler verschwinden zu lassen, wenn sie Konkurrenz wittert. Bei ihr muss alles perfekt sein, fest geplant, auswendiglernbar. Denkaufgaben lassen sie ebenso verzweifeln wie mich Vokabeltests.
Vielleicht sind wir deshalb in der siebten Klasse Freunde geworden.
Ich verkörperte die Gegenteilextreme zu ihren, und ich tue es auch heute noch.
Uns beiden ist eine gewisse innere Zerissenheit zu eigen, und eine gewisse Vorschädigung durch Eltern, die eigentlich keine Kinder hätten bekommen sollen.
Die Ausprägung der Probleme, und auch ihre Folgen, könnten allerdings nicht unterschiedlicher sein.
Da ist sie, seit einem Jahr Scheidungskind, mit dem Vater, der sich selbst gerne irgendwo zwischen Herrscher der Welt und cooler Teenie sehen würde, und sitzt alleine daheim und schüttet zwei Flaschen Likör in sich rein, weil sie Beziehungsprobleme hat, mit ihrem Freund, diesem endlos geduldigen Menschen, der versucht, sie zu stützen, aber vermutlich zu normal ist, um zu verstehen.
Und da bin ich, die Halbwaise, deren Mutter angefangen hat, zu trinken, als sie so alt war wie ich jetzt, und sich damit so kaputt gemacht hat, dass sie 2007 einfach gestorben ist.
Mit dem Vater, der, selbst traumatisiert von zu schlechten Eltern und deren zu falschen Vorstellungen, gefesselt von dem, was ihm beigebracht wurde und dem, was sich "so gehört", nie so richtig fähig war, eine funktionierende Familie hinzubekommen, und der sich vermutlich doch nur das gewünscht hat. Funktionierende Hausfrau, funktionierendes Kind, das eigentlich noch einen funktionierenden Bruder oder eine funktionierende Schwester hätte haben sollen. Funktionierende Familie. Funktionierendes Leben.
Der das nie bekommen hat.
Mit der Vatersfreundin, in der sich schon seit ihrer Kindheit Wut und Zorn und Frustration aufstauen, und die in mir die Person gefunden hat, an der sie all das willkürlich auslassen kann.

Da bin ich, sitze daheim und schreibe, fahre Bus und schreibe, gehe auf Konzerte und manchmal tanze ich, wenn auch sehr schlecht, verliebe mich und weine, verliere mich und suche, balanciere und falle, aber gehe irgendwie doch weiter.
Ich denke bis tief in die Nacht und bis zum nächsten Morgen, und wenn ich darüber schreiben kann, wird es besser, ansonsten nicht.
Ich ertränke es nicht. Auch, wenn es sich dann manchmal anfühlt, als würde es einen umbringen.
Oder einfach nur leer; dumpf und leer.
Ich weiß nicht, was schlimmer ist.

Die Mitsanitäterin erlaubt sich nicht, sowas zu fühlen,vielleicht hat sie auch Angst davor.
Ich habe genauso Angst davor, irgendwo in dieser Leere verloren zu gehen, aber wenn sie dann auftaucht, sehe ich trotzdem direkt in sie, und wenn es sein muss, springe ich auch rein.

Sie wird immer mehr zum Extremmensch. Auf der einen Seite der Leistungswahn, auf der anderen der totale Kontroll- und inzwischen schon Gedächtnisverlust an Feiern. Das, was sie früher so sehr abgelehnt hat.
Leute, die zuviel trinken.
Leute, die fremden Menschen aufs Shirt kotzen.
Die sich nachts um drei an den Schultern ihrer noch nüchternen Sanikollegin abstützen, wie gestört lachen und so sehr schwanken, dass man Angst haben muss, sie würden gleich in Ohnmacht fallen.
Die das Bewusstsein verlieren vor lauter Alkohol, und morgens um fünf auf einmal auf der Wiese neben dem Wasserschutzgebiet liegen.
Und am nächsten Tag übersät mit blauen Flecken und dem Kater des Jahrtausends aufwachen,weil sie besorgniserregend betrunken waren, als sie mit dem Fahrrad 10km gefahren und mehrmals runtergefallen sind.

Früher fand sie solche Menschen abstoßend, die so die Kontrolle über sich verlieren. Das Problem hatte zu der Zeit gerade angefangen, einer von den Coolen zu werden, und sie hätte am Liebsten gesehen, wie ich meine Gefühle für ihn im Wald vergrabe und dort lasse.
Überhaupt verstand sie das nicht so gut, den Gefühlskram, für sie war das immer etwas, was man sich aussuchen und nach Belieben ein- und ausschalten konnte.
Sie hat auch heute noch manchmal Probleme damit, Gefühle als einen Wert anzusehen, aber die Emotionen holen sie ein, all die, die sie sich jahrelang nicht zugestanden hat, die sie weggelernt, weggeputzt und weggewaschen hat.
Die gehen nicht einfach irgendwo zwischen Geschichtsvortrag schreiben, Frühuni und dem nächsten Absturz verloren, wie das mit einigen ihrer neuen Freundschaften passiert ist.


Meine Freundschaft zu ihr ist auch verloren gegangen, schon letztes Jahr.
Wir, beide Extremmenschen, entwickelten uns immer weiter, in Richtungen, mit denen die andere eigentlich nicht mehr klarkam oder klarkommen wollte, auch,wenn das bis heute keine von uns je geäußert hat.
Ich sage ihr immernoch, dass ich da bin für sie, und ich meine es auch so; manchmal,alle paar Monate oder am Ende längerer Ferien, meldet sie sich und wir versuchen, zu reden, aber es geht nicht.Nichtmal über die Schule können wir reden, und ich bin verunsichert, weil ich gleichzeitig befürchte, sie, inzwischen semicool bei den Normalen, könnte das, was ich unbeholfen versmalltalke, doof finden.
Manchmal ist sie noch die alte; wenn sie mich mitten im Satz unterbricht, mit Vorliebe dann,wenn es gerade wichtig gewesen wäre,um sich über die Notendurchschnittskonkurrenz aufzuregen; wenn sie in ihre kindischen Abspackphasen verfällt, die damals dafür gesorgt haben, dass keiner außer mir was mit ihr zu tun haben wollte, aber die mich, auch, wenn ich sie peinlich fand, nie davon abgehalten haben, mit der Mitsanitäterin in der Pausenhalle zu sitzen und ihr bei den Hausaufgaben zu helfen, wenn da eine Aufgabe war, bei der einem Auswendiggelerntes so garnicht weiterhelfen wollte.

Ich weiß nicht, ob ich die alte Mitsanitäterin zurückhaben möchte.
Aber ich möchte nicht, dass sie verloren geht.
Wir waren damals beste Freunde, aber nicht, weil da so eine Verbundenheit war,jedenfalls empfand ich keine,aber ich tue mir mit sowas manchmal allgemein schwer und damals war das noch viel schlimmer, sondern weil die anderen irgendwie alle gleich waren.
Und irgendwann hat die Hyperaktive die schwarz gekleidete,schwarzhaarige und schwarz geschminkte, Kafka lesende Mitsiebtklässlerin angesprochen und gefragt, warum sie eigentlich immer so düster rumläuft, das würden doch in unserer Gegend nur die machen, die um einen Verstorbenen trauern.
Und dann waren wir auf einmal Freunde; jedenfalls hat sie gesagt, dass das Freundschaft heißt; ich war mir da nicht sicher, die letzte richtige Freundschaft, die ich mitbekommen hatte, war zu einem griechischen Mädchen gewesen, das ich seltsamerweise verstanden hatte, obwohl es kein Wort Deutsch sprach, und das dann umgezogen war, und danach zeichneten sich Beziehungen zu meinen Mitkindern vor allem dadurch aus, dass diese ausgesprochen gemein sein konnten.
Aber die Mitsanitäterin nannte mich "beste Freundin", also war ich das eben, durch viele Haarfarbenwechsel meinerseits hindurch, egal, was passieren wollte und auch, wenn sie und ich weder auf eine Wellenlänge, noch irgendwie auf einer gemeinsamen Ebene waren.

Habe mich anschreien und halb totdiskutieren lassen, volllallen und anlachen, eventuell auch auslachen, ihr Ego gegen mein Ego, ein harter Kampf, war mit ihr auf Stammtischen und Beatabenden und einmal hat sie mich wegen dem Problem weinen sehen.
Ich war da,als ihre Eltern sich getrennt haben;als ihr Vater eine neue Freundin hatte; als Schluss war und er zu Kurzzeitfickbeziehungen übergegangen ist, weil man sich da emotional nicht so schrecklich nah sein muss. Nah sein bedeutet verletzlich sein.
Trotz allem da sein konnte sich unsere Freundschaft nicht halten, weil ich mich verändert habe. Und weil sie sich verändert hat.
Und aller Logik zu Trotz scheint es so,als würde sie,die organisierte, die geordnete; die, die einen Plan und immer den Überblick hat; als würde sie jetzt über genau diese Dinge stolpern, während ich anfange, das balancieren zu lernen.

Vielleicht sehen wir uns nach dem Studium wieder; ich bin mir sicher, dass sie dann eine erfolgreiche Medizinerin ist, Mediziner müssen Faktenwissen haben,sich an den Plan halten und logisch denken; das kann sie gut, die Misanitäterin, und ihr Notendurchschnitt spricht ihr das zu, was allgemein Intelligenz genannt wird, locker stipendiumstauglich.
Ich weiß nicht, was dann aus mir geworden ist.

Wenn es klappt, wenn ich dann wirklich Psychologin bin, und wenn ich dann wirklich in der Superklinik arbeite, sehe ich sie vielleicht.
Sie säße dann möglichst gerade auf einem Stuhl, permanent mit dem Fuß tippend oder den Fingern trommelnd, aber nicht zu einer Melodie, die in ihrem Kopf ist, sondern, weil sie es muss; und sie würde mich als erstes anraunzen, weil ich nur fünf und nicht zehn Minuten zu früh da sein würde.
Dann, bei der Gruppensitzung, würde sie mir erklären, dass ich unfähig und meine Methoden bescheuert seien, würde aus dem Raum stürmen und sich mindestens zwei Stunden lang aufregen, bis ich sie suchen, finden und dann versuchen würde,mit ihr zu reden, darüber, dass ihr manches vielleicht auf den ersten Blick ungewohnt vorkäme, das aber alles seinen Sinn habe. Sie würde schrill lachen, sagen, dass ich ein Rad ab habe, und den Rest des Abends auf ihrem Zimmer verbringen, während der Rest meiner burnout- und/oder suchtgeplagten Truppe im Billardraum die von oben verordneten Gemeinschaftszeiten abarbeitet.