Dienstag, 25. Dezember 2012
Wings - Frittenbude.

Und da sitze ich alleine in meiner Wohnung.
Kater Mayhem hat sich hinter den Kühlschrank verkrochen und weigert sich beständig, rauszukommen; weil ich Angst hatte, dass er eventuell festhängt, habe ich die Fußleiste komplett entfernt, um dann festzustellen, dass von ihm sowieso nur eine Pfote zu sehen ist, weil er den Restkörper so weit nach oben gequetscht hat, dass niemand an ihn rankommt.
Zwei Stunden später traut er sich raus, nachdem ich ihn dauerhaft mit Unspoken von Four Tet beschallt und außerdem ein Räucherstäbchen abgebrannt habe, das so reinhaut, dass man es als Quasi-Methadon für leichtere Drogen verkaufen könnte, und wühlt sich, eine staubige, nervöse Fellkugel, ganz tief in mein frisch bezogenes Bett, um beim ersten Geräusch aus den angrenzenden Wohnungen sofort unter den Kleiderschrank zu schießen und dort auch zu bleiben.

Das kleine Knäuel Überforderung unter dem Schrank und ich, wir sind immer noch ereignisschocksgelähmt.
Dass es tatsächlich geklappt hat.
Dass wir hier sind...
dass wir alleine sind.

Als ich meine letzten Sachen hole, sitzt Papa Mayhem vor dem Fernseher und sieht semi-zerstört aus, zeigt sich aber neutral-freundlich und trägt sogar seine leere Wasserflasche selbst in den Keller; etwas, das in 18 Jahren noch nie vorgekommen ist, wenn ich da war.
Ich verabschiede mich mit dem Hinweis, die Katzenstreu morgen mit zu nehmen und der Bitte, mich anzurufen, wenn er Opa Mayhem abholen möchte.

Dann gehe ich, aus dem Haus, weg von der Straße, zur nächsten, die Treppen hoch, und noch weiter, und noch weiter, und noch weiter, in die Wohnung, meine Wohnung, schließe hinter mir ab und erschrecke die Katze damit so sehr, dass sie sich den Kopf am Schrankboden stößt, und während mein Vater drüben vor seinem Fernseher sitzt und sich an mechanisch-geordnetem Pflichtreihenfolgenleben festzuhalten versucht, rolle ich mich auf dem Bett zusammen, meinem Bett, in der Dachschräge, so, wie ich es immer wollte, und weil sonst niemand zum festhalten da ist, halte ich mich an der Decke des Rauchers fest, die er hier gelassen hat, wickle mich ein, begrabe mich unter ihr und versuche, weiterzuexistieren.

Und ich existiere auch weiter, in diesem Haus, auf dem Bett zusammengerollt, unter der Dachschräge, versteckt unter der Decke des Rauchers
Während mein Vater Akten sortiert und Chips isst und Bier trinkt und fernsieht
mein Großvater im Heim vor sich hin vegetiert, am Mittwoch hat er zwar mich erkannt, aber Papa Mayhem nicht mehr,
die Vatersfreundin wieder mal den Kontakt zu ihm abgebrochen hat, tippe bezüglich des Eintritts des Krisenendes auf "noch heute Abend",
der Raucher bei seiner Familie sitzt, wie der Hut, die Nixe, die Blondinenfraktion,
und mein Pate irgendwo in der Tundra unterwegs ist, windumrauscht, schneesturmgepeitscht und fast taub, eigentlich bräuchte er zwei Hörgeräte, hat er geschrieben.
Dass er deshalb nicht mehr so gerne telefoniert, ich aber vorbeikommen kann, wenn ich will.
Ich weiß nicht, ob ich will.
Aber ich bemühe mich, Kontakt zu halten, Mailkontakt, weil er sich sonst schämen würde, wenn ich wegen ihm so schreien muss, und eigentlich ist das ganz gut so, Distanzkontakt.
Halbwegs gut verträglich, nicht zu persönlich.
Geregelt, geordnet, genügend Abstand.


Kater Mayhem kommt unter dem Schrank rausgekrochen und wühlt sich zu mir durch.
Ich ziehe uns beiden die Decke des Rauchers über den Kopf und wir halten Winterschlaf ohne Schlafen, Eiszeitaussitzen im Wachzustand.
Warten auf bessere Zeiten.




Gibt es Uruguay eigentlich noch? - Frittenbude

Wir schleppen
an den anderen, an uns, meine Möbel die Treppen hoch.
Schwer atmend, Aufzüge sind Luxus, und Luxus kann man sich nicht leisten, Schranktür um Schranktür, Lattenrostplanke, Bettbrett, immer so weiter.
Parallel putzen, mein Zimmer, das Bad meines Großvaters, die Küche. Der väterliche Anspruch, den Sauberkeitsgrad zu erreichen, der nie da war.
Irgendwann ist es dunkel und wir tragen immer noch, Wäschekörbe, Spiegel, Schminktisch. Erbstück und trotzdem nicht als mein Besitz anerkannt, die Restverwandschaft lauert.
Dann Regen, wir hören auf, ich hole die Instrumente rüber, das Katzenklo und die Futternäpfe, und ganz am Schluss trage ich die große, blaue Transportbox, aus der Kater Mayhems gelbe Augen nervös durch die Gegend zucken,während ich versuche, sein Teilzeitgefängnis möglichst ruhig zu halten und der Raucher als Absicherung nebenher läuft und versucht, uns ein bisschen von den ganzen Autos abzuschirmen und vom Jugendzentrum, an dem wir vorbeimüssen.

Kurzes Aufatmen und dann Pizzabestellen, am Wochenende bekommt man sonst nichts und ich habe beim Aufräumen genug Geld gefunden und habe oft genug die Endlostreppen niedergekämpft, um mir eine genehmigen zu können.
Die Erschöpftheit und das Geleistete streut Positivgefühlspuderzucker über die Gesamtsituation, und der Hut bestellt unser Essen, weil ich mich doch nicht traue, mit fremden Menschen zu telefonieren.
Positivgefühl plus Weltuntergang.
Der Hut und der Raucher Positivgefühl, die Nixe und ich Weltuntergang.
Um mich rotiert es, das Leben, und auf einmal ist es halb drei Uhr morgens, die Nixe musste schon nach Hause und hat sich vorher ausgeweint, der Hut schläft in meiner Gruselkammer und hat sich, während der Raucher die Nixe heimgefahren hat, bei mir über sie ausgeweint, und gerade bin ich dabei, mich auszuweinen, ganz leise, an der Brust des Rauchers, der tief und fest schläft, aber mich immerhin im Arm hält, während ich hin und her gerissen bin, weil ich das eigentlich gut finde, so ein bisschen, aber gerade irgendwie nicht und gleichzeitig doch.
Ich weiß nicht mehr weiter, sage ich zu ihm.
Ich weiß nicht, wie ich das alles schaffen soll.
Er schnorchelt kurz, ist genau so schlimm erkältet wie ich, da hilft die Tatsache, dass mein Boiler nicht funktioniert und die Heizung nur langsam warm wird, auch nicht gerade viel, und dann dreht er sich zu mir, sehr zerknautscht, weil sehr müde, und murmelt:"Alles wird gut." Versinkt einen Sekundenbruchteil später wieder in seinem unerschütterlichen Bärenwinterschlaf, wiederholt es aber vorher nochmal,
"Alles wird gut".

Muss ja.




Dienstag, 18. Dezember 2012
Thema: von herzen
Fremder,

an niemanden habe ich so viele Briefe, die dann in normale Texte abgedriftet sind, geschrieben, wie an dich. Vermutlich werden auch noch einige folgen, denn für mich ist es nicht abgeschlossen, du tust noch weh.
Heute hast du dich wieder gemeldet, und ich dachte, es geht;
wir haben geredet und du hast so ernsthaft gewirkt in deinem Wunsch, es alles besser zu machen, jetzt, und ich habe dir gesagt, dass ich Abstand brauche, in der festen Überzeugung, du würdest es verstehen.
Wir sind doch ähnlich bekloppt, Festivalkumpanen. Konnten stundenlang reden und noch länger schreiben. Eigentlich über alles.
Du hast es nicht verstanden.
Und du bist abgerutscht in Klischees und Pseudoverständnis und dein Bestreben, dabei möglichst erwachsen, ruhig und einfühlsam zu werden,
und ich habe es dir gesagt und habe versucht, mich zu erklären,
und habe dabei begriffen, dass du es nicht verstehst.

Du kannst mich nicht verstehen, denn du bist nicht wie ich, trotz allem.
Das Kind in mir sehe ich nicht, denn da ist im Moment nur dunkelgrau,
der Pubertist in dir hat die Führung übernommen und muss so viel erst noch lernen.
Mich hat man doch von Anfang an durch sämtliche Gefühlslagen und Verzweiflungsmomente geschleudert, ohne Rücksicht auf Verluste, und das ist auch der Grund.

Es ist irreversibel, das Ganze, und es sorgt dafür, dass zwischen uns nicht Jahre, sondern Welten liegen, die wir ja doch nie überbrücken könnten, selbst, wenn wir beide es wollen würden.
Ich habe es versucht, immer wieder, ich hatte Flugsaurierschmetterlinge im Bauch und einen riesigen Schatten zum Überspringen vor mir, und ich habe beides zugelassen und mich um beides gekümmert.
Dabei habe ich gelernt, wie weh das tut. Und dachte doch immer, es würde nicht mehr schlimmer, sondern besser werden; ich hoffe auch jetzt noch.

Und deshalb breche ich den Kontakt ab.

Das ist das dritte Mal, und wieder zeigst du Verständnis, wirst es aber wieder nicht verstehen und dich nach einer Woche oder zwei wieder melden, weil du denkst, es ist überstanden;
es wird nicht überstanden sein und darum werde ich dich ignorieren.
Es wird weh tun, sicher, aber ich will mich nicht mit Fangirlies rumschlagen müssen und nicht wieder in die Hoffnungsabwärtsspirale schlittern, die irgendwo auf den Boden gepresst und mit ausgeschlagenen Zähnen endet; ich will mich und mein Leben auf die Reihe kriegen, da ist so viel, wofür es sich wohl lohnt und irgendwann bin ich soweit, dass ich das auch begreife und vor allem fühle.

Da ist so viel, was sein könnte, Neuanfang.
Und ich will sehen, wie er wird, und hoffen,dass er gut wird, auch, wenn einige Zeichen auf Weltuntergang stehen.
Und ich will positivfühlen, und frei sein, und ich will wissen, wer Mr.Gaunt ist, hinter den ganzen Tattoos und der verwitterten Fassade,
ich will emotionale Klarheit haben, und die bekomme ich nur, wenn mein Herz wieder richtig funktioniert und aufhört, zu bluten,
und ich will mein Abitur schaffen und finanziell über die Runden kommen,
und irgendwann will ich nach Prag.

Das geht nicht, wenn mein Herz an dir festhängt.
Darum hätte ich es gerne wieder.
Irgendwann, wenn es sich von dir losgelöst hat, hole ich es ab und nehme es wieder mit, zum gesundpflegen, und auch, wenn es Schäden hat, die nicht mehr wegzukriegen sind, ist es immer noch mein Herz, und es lebt und atmet und fühlt, es funktioniert, glaub mir;

und ich werde nicht damit aufhören, es an andere Menschen zu hängen, oder ans Schreiben, oder die Musik,oder das Theater;
auch wegen dir werde ich nicht aufhören damit, und ich sage das in der absoluten Gewissheit, dass das Schmerzen bedeutet, vielleicht auch welche, die ich mir selbst jetzt nicht vorstellen kann.

Ich lebe eben mit voller Gefühlswucht, und das wird sich auch nicht so schnell ändern.

Und weißt du, irgendwann komme ich damit zurecht.
Mit allem, irgendwie.

Ich vermisse dich jetzt schon.
Aber was muss, das muss.

mayhem.






Montag, 17. Dezember 2012


Nach dem Parkplatzdrama kommt das Telefonat, nach dem Telefonat die Funkstille und dann keine sms, sondern gleich er persönlich. Durch die Kneipentür, auf den Stuhl neben mir, redet los, als wäre nichts gewesen.
Und ich will weinen.
Dann sagt er mir, wie toll ich bin, weil ich so übertrieben hilfsbereit und sensibel sei, und wie schön ich bin, weil ich so anders bin.
Außerdem, sagt er, wollten wir doch mal zusammen was machen, musikmäßig. Ob ich nicht mal vorbeikommen will, zwei Gitarren, eine Flasche Wein und viel zu lange wach bleiben und reden, wie früher.
Wieder, mit nur leicht glasigem Blick, die Feststellung, wie toll ich doch bin.
Und ich will ihm ins Gesicht schlagen.

Ich bin nicht über dich hinweg, Idiot, und ich habe dir gesagt, dass es so ist, und dass ich dich gleichzeitig hasse, und wie sehr du mir weh getan hast, und dass du dir alles kaputt machst, mit deinen eigentlichen Freunden und deiner Band und sogar mit dem Raucher, am Telefon habe ich es dir gesagt, und du hast es eingesehen, dachte ich, und habe mich ein bisschen besser gefühlt, weil du so immerhin was aus der Sache mitgenommen hast; und dann pflanzt du dich einfach auf den Barhocker neben mir, in dieser blöden Kneipe, die ich sowieso nicht mag, weil ich hier immer Angst bekomme vor lauter fremden Menschen und mieser Atmopshäre, und tust so, als wäre nichts gewesen, und nachdem der Raucher zum Rauchen an einen anderen Tisch geflüchtet ist, machst du bei eben bei mir allein weiter, und du kotzt mich gerade sowas von an, und deine Masche zieht nicht mehr, denn nein, es ist nicht alles in Ordnung,und es wird nicht in Ordnung, wenn du dein Standardprogramm abziehst und im Suff zu blöd und nüchtern zu unsensibel bist, um überhaupt irgendwas zu verstehen.

Und dann taucht dein Fangirlie auf, die, die Herzchen postet und doof kommentiert und sich die Haare braun gefärbt hat, nachdem du gesagt hast, blond sieht irgendwie tussig aus, und schmiert sich an dich und giftet gegen mich, im crescendo, erst nonverbal, böse Blicke und Augenbrauenakrobatik, dann später auch richtig, ich würde hier ja optisch reinpassen und sie sei sich nicht sicher, ob die Kneipe abgefuckter ist oder ich es bin, und überhaupt ists doch in der Dorfdisco viel cooler, warum man denn jetzt hier rumsitzen und sich von den ganzen gruseligen Leuten verräuchern lassen müsse.
Dein üblicher Konflikt, auf der einen Seite die Leute, die eigentlich deine Freunde sind/waren, und das Sumpflandschaftsmilieu die Menschen, bei denen du dich halbwegs heimisch fühlst, auf der anderen die Ghettofraktion.
Du weißt, dass ich genau das denke. Du kannst es aus meinem Gesicht lesen.
Und es verunsichert dich, bis auf die Knochen.
Also starre ich, mit leicht zusammengekniffenen Augen, so lange ich es aushalte, und lege alles an Aggression, Geringschätzung und dem ganzen anderen Zeugs,das ich vom Raucher tausendfach gehört und absorbiert habe, in diesen einen Blick und addiere meine eigenen Negativgefühle; ich hole sogar ein wenig Vatersfreundinhass aus einer Ecke meines Herzens, um der Sache etwas mehr Wucht zu geben, und erst, als du auf mich verstört genug wirkst, um mir die Gewissheit zu geben, dass du heute nicht mehr ruhig schlafen wirst, erhebe ich mich von meinem Hocker, winke deinem Fangirlie mit so viel abgebitchtem Zucker im bösartigen Grinsen, das man davon Diabetes bekommen könnte, zu, merke zur Verabschiedung noch an, dass sie ja sowieso in zehn Minuten ins Bett muss, und lasse mich zwar nur ganz leicht und sehr temporär herzschmerzgeheilt, aber durchaus nicht komplett weltuntergangsversunken auf dem Schoß der Satanistin nieder, weil der Raucher so unpraktisch mittig sitzt und ich mich nicht traue, am Nachbartisch einen Stuhl auszuleihen.




Freitag, 7. Dezember 2012
*editiert*

Vielleicht heißt es bald Abschied nehmen vom Mayhemmobil.
Dummerweise ist es nicht nur ein klemmendes Hebelchen, was das seltsame Beschleunigungsverhalten auslöst, sondern was an der Einspritzanlage.
Nachdem der Werkstattmensch meinte, er könne mir zwar gerne das Geld aus der Tasche ziehen, aber die Reparatur würde so teuer werden, dass ich bitte ernsthaft überlegen solle, ob sich das bei dem Auto noch lohnt, gehe ich davon aus, dass es teuer wäre.
Letzte Hoffnung ein Bekannter, seines Zeichens sehr großer Fan der französischen Klapperkisten (das war durchaus liebevoll gemeint, schließlich ist es meine Klapperkiste) von denen ich eine fahre, der eventuell weiß, was genau kaputt sein könnte und es mit viel Glück gebraucht besorgen kann.
Papa Mayhems Idee, nicht meine.
Ausschlachten würde ich sowieso nur schwer übers Herz bringen...

Seit Mittwoch familienkrisenbedingt immer beim Raucher geschlafen.
Heute aufgewacht, er mit Kratzspuren am Rücken, ich mit den bekannten violett-rötlichen Flecken am Hals.
Man hat sich in beidseitigem Einverständnis darauf geeinigt, es als Freundschaft mit Extras anzusehen, oder eventuell Affäre, weil das schöner klingt.


Einen Zettel geschrieben, für den Patenonkel, und den festen Vorsatz gefasst, ihn heute auf dem Weg in die Kleinstadt einzuwerfen, auch, wenn das bedeutet, eine Station früher auszusteigen und den restlichen Weg zu laufen.


Vorgenommen, Opa Mayhem zu besuchen, es aber doch nicht geschafft, weil ich feige bin. Weil ich nicht alleine hin will.
Weil ich dem Verfall nicht ins Gesicht schauen will. Nicht schon wieder.
Und er wird immer weniger und vergisst alles, aber nicht, jedes Mal wieder meinen Vater zu fragen, ob ich nicht langsam mal mit dem Führerschein anfangen will.