Dienstag, 31. Januar 2012
Thema: gefunden.
"Doch uns ist gegeben,
Auf keiner Stätte zu ruhn
Es schwinden, es fallen
Die leidenden Menschen
Blindlings von einer
Stufe zur andern
Wie Wasser von Klippe
Zu Klippe geworfen
Jahr lang ins Ungewisse hinab.
"

(aus F.Hölderlin: Hyperions Schicksalslied )




Samstag, 28. Januar 2012
Morgens halb sieben in Deutschland. Ich betrete leise die Wohnung meines Großvaters, um zu sehen, ob er es alleine geschafft hat, aufzustehen, oder ob ich helfen muss.
Er sitzt am Küchentisch und wirkt ein wenig verloren und sehr alt, sagt, er hat es zwar geschafft aufzustehen und so weit zu kommen, aber ich solle ihm bitte Socken und Schuhe anziehen.
Mache ich, Kaffee gleich auch, er ist nämlich nach seinem kleinen Unfall auch physisch angeknackst, wenn es dumm läuft, sogar im wahrsten Sinne des Wortes.
Er bedankt sich und sagt, gegen neun Uhr soll ich doch bitte Feuerholz bringen.
"Ja Opa, mach ich. Bis dann", verabschiede ich mich, krieche zurück ins warme Bett und werde um Punkt halb neun von einem energischen Klopfen gegen die Zimmerdecke (oder den Boden, je nachdem, von welcher Wohnung aus man die Sache betrachtet) geweckt. Im Erwartung des Schlimmsten reiße ich im (ziemlich schnellen) Verlassen unserer Wohnung auf dem Weg zur Treppe die Notfalltasche, die neuerdings wegen ihm an unserer Türe hängt, an mich, hetze in die Küche, aus der das Klopfen kam, und renne ihn fast über den Haufen.
Aus verständnislosen Augen, die von der dicken Brille tausendfach vergrößert werden, schaut er mich an.
"Willste nicht mal mein Feuerholz holen?"
Oh, ach so. Ist ja nur noch eine halbe Stunde bis zur ausgemachten Uhrzeit.
"Ja, kann ich machen. Wo ists denn?"
-"Heuboden, gleich links. Und bring Tannenzapfen und zwei Briketts mit, sonst geht das Feuer nicht an".
Ich wickle mich in meine Strickjacke und schlurfe, noch beschlafanzugt, aber mit besagter Jacke, über den Hof in Richtung des Erfüllungsortes meiner Mission.
Der Heuboden ist tiefdunkel, heu-los, nicht isoliert und so instabil,dass Opa Mayhem mir versprechen musste, da nicht mehr raufzugehen. So einen Fall aus 2, 3 Metern Höhe vertrage ich im Zweifelsfall noch besser als er, erst recht in seinem aktuellen Zustand.
Also hangle ich mich hoch, öffne die Luke, greife nach links, wo ich allerdings nicht das erwartete Feuerholz, sondern nur ein morsches Stück Bodenbalken erwische, das prompt abbricht und runterfällt.
How wonderful.
Seufzend schwinge ich mich ganz nach oben, taste mich vorwärts und suche, sobald sich meine Augen an fast völlige Dunkelheit gewöhnt haben, das Feuerholz.
Finde es dann auch, allerdings am anderen Ende des Heubodens und sehr weit vorne, direkt an der Dachkante. Von wo auch das Licht kommt, da die Ziegel nicht komplett dicht sind und nicht bis aufs Mauerwerk herunterreichen.
Also, gaaaaaaaaaanz weit ausstrecken, Holzsscheite angeln, sie ihm bringen.
"Und was ist mit den Tannenzapfen? Und den Briketts?"
Ein einfaches "danke" wäre auch schön, ja.. "Ich hab die Tannenzapfen nicht gefunden, wo sollen die denn sein?"
-"Direkt neben dem Holz, gleich links."
Also kletterte ich wieder hoch, suchte schließlich den ganzen Heuboden ab, fand aber keine Tannenzapfen, in keiner Ecke, nirgends. Etwas verunsichert und mit Horrorszenarien im Kopf (er muss erfrieren,weil er sich kein Feuer machen kann/Ich muss meinen Vater anrufen und um Hilfe bitten) steige ich wieder nach unten, wo er auch prompt in der Tür steht. "Nicht da oben, in der Garage!" Danke für die Info.
Ich spare mir den Hinweis, dass er behauptet hatte, die Tannenzapfen wären auch oben auf dem Heuboden. Bin ja froh,wenn er zusammenkriegt, was er alles für sein Feuerchen braucht.
Die Tannenzapfen sind bald gefunden, auch die Briketts habe ich schnell ausfindig gemacht, und so verkrümle ich mich um dreiviertel zehn erneut ins Bett.
Um um viertel elf wieder geweckt zu werden, diesmal von der Türklingel.
Als ich öffne, sieht mich eine circa Mittvierzigerin, Modell "jungebliebene Mutter" mit zerfärbtem Kurzhaarschnitt und zu viel Make Up etwas überrascht an.
"Habe ich dich jetzt etwa geweckt?"
-"Ja, da waren Sie aber nicht die Erste".
"Oh, das tut mir aber Leid." Sie lacht gekünstelt.
"Die Freundin deines Vaters hat gesagt, du kannst mir auch die Sachen geben? " Ah, da war ja was.
Die Freundin meines Vaters hat eine neue Beschäftigung gefunden, sie dealt jetzt neben ihrem normalen Job mit Plastikschüsseln und ähnlichen Waren; gestern wurde ich sogar darauf hingewiesen, dass heute jemand seine Sachen holen würde. Warum auch immer die bei uns deponiert wurden, die Vatersfreundin scheint wirklich zu vergessen,wo sie wohnt, trotz ihrer immer wieder betonten Selbstständigkeit.
"Siebenundzwanzig siebzig sinds." Ich zeige der Zerfärbten die an der Tüte festgeheftete Rechnung.
Sie scheint zu überlegen, ob sie mir vertrauen kann, händigt mir dann aber das Geld aus und haut wieder ab. Um halb.
Ich starte einen letzten Versuch, zu schlafen, der aber unterbrochen wird, als ich um fünf nach halb elf das Auto meines Vaters ankommen höre. Fiese Welt.
Erhebe mich also endgültig, gehe raus in die kalte Welt,beziehungsweise den Flur, um ihm zu sagen, dass bei Opa Mayhem alles in Ordnung ist, und wäre fast auf einen Schmetterling getreten.
Ein Schmetterling.
Mitten im Winter.
Sitzt so desorientiert auf dem Boden, direkt vor mir,bewegt langsam seine Flügel und dreht sich noch langsamer, aber stetig im Kreis.
Ein Tagpfauenauge ist es. Mitten im Winter.
Ich hole ein Blatt Papier, schiebe es vorsichtig unter den Schmetterling, schlittere über den Hof und trage das Tier vorbei an meinem verdutzten Vater in den Garten, wo ich es auf dem Boden, nahe dem Mauerwerk des Heubodens, absetzte. Schmetterlinge überwintern auch in Mauern, das haben sie uns irgendwann einmal beigebracht, und ich dachte so bei mir,wenn ich ihn dort absetze, kann der Schmetterling ein Winterquartier beziehen oder wo anders hin, je nachdem, was er denn vorhat.
Ich hätte ihm gerne einen Tee gekocht, er sah nämlich ziemlich verfroren aus,der Schmetterling. so lies ich ihn dann sitzen,weil ich es mir schwierig vorstellte, eine Tasse zu finden,die klein genug für ihn ist.
Teetrinken mit einem Schmetterling wäre aber bestimmt interessant gewesen, gewiss hätte er viel zu erzählen gehabt, hätte er denn mit mir sprechen können.


"Mayhem, hast du es auch geschafft mit dem Fahren, schön!" Der Veranstaltungsveranstalter umarmt mich und deutet auf vier meiner Mitsanitäter. "Die sind auch da, kannst dich ja zu ihnen setzen." Was bleibt mir denn anderes übrig?
Die Begrüßung fällt eher verhalten aus, allgemein reden wir nicht viel, eine ist mir unsypmathisch, die anderen drei sind zusammen mit der Vierten so eine feste Gruppe, wie die ganze Sanitätsgruppe es ist, ich habe es in über einem Jahr nicht geschafft, da Fuß zu fassen. So sitze ich zurückhaltend-schweigend auf meinem Stuhl und starre aus dem Fenster, bis mir die Sicht verstellt wird- vom Bedreadeten.
Nachdem er mir erst in der Bahn,dann auf mehreren Rotkreuzveranstaltungen begegnet war, hatte ich ihn ja irgendwie nicht mehr gesehen, auch jetzt stand er mit dem Rücken zu mir.
Ich hatte ihn damals seltsam gefunden, vielleicht auch, weil er anscheinend etwas trennungstraumatisiert gewesen war..wie er so einfach so von seiner essgestörten Ex erzählt hatte, mir, einer Fremden.
Aber ich scheine für manche Leute ja irgendwie eine sehr vertrauenserweckende Ausstrahlung zu haben.
Hm. Hallo sagen?
Nein, beschließe ich. Die Wahrscheinlichkeit,dass er sich nicht mehr an mich erinnerte, war doch ziemlich groß.. Was er wohl heute hier tat? Vielleicht wieder kochen.
"Also,wir fangen dann mal an". Der Veranstaltungsveranstalter startet seine Präsentation, die die nächsten Stunden in Anspruch nimmt.
Irgendwann drifte ich ab und widme mich der genaueren Betrachtung des Auslagentisches, wo es nicht nur Prospekte mit Fortbildungen (einige schon rum, von vielen den Anmeldeschluss verpasst, der Rest beißt sich mit der Klausurenphase und der ultimative Kurs geht leider an dem Tag los, an dem ich den Besuch abends in die Absteige schleifen werde, weshalb ich nicht teilnehmen kann- wird nur angerechnet, wenn man an jedem Tag da ist), usb-Sticks (alle weg, bevor ich mich traue, mir einen zu nehmen) und Gummibärchen gibt, sondern auch Plüschbären.
Weiße und braune Plüschbären, mit schiefen Gesichtern und Flicken.
"Das sind die Tröstebären", sagt der Bedreadete, der am Auslagentisch lehnt und anscheinend meinen Blick bemerkt hat, "die hatten wir auf dem Rettungswagen sonst immer für Kindernotfälle dabei, damit die Kleinen wenigstens ein bisschen abgelenkt sind. Die da waren ne Fehlproduktion, sieht man ja am Gesicht, deswegen sind die jetzt hier."
Ich empfinde spontan Sympathie für die aussortierten Plüschbären, die nicht mal eine Chance bekommen hatten, ihre Tröstebärqualitäten unter Beweis zu stellen.
"Sag mal, kann man die sich mitnehmen?", frage ich, Plüschtieren generell nicht abgeneigt.
"Willst du dir jetzt son hässliches Vieh mitnehmen?" Die unsympathische Mitsanitäterin sieht mich mit einer Mischung aus Verachtung und Spott an. "Wofür brauchst du überhaupt so einen Tröste-Teddy?", fragt eine andere Mitsanitäterin.
"Ach, seid doch ruhig", grunzt der Bedreadete unwillig und wirft mir einen weißen Plüschbären in die Arme.
"Behalt den, das ist jetzt deiner."
Und als ich anscheinend etwas verwirrt schaue, deutet er auf einen anderen Bären,der ein paar Plätze weiter neben einer Tasche mit "vegan and proud"-Aufnäher sitzt. "Da ist meiner. Und den behalte ich auch."
Sein Bär war nicht richtig weiß und nicht richtig braun und hatte ebenfalls ein krummes Gesicht.
"Die bräunlichen Bären sind eigentlich schöner als die anderen", stelle ich fest,während das unvermeidliche Getuschel der Mitsanitäterinnen losgeht, "Aber die hätte man doch alle noch verwenden können."
"Nee, der Chef hat gesagt, wenn wir schon sowas wollen,dann werden nur die guten verwendet und der Rest geschreddert", erklärt der Bedreadete und geht langsam zu seinem Platz, nimmt den bräunlichen Tröstebären und setzt sich mit ihm auf den freien Stuhl neben mir.
Wir stellen fest, dass unsere Bären sich sehr ähnlich sehen, und während bei allen anderen Bären das linke Auge ein wenig höher sitzt als das rechte, ist es bei unseren Bären ein gutes Stück tiefer platziert.
"Die sehen ähnlich mutiert aus, bestimmt sind das Plüschebärenkumpels", meint der Bedreadete, und so sitzen wir in unserem Vortrag, zwei theoretisch (so gut wie) Erwachsene, und reden über Plüschbären, bis der Bedreadete in der Küche verschwindet.
Er kommt da auch nicht so schnell wieder raus,auch nicht nach der Essensausgabe und nachdem alle fertig sind, und während ich so vor mich hin überlege, ob ich mich mit ihm anfreunden möchte oder nicht, taucht bereits Papa Mayhem auf, der mich abholen möchte.
Er bleibt im Türrahmen stehen, so muss ich den ganzen Raum durchqueren, um ihm zu sagen,dass ich a) gesehen habe,dass er da ist, b) mich vom Rest verabschieden muss, er c) deswegen bitte warten soll und es d) nicht lange dauern wird.
Bis ich wieder bei meinem Platz und somit meiner Tasche und Jacke angekommen bin, ist die "vegan and proud"-Tasche verschwunden, ebenso wie der seltsamfarbene Bär.
Meiner sitzt auf meinen Platz und ich betrachte ihn unschlüssig.
"Nimm ihn mit, du siehst aus wie jemand, der einen gebrauchen kann". Der Bedreadete, in weiter Jacke und fast komplett vermummt mit dickem Schal und großer Mütze, steht wieder neben mir.
"Weshalb bist du dir eigentlich schon wieder so sicher, abschätzen zu können, wie es in mir aussieht?", frage ich ihn.
-"Ach, nur son Gefühl. Und deine Reaktion sagt,dass ich Recht habe."
Idiot.
"Na gut, wenn du sagst,dass wir sie mitnehmen dürfen". Während wir den Ausgang ansteuern, versuche ich, den Tröstebären in meine Tasche zu stopfen, wo ich etwas weiteres, plüschiges ertaste, das sich bei genauerem Hinsehen als der braune Plüschbär entpuppt.
Der Bedreadete bemerkt meinen Blick.
"Das sind doch Plüschbärkumpels, die darf man nicht trennen", erklärt er mir in betont-übersteigertem ernsten Ton, und ich stelle fest, dass jemand eine ähnlich große Macke hat wie ich.
Auf die Frage, ob er nicht einen eigenen Stoffbären bräuchte, zieht er einen weißen aus seiner Jackentasche und lässt ihn zum Abschied winken.

Und jetzt sitze ich so hier, mit meinen zwei Tröstebären, und sie schauen mich aus ihren zu tief platzierten, schiefen Augen an, der braune sieht aus, als hätte er nur ein Auge, der weiße dafür, als hätte er nur ein Ohr, und ich habe zwar immernoch nicht für die Bioklausur gelernt, dafür heute aber einen Schmetterling vor dem Tod,meinen Opa vorm Erfrieren und zwei Plüschbärkumpels vorm Zerschreddern gerettet.
Gute Leistung, würd ich sagen.




Freitag, 27. Januar 2012
Thema: monolog
Nicht-Warhhaben-Wollen, das ist es.
Während ich ihn so anstarre...ungläubig(?), macht es klick und ich kann das Gefühl, oder eher den Mangel an Gefühl, definieren. Verdrängung, die sich bei mir mit der Zeit zu einem richtigen Reflex weiterentwickelt hat.
So starre ich ihn in gemeinsamen Freistunden an, gelegentlich schaut er zurück, wie immer, und er hört Musik, wie immer, und überhaupt ist alles wie immer, während ich versuche, mir das Gegenteil begreiflich zu machen.
Deshalb ist da auch kein Überschmerz. Weil ich es immernoch nicht wahrhabe(n kann/will).
Als er in der letzten Freistunde extra hierbleibt, um dann sie und ihre Freundinnen heimzufahren, ist das seltsam.
Surreal, ein bisschen.
Nur, als sie zusammen zum Auto laufen, er sein Zeug reinwirft und ihre Sachen sorgsam im Kofferraum deponiert, da tut es ein bisschen weh.
Dabei sind sie zum Glück kein Überpärchen, nichtmal ihre Hand hält er, aber ich weiß ja, dass er Überpärchensein in der Öffentlichkeit nicht mag.
Mein Kaffee und ich, wir lehnen so am Bushaltestellenschild und sehen zum Auto rüber, mit ein wenig Melancholie, ein wenig Traurigkeit und ein wenig Schmerz.
But now it's over...
Ich reiße mich los von ihrem Anblick und mache mich auf den Weg zurück zur Schule, bin eine derjenigen, die sich bereit erklärt haben, noch schnell beim Ausräumen des ehemaligen Hausaufgabenraumes, der jetzt ein weiteres Zimmer für Lehrer-Eltern-Gespräche werden soll, zu helfen.
Nächstes Jahr ist er weg und seine Freundin eine derjenigen, die sich das Oberstufenzimmer mit meiner Stufe teilen.
Schlittere so den Weg entlang, denke, wenigstens ist kein Mitglied der Blondinenfraktion mehr da und habe fast sofort einen Ansatz von schlechtem Gewissen, weil ich Blondine 1 nicht zugehört habe, als sie immer wieder meine Versuche, es zu begreifen, mit neuesten Fakten aus ihrem Liebesleben, Geschichten von ihrem Kampfdackel,Hinweisen in Richtung "gib dem halbschwulen Fotographen doch endlich eine Chance" und anderen wichtigen Aussagen unterbrach.
Ich berufe mich darauf,dass ich auch nur ein Mensch bin, ein ziemlich labiler eigentlich noch dazu.
Ja, wirklich. Eigentlich bin ich sehr leicht aus der Bahn zu werfen und über-verletzlich, ich komme im realen Leben nur nie dazu.
"Frau Mayhem, könnte ich dich dann ganz kurz sprechen?" Die Lehrkraft, die die Ehre hatte,mein wunderbares Portfolio vor den Latz geknallt zu bekommen, steuert mit schwerfälligem Gang auf mich zu.
-"Ich muss eigentlich mithelfen beim Aufräumen..."
"Das haben die schon fertig. Es geht um dein Portfolio, kurze Nachbesprechung". Hui, da liest aber jemand schnell.

Der Betreuungslehrkraftmensch stirnrunzelt mich über den Rand seiner rundglasigen Brille hinweg an.
"Psychatrie also? "
-"Ja".
"Hast du nicht gesagt, genau das willst du nicht machen? "
-"Ja." Danke, ich weiß auch selbst,dass ich seltsam bin.
"Naja, ich meine ja nur. Du könntest auch Medienpsychologie machen..."
-"Ich will mein Geld aber nicht damit verdienen, andere Leute zu einer anderen Meinung hinzumanipulieren oder ihnen zu erzählen,dass sie genau das eine Produkt unbedingt brauchen. Und das andere da, und das nächste.."
"Du denkst zu rücksichtsvoll. Sicherere Einnahmequelle wäre es, klinische Psychologie geht zurück."
-"Ich weiß, das habe ich in meinem Vortrag ja auch erwähnt. "
"Psychotherapeutin müsstest du ja dann machen, das kostet auch ganz schön Geld, du mussts aber machen,wenn du überhaupt was finden willst.."
-"Vorausgesetzt, ich überstehe das Grundstudium."
"Mathe immernoch nicht deine Stärke?"
-"Nein."
Es wird weitergeblättert.
"Deine Begründung für den Beruf...nichts anderes hätte ich erwartet."
-"Wieso das?" Bin ich wirklich so berechenbar?
"Was das angeht, bist du ziemlich berechenbar." Na danke. "Das muss nichts schlechtes sein, es war nur sehr offensichtlich, das du so etwas schreiben würdest."
Was haben Sie erwartet, kreative Geistesergüsse? Ich habe das innerhalb von eineinhalb Stunden in tiefster, dunkelster Nacht (mehr oder weniger) verfasst.
-" Wieso war es denn offensichtlich?"
"Das kannst du dir bestimmt denken. Hier hast du es jedenfalls wieder, die äußere Form ist in Ordnung, die Mappe nicht mehr ganz neu, aber ich hoffe, dass eine echte Bewerbung dann besser aussieht, auch,wenn die, wie du im Lebenslauf geschrieben hast, wohl frühestens 2019 rausgeht."
Mit einer Husch, Husch!-Bewegung werde ich aus dem Büro bugsiert und im wahrsten Sinne des Wortes vor die Tür gesetzt.
Draußen wirbeln Schneewolken durch die Asphaltprärie und ich bringe es sogar fertig,meinen Bus noch zu erwischen, zum Glück gibt es Busfahrer, die warten, wenn man, mit einem schwarzen Schnellhefter wedelnd und dabei fast den Rest (Tasche, Ordner, Jacke, Tragetasche) verlierend hinter seinem Gefährt her rennt.
Natürlich legte ich dabei die übliche Eleganz an den Tag.

"Deine Begründung für den Beruf..nichts anderes hätte ich erwartet."
Vielleicht bin ich ja berechenbar. Oder das ist wieder so eine Logiksache,dann bin ich aus der Nummer draußen, logisches Denken beherrsche ich in etwa so gut wie Norwegisch. Oder Mathematik.
Vielleicht erschließt es sich ja irgendwie aus dem logischen Zusammenhang, dass meine Bewerbung sagt, ich interessiere mich für die menschliche Psyche und was sie beeinflusst, habe beim roten Kreuz Erfahrungen mit Menschen in Krisensituationen und Problemfällen gesammelt, beherrsche die Gratwanderung zwischen routiniertem Zupacken und sensiblem Verständnis,wenn es um Kontakt mit den Problemfällen geht, und die einzige sinnvolle Schlussfolgerung aus diesen Fakten ist, dass ich diejenige werde, die sich um die verstörten Jugendlichen, Drogenabhängigen, und die gescheiterten Existenzen kümmert.

"Sag mal,war das klar, dass ich sowas schreibe?"
Am anderen Ende der Leitung ist die alte Sache, der, als er hörte, dass ich am Telefon bin, seiner Schwester das Gerät entwendet und sich selbst drangehängt hatte, und der, nachdem ich kurz gezögert hatte, das Anschreiben vorgelesen bekam.
-"Ja." Gesprächig wie immer.
"Und warum?"
-"Naja. Du bist so ein..menschlicher Mensch. Ich glaube,wenn es eine Person gibt, die sagen darf, dass sie immer da ist, bist du das. Du verstehst solche Sachen auch immer,wenn es einem schlecht geht. Und solche Leute. Vielleicht hilft das denen,wenn sie wissen,dass jemand da ist, der sie versteht. Vielleicht gehts denen dann besser."
"Meinst du?"
-"Ja, außerdem siehst du immer,was los ist..das ist schon geistiges sezieren", lacht er. "Ich glaube, das muss man da können. Geistig sezieren, verstehen und helfen."
"Ich werds versuchen, dann. 2019 oder so."
-"So spät erst?"
"Alte Sache, ich bin noch nichtmal 18."
-"Achso, stimmt ja, du bist ja n Stück jünger als ich..ich vergesse das immer wieder."
"Passiert."
-"Was passiert?" Am anderen Ende wieder die Stimme der Schwester.
"Wo hast du die alte Sache hin?"
-"Der muss lernen. Wollte nur Tschüss sagen, ich muss auch gleich weg. Was ist eigentlich mit dem Kerl da, ich glaube, er heißt Problem? Du meintest ja, der wäre irgendwie was besonderes, hat sich da was für dich ergeben?"
Ich lege auf.






Thema: monolog
Menschen.
Menschenmenschenmenschen.
Sind eine Einheitsmasse, die so an mir vorbeiplätschert, als ich zum Fotomenschen laufe, eigentlich mit dem Vorsatz, meine Kamera abzuholen, praktisch ist es irgendwie eine Art Verdrängung.
Und während ich so laufe, erst auf dem Gehsteig vorbei am Drogeriemarkt, der Tankstelle und dem Supermarkt, dann über das Kopfsteinpflaster der Altstadt, wo es so wirkt, als würden sich die Dächer der Fachwerkhäuser über meinem Kopf berühren, wiederhole ich es ein paar Mal in Gedanken.
"Das Problem, was ist eigentlich mit dem? " -"Ach,der ist bestimmt bei seinem Mädchen. Der ist ja nur noch bei der".
Der simple Abiturientendialog, heute gehört beim Anstehen für einen weiteren Mensabon.
Der Dialog, der es bestätigt hat und den ultimativen Zusammenbruch hätte auslösen sollen, aber stattdessen bin ich von der Mensa sofort Richtung Altstadt gelaufen, habe mich im Laden abweisen lassen,Komplikationen, S.amsung hat die Kamera ohne Begründung zurückgeschickt,nicht repariert, habe es dabei die ganze Zeit in mein Hirn hämmern wollen.
In Gedanken ständig wiederholt, den Satz. Das Bild heraufbeschworen, wie sie so dasaßen, vor den Ferien.
Geistig auf mich eingeprügelt, um ein Gefühl aus mir herauszukriegen, aber das Problem ist, ich will es nicht wahrhaben.
Mein Verstand macht dicht und will es nicht begreifen, und als mir das so auffällt, während ich am Reformhaus vorbeilaufe, hat das was resignationsauslösendes.
Dass mein Herz nicht verstehen will, kenne ich ja.
Et tu, Gehirn?
Sogar du?
Ich weiß nicht,was ich sagen soll.
Es wäre gut,wenn ich es begreifen würde, dann könnte ich heulen und schreien, depressive Lieder schreiben, die nie jemand zu Gesicht bekommen wird und irgendwann wäre es verarbeitet, aber dieser Verdrängungsreflex...
"Morgen" Eine ehemalige Mathelehrkraft steht gerade vorm Schuhgeschäft und hat mich gegrüßt.
-"Morgen." Laufe weiter.
Freundin.Freundinfreundinfreundin.Er. Hat eine Freundin. Eine feste. Sie. Das Mädchen. Sie hört David Guetta. Und verwendet zu viel Make Up, obwohl sie mit weniger davon sehr hübsch ist.

Die, die besser ist als ich, hört David Guetta.
Können Sie sich das vorstellen? Verstörend.
So produziert mein Hirn munter weiter dumme Aussagen, während der emotionale Rest sich völlig enthält und wohl in den Winterschlaf gefallen ist; lediglich ein kleines bisschen Schmerz ist da,und so betrete ich das Schulgelände wieder, ohne einen Nervenzusammenbruch erlitten zu haben, und eine einzelne Schneeflocke fällt mir auf die Nase, als ich nach oben blicke, um abzuschätzen, ob ich mich darüber aufregen sollte, meinen Schirm daheim vergessen zu haben.
Die einzelne Schneeflocke hat ihre Freunde mitgebracht, und so bleibe ich noch ein wenig draußen sitzen, während sie langsam den Boden bedecken und ein paar Fünftklässler fangen spielen.
Zum Glück, endlich wieder mal normale Fünftklässler, nicht so verkorkste, wie wir das damals waren. Oder so seltsame,wie ich das war.
Auf einer Bank sitzt das Mädchen mit einer Freundin und blättert durch eine Zeitschrift, irgendwann gehen Freundin und Zeitschrift und sie bleibt alleine sitzen.
Den Schnee, der sich auf meine Schultern als ganz dünne Schicht gesammelt hat, schiebe ich langsam weg und gehe auch, nicht durch den Haupteingang, dafür hätte ich an ihr vorbei gemusst, sondern den anderen Weg. Will nicht mitbekommen, wenn sie da eventuell verpärchend mit dem Problem herumsitzt.
Überhaupt, wieso muss das jetzt passieren?
Es wäre ja zu einfach gewesen, zu leicht für mich,wenn wir uns einfach aus den Augen verloren hätten und er sich dann irgendeine gesucht hätte.
Die einfachen Lösungen, die sind ja immer für die anderen reserviert, ich bekomme immer den Mist zugeteilt.

I've been waiting for a guide to come and take me by the hand...
Meine eingeschneite Jacke und ich, wir liegen auf dem Gammelsofa im Gammeloberstufenzimmer und starren die Decke an, während die Heizung dafür sorgt, dass die weißen Eiskristalle flüssig und meine Haare somit nass werden, und währenddessen warten wir auf den ultimativen Zusammenbruch und veranstalten eine Art Rückschau.
In der Rückschau taucht es alles auf, die ganzen Sachen, die in mein Leben gestopft wurden, weil die einfachen ja für den Rest der Welt reserviert waren, und damit nicht doch irgendeine Gefühlsregung für die Außenwelt sichtbar wird, schließe ich die Augen und konzentriere mich auf meine Atmung. Musik ganz laut machen, Rest ausblenden, Atmen.
Einfach weiteratmen.
Nichts anderes. Runterschlucken, das Gefühlszeug.
Ganz tief vergraben, irgendwo in mir drin, wo es nie wieder ohne Hilfe rauskommt.
Das umsetzen, was ich dem Student immer sage: Ich habe nicht vor, mich in irgendwen zu verlieben.
Das, was ich mir schon bei der alten Sache vorgenommen habe:Es einfach nicht zulassen.
Das ganze Ding,einfach ignorieren, wegwerfen.

Das werde ich tun, denke ich so bei mir. Und ich nehme das Gefühlszeug, den ganzen Klumpen mit diesen Sachen,die ich ja doch nie aussprechen oder gar zeigen kann, trage ihn ganz weit weg und vergrabe ihn mehrere Meter tief im Boden, um sicher zu gehen,dass er nicht wieder rauskommt, auch,wenn er schreit.
Bis die Blondinenfraktion auftaucht, habe ich ihn fertig vergraben und bin schon wieder da, und sie merken nicht,dass da was fehlt; so höre ich mir die üblichen Beziehungsgeschichten und Lebensdramen an,lächle an den passenden Stellen, bin aber geistig irgendwie gelähmt.
Und das Herz, das ist auch ruhig; da ist nicht einmal Genervtsein, da ist einfach garnichts.

Solange der Schmerz bei der Leere fehlt, werde ich sie wohl kultivieren.
Ich kultiviere die Leere, während ich darauf warte, dass ich endgültig zusammenbreche und/oder/weil der Gefühlsklumpen doch irgendwie wieder freikommt..


Die alte Sache sagte mal,faszinierend an mir sei unter anderem, dass ich es schaffen würde, andere Leute zu stützen, obwohl mir selbst jegliche Stabilität fehlt.




Sonntag, 22. Januar 2012
"Hey du".
Freundliches Lächeln seitens der alten Sache, als ich, nachdem ich erst eine dreiviertel Stunde am Abfahrts- und dann nochmal zwanzig Minuten am Ankunftsbahnhof gewartet habe (im ersten Fall auf den Zug, im zweiten Fall auf die Feindin, die versprochen hatte, mich aufzusammeln und mitzunehmen), relativ eingefroren und ohne perfekt sitzende Frisur nebst Feindin das Haus seiner Eltern betrete, natürlich nicht durch die Haustür, sondern, wie alle anderen irgendwie auch, über die Terasse.
Er sitzt so da mit seiner Freundin und ich will gerade auch zu ihr Hallo sagen, als etwas auf mich zuschießt, mich so fest umarmt,dass mir die Luft wegbleibt und mich ein Stück hochhebt (das muss man(n) erstmal schaffen).
Es ist der Kumpel mit der weiblichen Seite, der,während er mich umarmt, leider nicht mitbekommt, wie mich seine Freundin mit Blicken erdolcht.
Als er mich loslässt, umarmt sie mich auch, dieses "iiih, muss ich das jetzt anfassen?"-Umarmen, das manche Leute so machen, wenn sie jemanden eigentlich nicht mögen, aber so "kill them with kindness"mäßig drauf sind.
Die alte Sache umarmt mich nicht, seine Freundin begrüßt mich ebenfalls freundlich (sie kann sprechen?) und ich gehe davon aus,dass wir nicht mehr Leute werden, als sie mit einer anderen Bekannten in den Raum kommt, kurz grüßt und sich dann sofort in einer Diskussion über die 15cm-Absatzstiefel versenkt, die sie gerne hätte. Geht aber nicht, sie spart seit drei Jahren für einen Frankreichaufenthalt.
Ich lasse mich neben dem Familienhund auf dem Sofa nieder, der sofort seinen Kopf zum Kraulen auf meinem Bein ablegt. Man könnte dem Hund auch kurze Zöpfe flechten, fällt mir gerade auf. Dabei ist es kein Handtaschenhund, sondern ein ganz normaler.
Hm, sollten sie Liebesfilme sehen wollen,könnte ich dem Hund immernoch Rastas -"ALTER! wieso habt ihr mich nicht eingeladen?"
In der Terassentür steht der Student, leicht bläulich angelaufen, ebenfalls Kategorie "vom Winde verweht", mit Jogginghose an den Beinen und Wahnsinn im Blick, und starrt die alte Sache vernichtend an.
"Meine Schwester hat eingeladen."
Der Blick des Bösen wandert zur Schwester."Och, dich hab ich vergessen", lacht sie. Ist typisch für sie, alles nicht so dramatisch.
"Naja, macht ja nichts." Die plötzlich hinter mir aufgetauchte Stimme lässt mich zusammenzucken.
Faust tritt hinter dem Sofa (!) hervor, soweit man eben aus einer Zimmerecke, die von einem Sofa verstellt wird, hervortreten kann, lässt sich neben mir nieder und fragt, ob er mich erschreckt habe.
Ich verneine und weise darauf hin,dass ich lediglich nicht daran gewöhnt bin,dass die Wand hinter mir vermeintlich anfängt zu sprechen.
Oder sich Leute hinter mir und hinter dem Sofa verstecken.
Der Student will sich auf meiner anderen Seite hinsetzen, aber ich ziehe die Feindin am Arm aufs Sofa, sie reagiert auch prompt, wirkt zwar etwas irritiert, als ich aber in Richtung des tiefgefrorenen Studenten nicke, versteht sie. Wenigstens der Hund ist ein netter Mensch und dackelt zum Studenten, um sich von ihm weiterstreicheln zu lassen, Faust hatte ihm ja seinen Platz neben mir streitig gemacht.
Weil Hasischatzi sich auf ihrem Freund ablegen will, sitzen schließlich Faust, ich, die Feindin, sie und ihre Bekannte gequetscht auf einem Drittel des Sofas, während Hasischatzi und der Kumpel auf den anderen zwei Dritteln liegen. Die alte Sache war wenigstens so nett, sich mit seiner Freundin in einen der großen Sessel zu verlagern.
Ich beschließe, mal ein wenig Stimmung zu machen, auch, weil Hasischatzi so erdolchungsblickmotiviert ist.
"Sag mal Kumpel, wieso antwortest du eigentlich nicht auf meine sms?"
Er wirkt irritiert. "Welche sms? die letzte, die ich von dir habe, ist vom 12.Juni."
-"Ich hab dir letztes Jahr im November schon geschrieben,eigentlich auch an Silvester, aber irgendwie kam da nix zurück und anderweitig gemeldet hast du dich ja auch nicht so wirklich".
Er schaut sehr irritiert, Hasischatzi sehr böse.
"Ach, das liegt nur an deinem Handy", winkt er ab.
Und später aufs Thema Eifersucht angesprochen:"Also mein Hasischatzi, die ist ja gar nicht eifersüchtig".
Die Feindin lacht ihr kurzes, kleines Lachen, dass sie bei Aussagen, die fast schon ironisch sein könnten, immer lacht. "Also das würde ich ja jetzt nicht so sagen". Und widmet sich wieder ihrem Handy, wie immer. Erneut habe ich das Gefühl,dass sie eigentlich gar keine Lust hat, hier zu sein.
"Und du, du bist immer noch single?", fragt mich Hasischatzi mit Gehässigkeit in der Stimme, die von Pseudofreundlichkeit nur schlecht überdeckt wird.
"Ja, ich hätte keinen Bock drauf,dass da jemand an mir dranklebt, mich nonstop einschränkt und Terror bei jeder Gelegenheit macht, die sich bietet."
Faust grinst in seine neueste Bartmode, Modell klein und geflochten, hinein, Hasischatzi macht große Augen.
Muss ja auch mal geklärt werden, sowas.
"Wobei so eine Beziehung ja auch Vorteile hat..", gibt er zu bedenken.
"...ab einem gewissen Grad an "Schatzimausipupsi" und Klettigkeit aber irgendwie nervig wird", ergänze ich, und erinnere mich an ein Wort, dass ich bei Morphine gelesen habe: Beziehungsimperialismus (ich möchte bitte, dass es in den Duden aufgenommen wird).
"Stimmt, ich seh das ja auch so",pflichtet mir der inzwischen nicht mehr ganz so bläuliche Student bei.
"Sag mal, wo kommst du eigentlich her?", frage ich ihn, "Ich denke, du bist dieses Wochenende in deinem Studienort?"
-"ja, aber dann dachte ich mir, dvd-Abend wäre ja ganz nett, und du meintest ja,dass heute was ist, also bin ich hergefahren... Bis kurz vorher hat mich der Intellektuelle mitgenommen,die restlichen 7km bin ich halt gelaufen".
Ja gut, nach 5km zum Bahnhof und dem Warten sah ich wohl ähnlich aus.
Natürlich ist er nur wegen den Filmen hier.

Man einigt sich darauf, einen bösen Horrorfilm zu sehen, der dann garnicht so böse ist, aber auch nur, weil wir nebenher reden, manchmal, nichts zu tiefgründiges, aber immerhin, wir reden.
Irgendwann meint die alte Sache, er möchte mir etwas zeigen, und wir sitzen vor seinem Laptop und schauen Bilder an, vom Konzert, zu dem er mich eingeladen hatte, unter der Woche, dann von seiner Schulzeit.
Vom Leistungskurs mit dem Studenten, vom Abiturstreich. Von ihm, während er sich auf ebendiesen vorbereitet, mit zurückpomadisierten Haaren, enger schwarzer Hose, schwarzem Shirt und rundglasiger Sonnenbrille. Von seinem Hund.
Ich sitze so nebendran und ein bisschen Melancholie ist da schon,weil es gerade wieder ist wie früher.
Selbst, als er seine Freundin dazuruft und ihr Bilder zeigt und erklärt, ist da kein Gefühl von Ausgestoßenheit oder fünftes Rad am Wagen. Ich entschließe mich dann trotzdem, wieder an meinen Platz zu gehen, der inzwischen von Hasischatzis Füßen vereinnahmt wird, und während ich so rüberschaue, zu den zwei am Computer, ist da überraschenderweise kein Stahlseil, das mein Herz zerteilen will (hilfe, dieser Horrorfilm hat mich traumatisiert). Irgendjemand hat das Herz mit Polstermaterial eingepackt, deswegen ist da nur Druckschmerz, aber nichts akut lebensgefährliches, also irgendwie abgetrennte Herzteile oder eine tiefe Fleischwunde. Nicht jetzt. Nicht heute. Nicht hier. Nicht für ihn.
Vielleicht sind aber die Gefühlsprozesse, die leise und ständig an einem nagen, die gefährlicheren. Who knows.
Sie sehen glücklich aus, zur Abwechslung auch mal beide, nicht nur er.
Denke so bei mir,dass das schön ist, dass er glücklich ist.
Zwar nicht mit mir, aber immerhin, glücklich. Wenigstens einer.

Irgendwann nach dem dritten Film verabschiedet sich Faust und nimmt den Studenten gleich mit.
Ersterer sagt, es war schön, mal wieder mit mir zu reden, und zwirbelt dabei den gezopften Bart, letzterer sagt kein Wort und geht dann auch. Vielleicht, weil die alte Sache in seinem Auftrag ausloten sollte, wie es denn so emotional bei mir aussieht, und ich ziemlich viel Deutlichkeit in meine Aussage gepackt hatte.
Eigentlich wollte ich ja mit ihm reden, darüber. Hat sich aber nicht ergeben, hm.
Überhaupt bleiben die Gespräche an der Oberfläche, und so rede ich zwischendurch relativ viel, aber die Feindin und der Kumpel mit der weiblichen Seite können mir geistig nicht folgen, finden die absurd-semiwitzige Aussage deshalb nicht ganz so toll wie ich, und die Feindin lacht wieder dieses kleine, fiese Lachen, und hängt ein "bla, bla bla" an. Das Drahtseil hat gerade ein Stück Herzschutzpolstermaterial durchgeschnitten.
Merkt sie natürlich nicht, und fährt fort, auf ihrem Handy herumzutippen.
Als die alte Sache wieder einen Beamtenwitz machen will, verteidige ich die Feindin trotzdem. Und komme rückblickend zu dem Schluss, dass ich mich wohl nicht nur in Beziehungsdingen unfähig anstelle, sondern auch Freundschaften irgendwie nicht so super auf die Reihe bekomme.
Vielleicht liegt es ja auch am Rest der Welt. Bestimmt.

Trotzdem sowas.
Sitze auf dem Balkon vor ihrem Zimmer, habe die Schwester der alten Sache an meiner starken Schulter hängen und beschränke mich darauf, einfach da zu sein.
Das kann ich gut, einfach da sein; etwas sagen ist viel schwerer, und Mitgefühl zeigen sowieso. Oder allgemein Gefühle.
Und sie erzählt so von Faust, den sie toll findet aber er sie nicht, und von dem Mädchen,das mir schon in der AG, in der ich mit ihr und Faust war, das Leben schwer gemacht hat, weil sie dachte, ich wäre Konkurrenz für sie, und davon,dass dieses Mädchen und Faust eben nicht nur freundschaftlich verbunden gewesen waren, und dass sie keine Chancen bei ihm hat und das Leben grausam ist.
Ich sage ihr, dass Liebe manchmal wehtut, sie sagt, verlieben ist ihr vorher nicht so passiert, und sie wusste nicht,dass es so sehr wehtut.
Fast hätte ich gesagt, ich wusste es auch nicht. In keinem der beiden Fälle wusste ich,dass es (wieder) so wehtun würde. Und man es eventuell nicht richtig wegkriegt.
Stattdessen meine ich, dass das wohl dazugehört, dass es wehtut, Ausgeglichenheitsgeschichte. Und dass es mir ganz oft ganz wehtut.
Aber es ist doch Faust, sagt sie. Den sehe sie ja praktisch jedes Wochenende.
Ich denke mir, so ging es mir bei deinem Bruder auch.
Und das Problem, das habe ich jeden Tag gesehen und sehe es immernoch jeden Tag.
Sage ihr, dass es eine richtig beschissene Situation ist, und dass es sich so furchtbar anhört, dieses "Kopf hoch, da musst du jetzt durch!". Und dass sie da nicht durchmuss, und wenn, dann nicht alleine.
Dass ich da bin, jederzeit, egal um welche Uhrzeit, mitgehe,wenn sie nicht alleine mit ihrem Bruder, Faust und den anderen unterwegs sein möchte, und zu ihr komme, wenn sie nicht mit ihnen weggehen, aber auch nicht alleine daheim rumsitzen will.
"Zur Not lauf ich vorbei, an den Bahngleisen entlang geht das relativ flott". Als ich es ausgesprochen habe, fällt mir auf, dass ich es ihrem Bruder mal so ähnlich gesagt hatte, als es ihm gerade schlecht ging.
Hatte ihm gesagt, dass er sich jederzeit melden kann, wenn was ist; dass ich da bin für ihn, und wenn das bedeutet, dass ich an den Bahngleisen entlang, damit es schneller geht und ich mich nicht verirre, zu ihm laufe und da bleibe, bis es ihm besser geht.Weil wir Freunde sind.
Oder eher Freunde waren, sagt das Drahtseil und durchschneidet wieder ein Stück Herzpolstermaterial.
Autsch.

Und wir sitzen so auf den Balkon, die Schwester und ich, jeder mit seiner Tasse Kamillentee vor sich, und starren in den bewölkten Nachthimmel. Ein Stockwerk tiefer geht bei der alten Sache und seiner Freundin das Zimmerlicht aus, und so bleibt der einzige Lichtpunkt die Straßenlaterne auf der gegenüberliegenden Straßenseite.
Sie sagt, wird schon alles werden. Und das es nicht mehr so schlimm ist,jetzt.
Ich sage, liegt bestimmt am Kamillentee, der beruhigt ja.