Samstag, 23. Februar 2013
Die Ferien hauptsächlich im Bett verbracht, immer begleitet von Weltschmerz, gelegentlich verstärkt durch Selbsthass und Fressanfälle, man merkt, dass die Schule als ordnendes Element und nerviger, aber manchmal beinahe sinnvoller Zeitvertreib gefehlt hat.
Lasst mich nicht zu lange mit mir allein, sonst geht nur wieder was kaputt..
So bin ich wenigstens den halben Tag beschäftigt, sieht man von dann ab, wenn ich keine Lust habe und krank bin, was bei mir immerhin noch halbwegs eine Ausnahme darstellt; im Gegensatz zur dem Entschuldigungszettelberg, den manche meiner Mitkollegiaten angehäuft haben, ist meiner noch im unteren Mittelfeld.
Außerdem setze ich Prioritäten. Kein Krankheitsfall an Tagen mit Nachmittags- oder Biologieunterricht. Möglichst auch nicht an Mathetagen.
Bleibt nicht mehr viel übrig.

Dann habe ich angefangen, mich immer mal aufzuraffen, auch, wenn es keiner gesehen hat.
Habe das Katzenklo ausgeleert, den Müll rausgebracht und irgendwann sogar Wäsche gewaschen.
Meine Wohnung sieht immer noch aus, als hätte ein Wirbelsturm darin gewütet, das Chaos, das Ms Golightly hinterlassen hat, ist mit meinem verschmolzen und insgesamt irgendwie eklig.
Aber ich arbeite dran. Irgendwie.
So langsam, dass es mit dem bloßen Auge fast nicht zu erkennen ist.

Gestern bin ich zu Papa Mayhem gegangen, um ihn nach einem Versandumschlag für meine Bewerbungsunterlagen zu fragen, und dann drei Stunden dort geblieben.
Wir haben geredet, wie wir es eben manchmal können, seit neuestem und wenn die VF weg ist, aktuell ist sie mal wieder beleidigt und im Funkstille-Modus.
Er hat es geschafft, mich um Hilfe zu bitten.
Hand-OP Nr.2 macht Komplikationen, Nr.3 steht an und die Schulter muss auch ran, außerdem irgendwas, was Aderverschluss, aber nicht Thrombose heißt, im Bein, alles in allem rät man ihm zur Umschulung und er wird 2013 nicht mehr auf die Arbeit gehen können.
Papa Mayhem sagt, scheiß auf Umschulung, mit über 52 braucht man das auch nicht mehr anfangen.
Sind ja nur noch 15 Jahre bis zur Rente, werfe ich so in den Raum, und dann fragt er, ob ich ihn vielleicht manchmal fahren könnte, wenn es soweit ist und er mal wieder neu lernen muss, wie man eine Hand richtig bewegt. Und ob ich den Raucher fragen könnte, ob er vielleicht im Garten und mit den Bäumen helfen will.
Und ob ich für die Schule irgendwas brauche, Lernmaterial fürs Abi oder so. Da gäbe es doch solche roten Bücher, für fast alle Fächer. Ob ich sowas auch gebrauchen könne.

Als ich wieder heimkomme, habe ich einen Umschlag für meine Bewerbung und Angst wegen dem Vaterschaftstest und vermisse meine Mutter, trotz allem.
Jetzt sind wir schon beide am verzweifeln.
Und auch, wenn danach so vieles irgendwie leichter geworden ist, hätte ich sie vielleicht gerne wieder zurück.
Überhaupt, was soll das eigentlich.
Mir einfach so schrittweise meine Familie wegzunehmen.
Ohne mich zu fragen, ob das in Ordnung ist.
Oder ob ich das überhaupt will.
Ich will meinen Vater nicht verlieren, und ich will nicht, dass Opa Mayhems Gehirn wegsprudelt und ich ihn auch verliere.
Ich würde meine Familie gerne behalten,oder zurück haben, oder wieder aufbauen. Irgendwie.


Heute bin ich in die Stadt gefahren, mit dem Raucher, und außer Brot habe ich mir noch eine Glasnagelfeile gekauft, weil die alte kaputt ist und meine Fingernägel seitdem zersplittern ohne Ende, ganze 4,95 Euro habe ich dafür ausgegeben, und ein Album von Sigor Rós habe ich auch gekauft, weil Sigur Rós der einzig funktionierende Umarmungsersatz sind und ihre Musik eines der wenigen Dinge, die die Beschreibung "heilsam" verdienen.
Dann habe ich den Mann, der mein Freund ist, noch ein bisschen toll gefunden und mich darüber gefreut, bin zurück in meine Wohnung gekommen und ein bisschen zusammen gebrochen, und jetzt sitze ich mit Handtuchturban auf dem Bett und höre mir das Album an, um nachher gesellschaftsfähig genug zu sein, um mir die bekloppten Raucherfreunde, sein "mimimimimi, ich bin halt ein Partylöwe, ich muss saufen, blablabla" und die Absteige allgemein anzutun.
Hätte nie gedacht,dass ich mich da mal hinzwingen muss und auch dort nicht frei bin.
Den Fremden abwehren, den Raucher halbwegs zulassen, und irgendwie einen großen Bogen um Mr.Gaunt machen, mit dem nichts ist, aber der so viel ist.


Alles wird gut.

Her Sunset with Sigur Ros' 'All Alright' from mina on Vimeo.





Dienstag, 19. Februar 2013
So
klang das früher; in dem Zusammenhang wäre auch das
eventuell interessant.

Was davon geblieben ist?

Nichtmal mehr die roten Haare.
Aber meine Katze ist noch da, und ich bin es auch. Vielleicht mit einem Fuß im Revier des Nervenzusammenbruchs, aber ich bin da.
Das ist alles, was ich sicher weiß.


Die Blondinenfraktion weiß noch weniger, für die Abizeitung muss sich aber irgendwer mit meiner Persönlichkeit auseinander setzen.
Gibt wohl Angenehmeres, aber was muss, das muss, somit habe ich das einzig Vernünftige getan und die erste Zweckgemeinschaft, die zur guten Freundin geworden ist, und Blondine 1 zu meinem Autorenteam ernannt und mich im Gegenzug bereit erklärt, an ihren Beiträgen mit zu schreiben.
Heute also Grobgerüst, eine halbe Stunde lang.
Personenverschlagwortung, wer am meisten findet, gewinnt.


M. A. Mayhem:
besonders
schreibt
Ironie u. Sarkasmus
Katzenmutti
Vegetarierin
backt voll die guten Kekse
Bücherwurm
manchmal SEHR leicht reizbar
schüchtern und selbstbewusst gleichzeitig
schwierig
einfühlsam
Morgenmuffel
Plüschtiere
harte Sau
hilfsbereit
mürrisch
breiter Musikgeschmack
zugetackert
kreativ
Dutt



Außerdem die wichtigste aller im Bogen aufgeführten Fragen:
heiratet er/sie später mal?
Nein, der passende Mann muss erst noch erfunden werden.
Für mich doch etwas überraschend war die zweite Option: Ja, wilde Ehe mit Faust oder nem andren schlauen, gruseligen Mann mit komischem Style und Musikgeschmack. Und der ganz viele Bücher liest.
Die eindeutig passendste und einzig richtige Antwort hat allerdings der Kommentator mehr oder weniger im Vorbeigehen geliefert:
Ja, ihr Mayhemmobil.


So, jetzt wissen Sie's.




Samstag, 16. Februar 2013
Thema: monolog
..und dann finde ich mich in der Einlassreihe vor einer bis ins letzte Eck mit Bierzeltgarnituren vollgestopfen Sporthalle wieder.
Neben mir Kriemhild und Kriemhildfreund im Hawaiioutfit, in meinem Hirn noch Opa Mayhem in drei Wolldecken gewickel, noch gestorbener aussehend als beim letzten Mal und sich auch so verhaltend.
Menschlicher Verfall ist so ein blödes Arschloch.

Ich bin eher spontanverkleidet, rotes Pünktchenkleid, überdimensionierte schwarze Stoffschleife um die Taille und ein paar mit Kajal aufgemalte Schnurrhaare plus geschwärzte Nasenspitze ergeben in Kombination mit kleinem Absatz, schwarzer Strumpfhose und mir zu zotteligem Zopf (mit Schleife!) irgendwas niedlich-retro-minniemausartiges, das ausreicht, um a) vergünstigten Eintritt und b) im Vergleich zu sonst überdurchschnittliche Beachtung vom eigenen (verdammt, wieso muss das Rotkreuzmädchen immer vergeben und in monogamen Beziehungen sein?) sowie dem anderen Geschlecht auszulösen.
Letzteres wird durch das Auftauchen des Rauchers (immer noch als böser Biker unterwegs, entweder gut gelaunt oder immer noch mit Restalkohol) irgendwann zwischen DJ-Partykracher-Einlage und Männerbalett Nr. 3 etwas gedämpft, besonders, als er dazu übergeht, sich nicht von meiner Seite und seinen Arm nicht von meiner Hüfte weg zu bewegen; natürlich nicht ohne subtil zu jammern,weil seine Freunde zwecks Vorglühen noch draußen stehen.
"Find ich jetzt weniger dramatisch", schulterzucke ich ihn eiskalt an, ohne meinen Blick von der Bühne zu lösen, "Davon abgesehen hab ich schon oft genug gesagt, dass ich dich nicht von deinen Freunden fernhalten will". Besoffen bist du genauso scheiße wie die. Und nüchtern manchmal auch.
Und überhaupt ist mir das alles gerade viel zu viel.
"Ich will aber jetzt bei dir sein", meint der Mann an meiner Seite und zieht mich zur Bekräftigung dieser Aussage noch ein Stück weiter zu sich.
-"Dann beschwer dich nicht, dass du nicht beim Pinguin und den anderen bist." Ich kann manchmal sowas von herzlos-realistisch sein.
"Ich beschwer mich ja gar nicht", mault er.
Man möchte weglaufen.

Nach Männerballett Nr.5 und erneuter akustischer Massenvergewaltigung der Besucher durch den DJ tauchen sie auf, die Raucherfreunde. Entscheide mich somit für Rückzug hinter die feindlichen Linien alias in eine Nebenhalle, die als Bar/Ausschankthekenkombination fungiert, genauso überfüllt ist wie der Rest des ganzen Horrorszenarios, aber mir wenigstens übergangsweise Anonymität und Untertauchmöglichkeiten bietet, weshalb ich beschließe, eine Ecke zu erobern, dort bis auf weiteres zu bleiben und sie mit meinem Leben zu verteidigen, zumindest solange, bis sich der Angstzustand meine leichte innere Unruhe wieder ein bisschen gelegt hat.
Will wegrennen, ganz weit weg.
Geht aber gerade nicht.
Also, einfach weiteratmen. Alles wird gut, irgendwann.
Augen zu. Einatmen. Ausatmen. Alles wird gut.
Augen wieder auf, der Zweimetermann mit der Afroperücke, der mich vorhin mit angetrunkenen Flachwitzen und harmloser Tappsigkeit unterhalten wollte, hat mir auf die Schulter getippt und fragt jetzt unsicher lächelnd , ob er mir was ausgeben dürfe.
"Jetzt nicht als Anmache, oder so... dein Freund schaut viel zu gefährlich aus, da trau ich mich das nich.. Aber du bist so besonders und ich find dich so toll." Sagt er und strahlt übers ganze Gesicht und meint das alles so, wie er es sagt.
"Wenn es ok ist, hätt ich gern ein Wasser. Oder ne Apfelschorle..."
-"Oh, du Arme, musst du fahren?"
"Nö, aber ich warte mit allem anderen aber lieber, bis ich nen Anlass habe".

Sekunden später taucht ein potentieller Anlass in Form des beinahe nüchternen Fremden auf, hängt seinen Arm um meine Schulter und ist mit einem Mal so nah, dass ich am Liebsten weinen würde.
Dann habe ich die Begrüßungsumarmung überstanden, aber seine Hand immer noch auf meinem Rücken und sein Blick reicht als Heizstrahler weit genug, um mich komplett aufzutauen,alles, was da an Hoffnung war, für kurze Zeit zu reanimieren und mir endgültig Wasser in die Augen zu jagen.
Dann tut der Afromensch das einzig Richtige, schubst den Fremden ein Stück von mir weg, platziert seinen eigenen Arm um meine Schultern und ein Colabier unbekannten Ursprungs in meiner Hand und weist den Fremden darauf hin, "Die Frau is vergeben, Alter. Leider nich an mich, aber als Ehrenmann"-er zupft sich die Perücke zurecht- "zolle ich ihrem Freund voll den Respekt und verteidige sie, wenn ers grad nicht macht".
Er nickt energisch.
"Dein Kumpel da ist aber schon ein bisschen verstrahlt, oder?" Der Fremde lacht unsicher und versucht wieder, seine Hand auf meinen Unterarm zu legen, aber diesmal gehe ich einen Schritt zurück.
Distanz schaffen.
Er ist verwirrt.
Distanz halten.
Er geht einen Schritt vor, ich einen zurück.
Er sieht verletzt aus.
Egal.Distanzieren und weiteratmen.
War auch schonmal leichter.

Als wir zum Bahnhof laufen, ist der Raucher nüchtern, dafür aber übelkeits- und schwindelgefühlsgeplagt, viel zu viel Alkohol plus jede Menge Kippen und keinerlei feste Nahrung sind tendenziell eben eher ungesund; trotzdem hat er darauf bestanden, mit uns zu Kriemhilds Auto zu laufen, statt an der Halle zu warten und sich von uns einsammeln zu lassen.
"Ich bleib jetzt bei dir!", erklärt er seinen Beschluss, während wir durch leergefegte Straßenzüge ans andere Ende der Stadt laufen, wie damals nach der Bitchparty; vorbei an der geschlossenen Billardkneipe, der alten Chemiefabrik, in deren oberen Fenstern nach der Explosion nur noch einzelne Glasscherben an den verbogenen Metallstreben hängen, und vorbei am Haus des Patenonkels.
Oben in seiner Wohnung brennt noch Licht; die, in der meine Großeltern gelebt haben, hat er wohl seitdem nicht mehr betreten.
Kriemhild verschwindet hinter einer Straßenbiegung, ich stehe immer noch vorm Gartentor. Das niedrige Holzgartentor, dessen Tür ich noch nie wieder zugekriegt habe.
Der komische Riesenkies auf dem Boden, über den man nicht barfuß laufen kann und der somit fehl am Platz ist, man sollte über alle Wege gefahrlos ohne Schuhe laufen können.
-Der Raucher legt seinen Kopf auf meiner Schulter ab und beschränkt sich darauf, mich festzuhalten.-
Sich endlos hinziehende Aufenhalte, die nur erträglich wurden, weil es manchmal Geld gab und Süßigkeiten, die ich immer heimlich gegessen habe, weil meine Mutter gesagt hat, wenn ich sie annehme, werde ich ein noch fetteres Schwein, als ich es sowieso schon bin.

Sie hat mich bis zuletzt nicht in Ruhe gelassen.
Bis zuletzt hat sie mich nicht in Ruhe gelassen, sage ich dem Raucher und verwirre ihn damit vermutlich, aber er ist zu müde und zu weit weg, um nachzufragen, und ich bin zu eigen und zu anders, um zu erklären, dabei ist da eigentlich so viel.
Aber keiner von uns sagt was, und Kriemhild hat sich inzwischen vermutlich schon längst verlaufen, während wir vor dem Haus mit dem Gartentor, das ich nie zukriege, stehen, ich verloren, der Raucher verpennt, und ich könnte sagen, immerhin haben wir noch uns, aber ich weiß nicht, ob das so ist und ob es so gut ist.
Zu vieles, was er nicht verstehen kann und nicht verstehen will, und wir steigern uns doch nur gegenseitig in unserem Wahnsinn, jeder für sich.


Im Haus des Patenonkels ist immer noch ein Lichtschimmer.
Ich habe seit einem Monat nicht auf seine Mail geantwortet. Weiß nicht, was ich machen soll.

Immer noch die selbe Hofeinfahrt und das selbe Haus, jetzt ohne Opa, ohne Oma und ohne Mutter, und der Briefkasten ist neu und sein Auto auch.

Der Raucher schiebt mich behutsam weiter, bestimmt wartet die Katze schon, meint er und hat schon bläuliche Fingerspitzen,weil es vermutlich kalt ist, besonders, wenn man wie wir keine richtigen Jacken dabei hat.
Ich merke nichts, er schon, also setzen wir uns in Bewegung und gehen da hin, wo ich Kriemhilds Auto vermute, damit wir endlich nach Hause kommen.

Als ich mich an der Straßenbiegung nochmal umdrehe, brennt im Dachfenster immer noch Licht.

Den Fremden habe ich in der Sporthalle zurückgelassen ohne mich zu verabschieden.




Mittwoch, 13. Februar 2013
Thema: monolog
Ms Golightly dann doch noch dabei, der Fremde hat sie zum Einsatzort gefahren und mich zur Begrüßung sehr vorsichtig auf die Wange geküsst.
Ein zurückhaltendes Lächeln in seinem besonnenbrillten Gesicht, ein paar Worte, Bereitschaftsleiter betritt die Bühne, der Fremde velässt sie, mayhem ab Richtung Garderobe.
Mit Wohlgefühl.

Dienstkleidung gibt Sicherheit. Ich bin kategorisierbarer damit. DRK, SEG Mayhemsdorf, Sanitäterin. Klare Beschriftung, klare Aussage, klare Aufgabe. Klare Funktion, klares Ich. Alles ganz einfach.
Ein bisschen mit Betrunkenen reden, freundlich zu kleinen Kinden und alten Omas sein.
Stabil, sachlich, neutral. Über der Situation stehen, aber menschlich genug, um trotzdem dabei zu sein.
Mit weisem und vertrauenserweckenden Blick das Schlachtfeld überwachen, gegebenenfalls eingreifen und hier und da Pfläumchen in die Hand gedrückt bekommen, um sie ein wenig später unauffällig weiter zu verschenken.

Dienstkleidung gibt Sicherheit, an Dienstkleidung prallt alles ab. Alles mit Sicherheitsabstand.
Ein bisschen der Vatersfeundin zuhören, ein bisschen mit dem Schreikind spielen, ja, ich weigere mich immer noch, meine Quasi-Nichte auch als solche anzusehen.
Hab schon genug Familienzugewinn durch den einen Mann da, der vielleicht mein Vater ist, und alles, was er sonst so in die Welt gesetzt hat plus die Familie des Rauchers, die mich standhaft aufnehmen will. Die Eltern meckern ein bisschen, weil ich mich nie traue, Hallo zu sagen, die Schwester hat mich sowieso schon ins Herz geschlossen und die Oma bittet mich immer, meinen Dutt aufzumachen, fragt ganz schüchtern, ob sie mein Haar anfassen dürfe und streicht dann andächtig durch. Sogar der Hund mag mich.
Es ist zum Ausderhautfahren.

Dienstkleidung schützt leider nicht vor allem.
Als die Nachbesprechung mit der Feuerwehr vorbei ist und ich von Ms Golightly erfahren habe, dass der Fremde schon länger wieder solo ist, stiefle ich gerade wieder Richtung Auto, um mich meiner viel zu weiten Einsatzuniform zu entledigen (nein, der Kreisverband hat es immer noch nicht für nötig gehalten, der einzigen Frau in der Bereitschaft passende Sachen zu stellen) und mir was ansatzweise Vorteilhaftes anzuziehen, bemerke noch eine verschwommene Bewegung im Augenwinkel und habe kurz darauf die Ghettoschwester am Hals hängen, die mir völlig betrunken ins Ohr schreit, wie lieb sie mich hat und bei der Gelegenheit ihre Flasche Asbach über/in meine Tasche mit der Zivilkleidung schüttet.
Und weil Parasiten immer in Horden auftreten, bin ich kurz darauf umringt von Ghettokindern, dem Grinch, dem braunhaarigen Fangirlie und dem Fremden, der im Bademantel unterwegs ist und aussieht wie ein Zuhälter.
Genug Ware hat er ja im Schlepptau, denke ich mir so, bin ein bisschen eifersüchtig, erleide einen akuten Anfall von Negativgefühl, weil ich mich ja in eine nicht-offene Käfigbeziehung habe drängen lassen und beschließe, mich auf die Suche nach dem Gefängniswärter alias dem Raucher zu machen.
Finde ihn dann auch, im Gegensatz zum Pinguin steht ihm die böse-Biker-Kluft sogar, will das zum Anlass nehmen, mich davon zu überzeugen, mich doch ein bisschen (mehr?) in ihn zu verknallen, werde in meinen Bemühungen aber dadurch, dass Mr.Gaunt im Jack-Sparrow-Kostüm nicht nur gut, sondern schlicht und ergreifend geil aussieht und der Fremde nebenher beständig versucht, mit mir zu reden, doch etwas gestört.
Begrüßungskuss vom Raucher, überraschenderweise ist die einzige Ursache für meine innerliche Abwehrreaktion die Tatsache, dass er nach Bier und Zigarettenrauch stinkt wie eine ganze Kneipe.
Vielleicht wird es ja doch noch.
Stehe so zwischen den Gesprächsgruppen und fühle mich deplatziert, bis die Ghettoschwester mich bittet, sie zur Toilette zu begleiten, weil sie nicht mehr alleine geradeaus laufen kann.
Mache ich, bin ja schließlich ein netter Mensch.

Hätte ich nicht machen sollen, bin schließlich hypersensibel (das sogar offiziell) und potenziell depressiv.
Weibergekicher drinnen, während ich vor der Tür warte, dann die Stimme des braunhaarigen Fangirlies.
Will eigentlich weghören, aber sie klingt so stolz, und dann fällt der Name des Fremden.
Von einer offenen Beziehung ist die Rede, oder, nach kurzem Überlegen, eher Fickbeziehung, man habe sich da so drauf geeinigt, weil sie untervögelt und er Dauersingle war.

Dienstkleidung schützt leider nicht vor Herzschmerz.
Spontanflucht, als sie mit den Einzelheiten auspackt und erzählt, wie doof er sich doch angestellt hätte; ich überlasse die Ghettoschwester ihrem Schicksal und hoffe, dass sie jemand anders wieder zu ihren Freunden zurückträgt.
Eine sehr schnelle Verabschiedung vom Raucher und den ganzen Leuten, die ich nicht mag, Mr. Gaunt ignoriert mich weiterhin eiskalt, ja, es tut weh, die Abschiedsumarmung des Fremden lasse ich ins Leere laufen, werfe meine Tasche und mich auf die Trage hinten im Auto, während der Bereitschaftsleiter zu doof ist, um es anzukriegen und deswegen lautstark mit dem gesprächigen Kollegen ehekracht.

Ein bisschen Heulbedürfnis, ein bisschen Herzschmerz.
Eine SMS von Kriemhild und, dank einem geistigen Kurzschluss, eine Zusage meinerseits.

Somit abends Fasching, Part 2 in der Heimatstadt meiner Mutter.