In der Maulwurfjagd meiner aktuellen Lebenssituation gibt es wenig Erfolge, aber immerhin etwas Abwechslung:
Je nachdem, wer gerade am Hebel sitzt, erwischt mich entweder der Holzpfahl (Großvater Mayhem hat einige Nachmittage damit zugebracht, lange, angespitzte Holzpflöcke in jeden Maulwurfhügel zu jagen, der sich in unserem Garten zeigte) oder das, was dafür zuständig ist, einen in den endlosen Erdtunnel zu schubsen.
Dann falle ich, bis zum Mittelpunkt der Erde und auf der anderen Seite wieder raus und in's Weltall. Dreck in der Fresse und dreckfressend, Der Maulwurftunnel in die Hölle, an ihr Ende und ins grausamtaube Nebelnichts führt durch Jahrtausende an Erdeich und ist selten ordentlich. Manchmal kommt es zu Stau oder stockendem Verkehr, weil eine Gesteinsplatte rutscht, ein Lavastrom Hochwasser hat, oder ein Regenwurm links abbiegen will.

Gerade sind wieder Maulwurfhügeltage; solche mit SaurerRegenSturmflut in den Gängen als dritte Option der täglichen Vergehens- und Auferstehungsroutine.

JedesMaildergleicheScheißverdammtnochmalichkommdaniemalsraus. Dass die Grundbesetzung dieser Geisterachterbahnfahrt in Teilen konstant bleibt, taugt tendenziell eher wenig zum Trost. Rutschen in alte Muster weil ich den Scheiß nie richtig gebacken kriege ist vielleicht "Symptome, die wiederkommen", aber was bringt mir das im Endeffekt?
ich krieg's nicht hin mit der Uni, mit nem Schlafrhythmus, mit Alltagskram; damit, nicht in Endlosverzweiflung, Schamgefühl, Selbstvorwürfen, Überzeugung von meiner Unfähigkeit, Faulheit, Hässlichkeit und der Tatsache, dass ich mein irgendwann mal vorhandenes Potential verschenkt und mich in eine Sackgasse eingemauert habe, zu versinken. Egal, wie oft ich mir vorbete, dass es auch Sachen gibt, die klappen, egal, wie oft ich versuche, mich auf Positives zu konzentrieren, es abprallen zu lassen und weiter zu machen, ich verliere immer wieder den Boden unter den Füßen, wenn ich gerade dabei war, auf ihn zu vertrauen
Der Gewöhnungseffekt versäumt es, eine Abstumpfung mit sich zu bringen, es tut sich immer wieder der Boden auf und lässt mich fallen und beinahe ertrinken.
Ich habe ein Talent dafür, dem um Haaresbreite zu entkommen, aber auch genug Naivität und Trotz oder Verzweiflung in mir, um jedes Mal wieder davon überzeugt zu sein, dass das unmöglich das ist, wie ein Leben eben passiert; diese Geisterachterbahn mit Torture Chamber Haunted House - Effekten.
Plötzlich im Mühlrad hängen und die immergleichen Wiederholungen. Selbstsabotage (oder Unfähigkeit, oder Symptome?), Angst, Sichsachenverbauen, Selbstekel, noch mehr Angst, die Sackgasse, in die ich mich selbst steuere(?) und aus der ich nicht mehr rauskomme, die lichten Momente, auf einmal wieder ein Maulwurfhügelmoment, gepfählt werden oder fallen, die Tage bestehen wieder nur aus Dingen, die ich nicht geschafft habe, immer mehr Steinen auf dem Weg, immer weniger aushalten können, immer mehr traurigverzweifeltgereiztagressivverlorenschämendhoffnungslosrebellierend.
Es passiert immer wieder das gleiche und ein Fragefenster ploppt auf, in dem mich die Microsoft-Hilfebüroklammer fragt, ob ich vielleicht Hilfe dabei brauche, mich daran zu gewöhnen, weil die Versuche, es zu ändern, doch immer wieder scheitern.
Dennoch starte ich jeden Versuch im Glauben an die Möglichkeit, dass er zumindest teilweise gelingen kann; ob neues Semester, neue Therapeutin, neuer Abnehmversuch, oder Sozialinteraktions-Experiment. Und dann geht es schief und es ist meine Schuld und ich steh wieder da, staunend - ob darüber, dass ich es dennoch versucht habe, oder darüber, dass ich tatsächlich geglaubt habe, es schaffen zu können, ist unterschiedlich.

Ich bin also gefühlt wieder auf Start.
Unibesuchen klappt nicht richtig, Uninachbereitung erst recht nicht. Besuch in der Höhle des Studienkredit-Satans? HA, schön wär's, ich bin ja schon froh, nach mehreren Wochen gestern endlich den Semesterbeitrag an die Krankenkasse gezahlt zu haben, und das sind nur ein paar Online-Klicks. Und wenn ich noch ein einziges Mal höre, mach doch 'ne To-Do-Liste, oh, das wird doch langsam dringend, hm, wie läuft's denn in "wichtiger anderen Lebensbereich xy", was macht denn die BA, etc, kriege ich einen verdammten Anfall werde ich freundlich, aber bestimmt darauf hinweisen, dass das nicht hilfreich ist, weil es Batteriesäure in die Wunden ist mir noch mehr Druck, Unfähigkeitsgefühl und Emotionen auffrachtet und dafür sorgt, dass ich mich noch verlorener und unfähiger fühle. Angenehmerweise akzeptiert die Therapeutin meine nachhaltige Abneigung gegen To Do-Listen, findet Freude-Tagebücher ebenfalls doof und glaubt mir, dass ich das schon alles im Kopf/auf dem Schirm habe, aber die Entscheidung, nicht darüber zu reden/es gerade nicht aus dem Aalfass zu angeln, in den meisten Fällen eine bewusste zur Vermeidung größerer emotionaler Schmerzanfälle ist. Dass ich es schon bearbeite, auch Unangenehmes, aber das Rauszerren von/"Erinnern an" Dinge(n), über die ich zu diesem gegebenen Zeitpunkt nicht reden möchte, das Tor zur Hölle aufreißt und mir im besten Fall nur den ganzen Tag versaut oder eine temporär beschränkte Maulwurfhügelrunde startet. Ja, meine Sensibilität ist so ein Stück weit persönliches Pech, der Umgang damit erlernbar, und ich bin gottfroh darüber, dass es Verhaltenstherapie und halbwegs gute Antipsychotika gibt, aber manchmal, da würde ich am Liebsten einen Termin beim Lobotomobil ausmachen - da ich zwar relativ ver-/gestört, aber nicht vollkommen lebensmüde bin und der Besuch von medizinischen oder anderweitig autoritätstragenden Einrichtungen (und das dafür notwendige Terminausmachen) bereits in weniger zwielichtigen Situationen ein Maximum an Vorbereitung und mittelsanfter mentaler Gewalt gegen mich selbst erfordert, verzichte ich allerdings dankend darauf und werde mir stattdessen ein Informationsschild umhängen, um Menschen bereits vor dem Beginn eines Kommunikationsaktes darum zu bitten, mich nicht zu fragen, wie die Uni/die Finanzplanung oder andere Projekte des Alltags laufen, sondern stattdessen vielleicht einfach, wie es mir geht.

Gerade: aus einer Verzweiflungskurve (Hausaufgabe nicht hochgeladen, Mail geschrieben und um Gnade gebettelt) in Stress und innere Anspannung/Gereiztheit kippend, weil ich Idiot gesagt habe, dass ich bereit bin, heute das Haus zu sozialen Zwecken zu verlassen, was in mir in etwa die Begeisterung hervorruft, die Jesus an Karfreitag empfunden haben mag, Absagen aber in etwa die Menge an Schuldgefühl hervorrufen würde, die Judas vermutlich in der gleichen Situation beschäftigt hätte.

Gott, ich hab' keinen Bock auf den Scheiß und will mich einfach nur in Ruhe daheim vergraben und nichts produktives machen, obwohl ich das dauernd mache, ich bin kurz davor, Judas Judas sein zu lassen und abzusagen, Reservierung und 'ne Könnteeinefreundinwerden, die dann alleine hin muss, hin oder her; kenne meinen Hang zu Impulslastkurzschlüssen aber zu gut, um es nicht rauszuögern, indem ich mich zum weiterschreiben und parallelreflektieren zwinge.
Hat schließlich keiner gesagt, dass das hier Quality Content ist.





akrabke, Freitag, 8. November 2019, 08:55
"Es gibt kein richtiges Leben im falschen."
Sie sollten aufhören, sich passend zu machen für etwas, das Ihnen nicht liegt. Lassen Sie auch mal diesen Psychosprech, sie haben doch ganz andere Qualitäten!


mayhem, Samstag, 9. November 2019, 23:32
Was genau meinen Sie mit "Psychosprech", und worauf beziehen Sie sich mit dem "passend machen" für etwas, das mir "nicht liegt" ?


Edit: So generell fühlt sich, so im Vergleich zum bisherigen, das Leben, das ich mir gerade baue, bzw. auf das ich hinarbeite, ziemlich deutlich ziemlich richtig an. Ich weiß, was ich im Master studieren und in welcher Richtung ich arbeiten möchte, mache Fortschritte in der Therapie, den Katzen geht es gut, und wenn ich es möchte, kann ich mir sowas wie einen Freundeskreis aufbauen.
Für mich fühlt sich das richtig an. Das Drumherum und der Weg sind das, was mich mitnimmt.


akrabke, Sonntag, 10. November 2019, 09:03
Entschuldigung, liebe Mayhem, dass mein Kommentar etwas unfreundlich klingt und vielleicht ist er auch völlig ungerechtfertigt und überflüssig. Ich lese Sie schon seit längerem, lese Ihre Bemühungen, sich in der Welt zu behaupten, und Ihre Texte berühren mich stets – ich finde, Sie haben ein reichhaltiges und lebendiges Vokabular; bei dem man u. a. erkennt, dass Sie in – äh ... therapeutischen Zusammenhängen denken, dass Sie therapieerfahren sind. Vielleicht ist es das, was Sie auch gleichzeitig einschränkt: der Blick auf die "Fortschritte in der Therapie" und der Glaube an Kontrolle, wenn man nur hier und da an den richtigen Schrauben drehten täte.
Sie haben überhaupt keinen Grund, sich nicht zu mögen, das ist es, was ich eigentlich sagen möchte.


mayhem, Sonntag, 10. November 2019, 17:28
Ich danke Ihnen für die Klarstellung und die Schilderung Ihrer Wahrnehmung, das ist für mich beides eine gute Übung (Reflektion über die Wahrnehmung anderer Menschen, sowie Unterstützung der Entscheidung, erst mal nachzufragen, wie etwas gemeint war, bevor ich es als persönliche Kritik aufnehme oder denke, etwas "falsch gemacht" zu haben).

Und vielen Dank für das Kompliment an meine Ausdrucksfähigkeiten! :) In den meisten Fällen schreibe ich hier einfach runter, und es ist ein schönes Gefühl, zu denken, dass ich sprachlich ein bisschen was auf dem Kasten habe. Zumal eines meiner Studienfächer im literarisch-sprachlichen Bereich liegt und ich als Viertklässlerin beschlossen habe, an's Gymnasium zu gehen, um studieren und später, "wenn ich groß bin", mein Geld mit Schreiben verdienen zu können.

Meinen Denkstil schaue ich mir die nächsten Tage unter diesem "Therapie-Fortschritt"-Blickwinkel mal an. Mir selbst ist es noch nicht in den Sinn gekommen, dass das einer der Frustrationsauslöser sein könnte, und das ist eine interessante Überlegung. Die Akzeptanz der "Kontrollverluste" ist eine Übung, die ich nach wie vor absolviere, meistens reicht es auch für ein "ok, dann ist das jetzt eben so, was auch immer gerade in meinem Hirn rumfliegt, ist da jetzt halt", aber gerade, wenn für mich sehr schwierige/unangenehme "Muster", die ich von mir schon lange kenne und mit denen ich schon lange kämpfe, immer wieder kommen, nimmt mich das mit und ist Futter für die Selbstzweifel/Schwarzweißsicht/Verzweiflung.Als konkretes Beispiel: ich habe aufgehört, mir permanent Vorwürfe dafür zu machen, dass ich phasenweise schwer oder gar nicht aus dem Bett komme, weil ich inzwischen (meistens) davon ausgehe, dass das nicht an meiner Faulheit liegt (und somit in die Kategorie "das klappt nicht, weil ich unfähig und scheiße bin und keine Selbstdisziplin habe), sondern an anderen Umständen (Energiemangel, Angst, Überlastung, Nebenwirkungen der Medikamente), also quasi mehr ein Symptom ist als eine persönliche Verfehlung.
Dass es immer wieder passiert, quält mich dennoch, weil ich sehe, dass ich das eigentlich nicht möchte (mir zB vornehme, vormittags aufzustehen, um einen Termin auszumachen oder wahrzunehmen), aber trotzdem nicht rauskomme aus der Nummer (mit entsprechenden negativen Folgen, je nachdem, worum es ging). Ähnlich bei Prüfungsleistungen: ich mag mein Studium, bis auf einige wenige Pflichtkurse, sehr gerne, und ich will das eigentlich auch machen. Trotzdem habe ich immer wieder Probleme mit Abgabefristen und habe in der Vergangenheit oft Sachen gar nicht abgegeben. Ich versuche es dennoch jedes Semester erneut, das so gut zu machen, wie es eben jeweils geht, aber die Folgen der vergangenen Semester spüre ich, und Spielraum habe ich inzwischen nicht mehr, was die Angst nährt, es sich verbaut zu haben, und die Traurigkeit/Verzweiflung darüber, dass mir das immer wieder passiert.
Mein Ziel ist gar nicht, alles perfekt unter Kontrolle zu kriegen, weil ich glaube, dass man das nicht muss und das auch nicht jeder kann/möchte; sondern eher, einen Umgang damit zu finden und die ein oder andere Blockade an-/aufzulösen, wenn davon auszugehen ist, dass die "erlernt" ist (Bsp.: die Annahme, für Freundschaft, Liebe oder Akzeptanz permanent leisten und performen zu müssen - ich hab' als Kind gelernt, dass die Welt so funktioniert, verhalte mich entsprechend und empfinde das als schmerzhaft, gerade auch, weil es oft nicht willentlich/bewusst passiert. Mein erwachsenes Ich geht inzwischen davon aus, dass die Welt diesbezüglich nicht (immer) so funktioniert, und möchte das "um-lernen", weil ich gerne bewusster, und weniger von Ängsten/Automatismen gesteuert handeln möchte, und weil ich es als anstrengend und beschämend empfinde, wenn jeder Bekanntenkreis eine andere Frau Mayhem kennt). Das muss gar nicht immer klappen oder immer funktionieren, und ist garantiert auch kein linearer Prozess, aber es ist etwas, was ich für mich erreichen will.

Das war jetzt ein recht langer Kommentar, aber vielleicht hat er irgendwie zum Verständnis beigetragen/zur Präzisierung. Gerade, weil ich einfach so runter schreibe und den Blog oft zum Abladen akuter Emotionsfluten nutze, kommen da manche Sachen verzerrt rüber, glaube ich.

jedenfalls: nochmal danke für den Input, das hält mein Gehirn und meine Denkmuster beweglich. :)

Am sich-mögen arbeite ich, und da sehe ich tatsächlich Fortschritte, gerade auch, wenn ich hier ältere Einträge lese. Früher habe ich mich da oft geschämt, inzwischen bin ich auf diese "andere" mayhem und das, was sie so schreibt,auch immer wieder mal stolz - und auch ein bisschen traurig, wenn da Dinge waren, die ich damals noch nicht so verstanden habe.


akrabke, Montag, 11. November 2019, 09:52
Danke, liebe Mayhem, für Ihre Offenheit.
Hm, ja, stimmt. Therapie-Fortschrittsglaube ist ja verbunden mit dieser Selbstoptimierungsidee. Aus eigener Erfahrung habe ich immer Sorge darüber, wer diese "Ziele" festlegt. Es sind ja doch auch nur Menschen/Psychologen/Ärzte mit einer bestimmten Absicht. Wenn es darum ging, in Gesellschaft/Kapitalismus zu funktionieren, habe ich mich immer – nicht vollständig verweigert, aber doch immer Weigerung gespürt, was sehr anstrengend ist auf Dauer. Es ist gut, die eigenen Maßstäbe zu finden, denen man dann aus Überzeugung folgen kann. Ich bin überzeugt, dass Sie Dissonanzen zwischen Eigenem und fremd Aufgesetztem schnell erspüren können. Lassen Sie sich nicht verführen.


mayhem, Sonntag, 17. November 2019, 23:35
Selbstoptimierung kann unter bestimmten Umständen zum gefährlichen Pflaster werden, da stimme ich zu.

Das praktische an meiner Psyche ist ja, dass die schiefen Maßstäbe vorranig in mir selbst/aus mir selbst sind. Ihr Input kommt vielleicht von Außerhalb, der Mensch lebt ja nicht isoliert, sondern in einem sozialen Umfeld, aber als solche kann ich sie hinterfragen - die destruktiven, die ich mir dann daraus bastle, sind die schwierigeren.
Ich tue mir schwer damit, so vieles "auf meine Kindheit zu schieben" (so fühlt es sich an), aber die These, dass das doch teilweise angebracht ist, verhärtet sich - wie die Welt funktioniert, habe ich von meine Mutter gelernt, und die hatte da nicht unbedingt die akkurateste Sicht drauf. Oder vielleicht schon, aber es erschien ihr angebrachter, mir das anders beizubringen, wer weiß. Sonstiges soziales Umfeld war stark reduziert, ich hatte eigentlich nur diese Bezugs- und Orientierungsperson.

Immerhin habe ich ein paar eigene Maßstäbe, recht viele sogar, und die funktionieren für mich gut:
ich habe bestimmte moralische und ethische Vorstellungen, und gewisse Prioritäten, Grenzen und Vorstellungen davon, ob, wann und wie weit ich über sie hinaus gehe sowie No-Gos, an die ich mich halte.
Scheint also soweit ganz gut im Werden zu sein. :)

mayhem, Samstag, 9. November 2019, 23:46
Update:
Abend war gut, zumindest, bis mir auf dem Heimweg ein seltsamer barfüßiger Mann trotz Straßenseitenwechsel hinterher gelaufen ist. Nachdem wir auf diese Art drei Mal um den Block gelaufen sind, weil ich dachte, kann ja auch Zufall sein, bildest du dir bestimmt nur ein, war ich dann doch etwas unruhig.
Bin heile in meine Wohnung gekommen, also alles gut.